Wenn Verkündiger beten, …

Wenn Verkündiger beten, …

VON Dr. Ulrich Wendel

Von Veröffentlicht am: 2. Februar 2026Kategorien: Alle, Kompass, Unterwegs903 Wörter4,5 min LesezeitAufrufe: 30Schlagwörter: , , , ,

… aber Gott nicht der Adressat ist

Wenn du eine Predigt hörst oder eine Andacht und du merkst: Es spricht nicht nur ein Redner zu dir, sondern das ist auch ein Beter – wie großartig ist das! Die Predigt mit einem Gebet zu verbinden, ist oft sehr passend, denn gute Predigten wollen nicht nur informieren, sondern mit Gott in Kontakt bringen. Allerdings hat es auch seine Tücken, wenn Verkündiger beten.

Frei formulierte Gebete

In den verschiedenen Konfessionen werden unterschiedliche Gebetsformen geschätzt. Das frei formulierte Gebet steht hoch im Kurs bei freikirchlichen, pfingstlichen, evangelikalen und pietistischen Glaubenden wie auch bei solchen aus der Brüderbewegung. In freikirchlichen Gottesdiensten kommt es also nicht selten vor, dass ein Verkündiger oder eine Predigerin die Predigt mit einem freien Gebet beginnt oder abschließt. Ich selbst habe das in meiner aktiven Zeit als Gemeindepastor auch so gemacht.
Im Rahmen dieser Rolle, aber auch als aufmerksamer Predigthörer, ist mir dabei eine Sache aufgefallen. Ich benenne sie mit allem Respekt und in dem Wissen, dass es oft nicht gut ist, Gebete zu beurteilen. Gebet ist etwas Persönliches, manchmal gar Intimes. Andererseits ist Predigt per Definition eine öffentliche Rede – und das damit verbundene Gebet ist es auch. Daher nehme ich mir die Freiheit, meine Beobachtung anzusprechen:

Gott ist nicht der Adressat

Es gelingt nach einer Predigt oft nicht, die Rede-Richtung und die Tonalität zu ändern. Predigten richten sich naturgemäß an die Gemeinde, an die Hörerschaft. Sie wollen ermutigen, überzeugen, motivieren, gewinnen, nachdenklich machen und vieles mehr. Die Tonalität entspricht mehr oder weniger dem Ziel: werbend, eindringlich, meditativ, appellativ … Meine Beobachtung ist nun, dass viele Predigende in ihrem Anschluss-Gebet diese Tonalität beibehalten. Vermutlich unwillkürlich. Und implizit wird auch die Rede-Richtung beibehalten. Damit meine ich: Dinge werden erklärt, zusammengefasst, der Zweck des Zusammenseins wird benannt, Argumente werden wiederholt. Alles Dinge, die man Gott nicht sagen müsste – sie sind ihm bekannt. Die Art des Gebets signalisiert: Offenbar ist Gott doch nicht der eigentliche Adressat. Nicht immer ist es so, dass echte Bitten an Gott gerichtet werden oder dass ein echter Dank an ihn ausgesprochen wird. Häufiger erlebe ich Dankgebete nach diesem Muster: „Wir danken dir, dass …“ – und dann folgen Sachverhalte, die man der Hörerschaft bereits gesagt hat oder die man ihr sagen will.

Misslungener Rollenwechsel

Ich bin weit entfernt davon, das zu verurteilen. Es passiert einfach, unwillkürlich. Es liegt meist nicht am Unvermögen derer, die verkündigen, sondern an der Rolle. Die Rolle zu wechseln, vom Redner zum Beter, von der Predigerin zur Beterin, das gelingt oft nicht. Es gelingt jedenfalls nicht von selbst. Und es gelingt nicht, wenn man diesen Rollenwechsel nicht bewusst als Aufgabe definiert. Beten wir nach unserer Predigt spontan und frei formulierend, dann ist es doch so, dass wir einfach noch „in Fahrt“ sind und in die einmal eingeschlagene Richtung „weiterfahren“.

Die Art des Gebets signalisiert: Offenbar ist Gott doch nicht der eigentliche Adressat.

Diese Beobachtung mache ich übrigens nicht nur in Gottesdiensten und bei Andachten, sondern auch bei Teamsitzungen im kirchlichen Sektor. Unbestritten ist es sehr angebracht zu beten – vor, in und nach Meetings. Aber wenn die- oder derjenige, die/der die Sitzung leitet, dann auch noch das Gebet spricht, dann ist es oft zu schwer, die Leitungsrolle abzustreifen und die Beter-Rolle einzunehmen. Das Ergebnis sind wiederum Gebete, die eigentlich Appelle oder Motivationsreden sind: „Herr, wir bitten dich, dass …“ – und es folgen die Tagesordnungspunkte. Hinter diesen stecken wichtige Themen, und die sind ja tatsächlich oft identisch mit Gebetsanliegen. Aber Sitzungsgebete bewegen sich nach meinem Eindruck oft im Fahrwasser der Sitzungsleitung. Das macht es auch den Teilnehmenden schwerer, aus ganzem Herzen mitzubeten, wenn sie – in Inhalt und Tonalität – erneut das hören, was die leitende Person zuvor schon dreißig Minuten lang der Gruppe zu vermitteln versucht hat.

Vielleicht ist das Gebet zu kostbar und in gewisser Weise auch zu heilig, um es zum verlängerten Arm der Verkündigung oder der Sitzungsziele zu machen. Vielleicht nutzt es sich ab und die Glaubwürdigkeit der Predigenden als „Menschen vor Gott“ schwindet, wenn die Gemeinde oder das Team den Eindruck bekommt: Das Gebet dient demselben Zweck wie der Wortbeitrag vorher oder nachher.

Loslassen hat sein Preis

Was könnte helfen? Zwei sehr einfache Schritte. Entweder man entscheidet sich als Verkündiger oder Sitzungsleiterin konsequent dafür, die betreffenden Gebete nicht selbst zu sprechen, sondern jemand anderes damit zu betrauen. (Ja, als Prediger gibt man dann etwas aus der Hand. Wer weiß, ob die Person, die anschließend betet, die Stoßrichtung des Predigers richtig erfasst hat? Oder die Zielgerade etwa ein wenig abbiegt oder „zu viele“ eigene Akzente setzt? Aber Loslassen kostet etwas, und der Gewinn – die Glaubwürdigkeit des Gebets – hat seinen Preis.) Oder man bereitet sein Gebet schriftlich vor und trägt den zuvor entworfenen Wortlaut vor. In der Vorbereitung kann man sich besser Rechenschaft darüber ablegen, ob es ein „echtes“ Gebet ist, das sich wirklich an Gott richtet und die Gemeinde (das Team) zu Gott hin mitnimmt anstatt zu den Absichten des Redners (des Leiters).

Unterm Strich ist die Verbindung von Verkündigung und Gebet – ebenso wie die Verbindung von Kirchen-Meetings und Beten – ausgesprochen sinnvoll. Unaufgebbar. Gerade weil das Gebet so kostbar ist, sollten wir alles dafür tun, seine Heiligkeit zu belassen und es vor vordergründigen Zwecksetzungen zu schützen.

Foto von Nima Mohammadi auf Unsplash

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