Buchtipp: Ich bin gut, ganz und schön! von Brigitte Enzner-Probst und Gina Schibler (Hrsg.) 

Buchtipp: Ich bin gut, ganz und schön! von Brigitte Enzner-Probst und Gina Schibler (Hrsg.) 

VON Tanja Kasischke

Veröffentlicht am: 29. September 20264,2 min Lesezeit821 WörterKategorien: Ausrüstung, LesenSchlagwörter: , , , , Aufrufe: 11

„Ich bin gut, ganz und schön!“

Von Brigitte Enzner-Probst und Gina Schibler (Hrsg.)

Evangelische Verlagsanstalt Leipzig

Feministische Theologie weiterdenken. Ein Studien- und Lesebuch. Elisabeth Moltmann-Wendel zum 100. Geburtstag

Eine Neuerscheinung würdigt die Theologin Elisabeth Moltmann-Wendel anlässlich ihres 100. Geburtstags. Ihr Name lässt aufhorchen, zumindest den kirchlichen inneren Kern: Moltmann-Wendel war die Ehefrau des Tübinger Professors und Systematikers Jürgen Moltmann, beide Jahrgang 1926. Beide gehörten einer Generation an, in der Frauen nicht selbstverständlich studiert haben und wenn doch – sie sich an der Hochschule und im späteren Berufsleben zu behaupten hatten, falls sie nicht durch Heirat, Familiengründung und Kindererziehung hinter den Männern zurückfielen. Ersteres traf auf Elisabeth Moltmann-Wendel zu, letzteres nicht. Sie hat nie ein Pfarramt bekleidet. Ohnehin fühlte sie sich am Schreibtisch und in der theologischen Bildungsarbeit wohler.

Sie gilt als Pionierin feministischer Theologie im deutschsprachigen Raum. Das ist die eigentliche Würdigung hinter dem dreistelligen Jubiläum, an der sich auch die Monografie von Brigitte Enzner-Probst und Gina Schibler orientiert: „Ich bin gut, ganz und schön. Feministische Theologie weiterdenken.“ Beide Herausgeberinnen sind pensionierte Pfarrerinnen und fachlich wie persönlich mit Elisabeth Moltmann-Wendel verbunden gewesen. Brigitte Enzner-Probst gehörte zu den ersten Pfarrerinnen der Evangelisch-Lutherischen Kirche Bayerns, Gina Schibler in der Reformierten Kantonalkirche Zürichs. Sie legen keine Biografie ihrer Mentorin vor, sondern haben sich auf ein Werkstattbuch verständigt, das diskutiert, wie zeitgemäß die vor und 50 Jahren formulierten Ansätze feministischer Theologie heute noch sind. Das muss man wissen. Die Person tritt hinter ihrer Weltanschauung zurück – oder: durch sie in Erscheinung. Es ist keine aggressive Lanze für Geschlechtergerechtigkeit, die Elisabeth Moltmann-Wendel in den 1970er Jahren bricht, sondern eine von Forschergeist und christlicher Ebenbildlichkeit Gottes getragene Lehre. Sie mahnte, „ruach“ als Geistkraft zu bedenken, orientiert am grammatischen, weiblichen Geschlecht des Wortes im hebräischen Original. Pauschalisiert haben wollte sie die weibliche Form aber nie, sondern eine an der Übersetzung orientierte Diskussion führen. Angefangen beim eigenen Ehemann.

„Das Buch spornt an, biblisch-theologische Texte mit (mehr) Sinn und Sinnlichkeit zu lesen.“

Der eigenwillige Titel des nun neu im Programm der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig erschienenen Buches ist ein Zitat Moltmann-Wendels, mit dem sie die lutherische Rechtfertigungslehre deutete und ihre universale Gültigkeit für alle Individuen betonte. Neben der theologischen Dimension ihrer Arbeit – sie forschte zu biblischen Frauenfiguren und ihrer ekklesiologischen Bedeutung – waren ihr Körperlichkeit und Sexualität der feministischen Theologie der 1970er Jahre ein Anliegen. „Ich bin gut, ganz und schön“ war die radikale Bejahung dieser Sicht, mit der Elisabeth Moltmann-Wendel nicht nur den Zeitgenossinnen aus der Seele sprach, sie hoffte auch, „der Kirche wieder ein bisschen Geist und Lebensmut einzuflößen“.

Das Buch biedert sich also nicht dem Social-Media-Zeitgeist an, indem es zu Ich-Bezogenheit aufruft. Wer das tippt, ist auf der falschen Fährte, wenngleich der Gedanke nicht abwegig wäre: Zufällig veröffentlichten der Rapper Rayan Djima und die Sängerin Shirin David fast zeitgleich mit dem Erscheinen der Moltmann-Wendel-Monografie einen Song, der „Gut genug“ heißt. Er handelt davon, sich in Zeiten von Shitstorms und Hate Speech selbst treu zu bleiben. Das in den 1980er Jahren gesponnene Tübinger Netzwerk feministischer Theologinnen, das Elisabeth Moltmann-Wendel angeschoben hatte, legte seinen Fokus auf die Körperlichkeit und das Unbewusste – rein operativ ist es dasselbe Form der Artikulation: Gott nimmt den Menschen an, ohne dass der (und die) sich erst beweisen oder einem Ideal entsprechen muss. Du bist Gott genug.

„Gott nimmt den Menschen an, ohne dass der (und die) sich erst beweisen oder einem Ideal entsprechen muss. Du bist Gott genug.“

Brigitte Enzner-Probst und Gina Schibler gehen die Theologie Elisabeth Moltmann-Wendels modular durch. Das ist nicht nur anwendungsorientiert, es verrät den Charakter des Bandes, feministische Theologie basisnah weiterzudenken. Diese Anschlussfähigkeit banalisiert sie keinesfalls. Moltmann-Wendel, schreiben die Herausgeberinnen, habe sich am Ende ihres Lebens gefragt, wie es weitergehen würde „angesichts der Ablösung feministischer Reflexion von Erfahrung und gelebtem Leben und mit ihrer zunehmenden Verwissenschaftlichung“. Denn zum produktiven theologischen Denken gehöre „die bewusst riskierte Zusammenmengung heterogener Ebenen (…) und die Integration der eigenen spirituellen Geschichte und Erfahrung.“ Das ist ein großer Schirm, unter dessen Dach sich Theologinnen, Theologen, kirchlich interessierte Laien und Gemeinde-Aktive austauschen können.

Tatsächlich: Praktisch-theologische Analysen biblischer Frauenbilder gibt es in großer Zahl, und in der Gegenwart verankert sind sie auch, vom Frauenkirchenkalender, den Brigitte Enzner-Probst bis zu ihrer Pensionierung mit herausgab, über Dialogformate, Tagungen, Ausstellungen, Vorlesungsreihen. Damit ist ein Kapitel feministischer Theologie auserzählt. Wie ist es um den Anspruch bestellt, „Kirche wieder ein bisschen Geist und Lebensmut einzuflößen“? Dahinter setzen die Herausgeberinnen von „Ich bin gut, ganz und schön“ ein Ausrufezeichen. Das Buch spornt an, biblisch-theologische Texte mit (mehr) Sinn und Sinnlichkeit zu lesen, „die Gotteserfahrung zu genießen und“, so äußerte die Jubilarin anlässlich ihres 85. Geburtstages, „Christus zu entdecken“. Nach den Töchtern ist dies nun an den Enkelinnen – und Enkeln.

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