Buchtipp: „Du meine Seele singe“ von Erika Geiger
Buchtipp: „Du meine Seele singe“ von Erika Geiger
VON Tanja Kasischke
„Du meine Seele singe“ – Paul Gerhardt, Prediger und Poet
Von Erika Geiger
Hänssler

Zwei Jahre nach dem Jubiläum „500 Jahre Evangelisches Gesangbuch“ gedenkt die Kirche 2026 einem, der 140 Klassiker dazu beigesteuert hat: Paul Gerhardt (1607–1676). Ein ökumenischer Anlass, denn mehrere seiner Lieder fanden zudem Aufnahme ins katholische „Gotteslob“. Der Großmeister der deutschsprachigen Kirchenlieddichter ist vor 350 Jahren in Lübben im Spreewald gestorben und auch dort bestattet. Gerhardts letzte Pfarrstelle in Lübben, bis 1815 sächsisch, war eine Flucht nach vorn, denn in Brandenburg-Preußen drohte ihm Ungemach. Die Auseinandersetzung mit dem reformierten Glauben, den der Kurfürst gleichberechtigt neben dem lutherischen Bekenntnis stehenlassen wollte, brachte den Theologen gegen den Landesvater auf. 350 Jahre nach seinem Tod ist Paul Gerhardt, bescheiden-wortgewaltig, durch seine Lieder in aller Munde. Sein Leben in Quellen nachzuerzählen, bleibt mühsam. Zuwenig ist überliefert, ein Umstand der Geschichte. Als gesichert aber gilt: Auf dem Sterbebett hat der 69-Jährige eigene Verse rezitiert.
Vor allem der Theologe Christian Bunners gilt als Paul-Gerhardt-Kenner, seine Monografie „Weg. Werk. Wirkung.“ wurde anlässlich des Jubiläums neu aufgelegt. Bescheidener gibt sich Erika Geiger, Lehrerin und Religionspädagogin aus München, die nach mehreren, teils preisgekrönten Biografien kirchenhistorisch bedeutsamer Personen nun einen Band über Paul Gerhardt vorgelegt hat: Für alle, die sich anlässlich des 350. Todestags erstmals näher mit dem Mann aus dem Gesangbuch befassen möchten.
So orientiert sich bereits der Buchtitel „Du meine Seele, singe“ an einem Lied des Dichters, im Evangelischen Gesangbuch die Nummer 302 zu finden (im Gotteslob als 804). Ein Text, den Paul Gerhardt aus Psalm 146 ableitete. Auf dem Cover des Buches steht der stilisierte Poet in einer Art Heidelandschaft, gestützt auf einen Wanderstock. Könnte auch ein Caspar David Friedrich sein, das Bild, romantisch-verklärt. Der Eindruck ist nicht unwichtig für die Lektüre und Erika Geiger stellt heraus, dass erzählerische Freiheit in die Lücke springt, wo gesicherte Anhaltspunkte aus dem Leben Paul Gerhardts fehlen. Ein großer Briefeschreiber ist der Theologe nicht gewesen, ein Spaziergänger vermeintlich auch nicht – entgegen des ästhetischen Buchtitels. Paul Gerhardt war ein solider Arbeiter im Weinberg des Herrn, von dem man beim Lesen den Eindruck gewinnt, dass Ehrgeiz keine seiner Kardinaltugenden war; dafür Demut und Geduld. In kurzen Depeschen, gerichtet an seine Dienstherren, moniert er häufig lange Wege durch beschwerliches Gelände. Während sein kongenialer Kollege und „Entdecker“, Kirchenmusiker Johann Crüger, Lehr- und Wanderjahre tatsächlich auf Schusters Rappen verbrachte und sich in der Regensburger Domschule musikalisch fortbildete, zog Paul Gerhardt den Radius eng.
„Paul Gerhardt war ein solider Arbeiter im Weinberg des Herrn, von dem man beim Lesen den Eindruck gewinnt, dass Ehrgeiz keine seiner Kardinaltugenden war; dafür Demut und Geduld.“
Die Stationen dieses Lebens erzählt Erika Geiger kurzweilig nach. Vom südlichsten Punkt auf Paul Gerhardts Lebenslandkarte, der Schulzeit in Grimma, bis zum nördlichsten, Berlins Nikolaiviertel. Von den 14 Jahren in Wittenberg, wo er nach dem Abschluss in Theologie als Hauslehrer arbeitete und nebenbei Vorlesungen in Poetik und Dramatik hörte. In den erworbenen Kenntnissen fußt der Wert seiner späteren Liedtexte. Von seinen vermeintlich glücklichsten Jahren auf der ersten Pfarrstelle in Mittenwalde, die er erst 1651 antritt, mit 44 Jahren. Das ist die halbe Wahrheit, ja, die meisten Lieder sind made in Mittenwalde. In der Popularität unangefochten: „Geh aus, mein Herz und suche Freud“, Soundtrack des Kirchensommers.
Die andere Hälfte der Wahrheit verschweigt das Buch trotzdem nicht: Das Grauen des Dreißigjährigen Krieges, Tod, Krankheit, den Verlust lieber Menschen. Sowohl das Elternhaus in Paul Gerhardts Heimatstadt Gräfenhainichen als auch sein Dienstsitz in Mittenwalde fallen Feuern zum Opfer. Vier von fünf Kindern müssen er und seine Ehefrau Anna Maria ins Grab nachschauen, nur der Sohn Paul Friedrich überlebt beide Eltern. Er müht sich, den Nachlass des Vaters – eine Bibliothek mit über 1000 Büchern und Schriften – gut unterzubringen. Es ist ihm nicht vergönnt. Überall fehlt es an Geld. Seine Witwe versteigert die Bücher im Jahr 1716. Wie stünde es heute um Paul Gerhardts Vermächtnis, wenn es geklappt hätte, die Bestände zusammenhängend zu erhalten?
„,Du, meine Seele, singe‘ ist ein flüssig lesbares, stilistisch sicheres und anekdotenreich erzähltes Buch für einen Abend (oder eine Nacht) mit Paul Gerhardt.“
„Du, meine Seele, singe“ ist ein flüssig lesbares, stilistisch sicheres und anekdotenreich erzähltes Buch für einen Abend (oder eine Nacht) mit Paul Gerhardt. Es übermittelt grundsätzlich die Lebensleistung des Kirchenlieddichters, der tatsächlich kaum als Theologe wahrgenommen wird. Sie bestand darin, biblische Texte poetisch umzudichten. Geiger verweist geglückt auf die Zusammenarbeit mit Johann Crüger, der die Verse mit modernen musikalischen Mitteln vertont hat; weg vom monotonen Kirchenlied, hin zum Tänzerisch-Harmonischen. Damit glänzen die Lieder bis heute. Für einen Jubiläumsband ist das Aussage genug. Wer es eilig hat, findet hier einen guten Einstieg.
AUTORIN · AUTOR
Dr. phil. Tanja Kasischke war Redakteurin des Reformationsblogs „Mensch, Martin!“. Seitdem berichtet sie über Themen der missionarischen Gemeindeentwicklung, der Öffentlichen Theologie und wie Kirche den Wechsel von der sprachlosen Parochie zum ansprechenden Netzwerk meistert. Sehr begeistert ist sie von der Wiederentdeckung des prophetischen Amts als Teil der apostolischen Dienstgemeinschaft. Sie lebt in Berlin.

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