Kirche erprobt den Außendienst

Kirche erprobt den Außendienst

VON Tanja Kasischke

Von Veröffentlicht am: 19. Januar 2026Kategorien: Alle, Unterwegs, Wildnis1162 Wörter6 min LesezeitAufrufe: 49Schlagwörter: , , , , ,

Vom Nischendasein zum Meilenstein. Oder: wenn das Konzept einer Gemeindekümmererin scheitert, die Saat aber trotzdem aufgeht

In Schwaben bekommt niemand ein X für ein U vorgemacht – auch kein Ü für ein Ä. Katja Benz war nicht Gemeindekämmererin in Oberndorf-Beffendorf, sondern Gemeindekümmererin. Die Jobbeschreibung im Querschnitt wäre: Netzwerkerin, Projektmanagerin, Außendienstmitarbeiterin des pastoralen Seelsorgeteams. Eine, die in dreierlei Richtungen laut denkt, die Bedürfnisse der Hauptamtlichen, die der Ehrenamtlichen und die der Gemeindemitglieder. Die Position schloss drei Jahre lang eine Lücke, die in der Mehrheit der Kirchengemeinden klafft – evangelisch wie katholisch und nicht nur im Dekanat Oberndorf, das zur Diözese Rottenburg-Stuttgart gehört. Bei den Hauptamtlichen fehlt Personal, Ehrenamtliche schultern mehr als genug Verantwortung und diejenigen, die noch im Berufsleben stehen, haben begrenzte zeitliche Ressourcen. Da ist von theologischem Miteinander noch gar nicht die Rede. Wer kümmert sich darum?

Was braucht die Gemeinde?

Benz spricht herzliches Schwäbisch und redet in warmen Worten von ihrer Heimat. Die Kinder sind inzwischen groß, der eigene Aktionsradius ist wieder weiter geworden. Das nahm die Augenoptikermeisterin zum Anlass, aktiv in der Kirche mitzuwirken. „Was braucht die Gemeinde?“, fragte sie. Der Bedarf wurde ermittelt: „Es fehlte ein Netzwerker, jemand der das Pastoralteam und die Verwaltung des Dekanats an die Gemeindebasis heranrückt und Kontakt hält zu den Ehrenamtlichen.“ Im Dekanat Oberndorf engagieren sich rund 140 Menschen. „Für sie ist es wichtig, kirchliche Entscheidungsprozesse nachzuvollziehen. Die Arbeit des Dekanats kommt aber beim Endchrist nicht an.“

Katja Benz fand ein Projektteam, das sich mit ihr für das Vorhaben Gemeindekümmererin einsetzte. Dankbar spricht sie über die Unterstützung, „ohne die ich Einzelkämpferin gewesen wäre“. Eine Stellenbesetzung war seitens der personell eng aufgestellten Diözese nicht möglich. Deshalb bewarb sich Beffendorf eigeninitiativ um Mittel aus dem 2015 aufgelegten KiamO-Topf, „Kirche am Ort“; Geld für missionarische Impulse. „Fünf Jahre Anlaufzeit war nötig. Es gab den Job vorher nicht, wir haben darum kämpfen müssen.“ Institutionelle Eigenlogik und gemeindlicher Bedarf konkurrierten miteinander. Beffendorf blieb standhaft: 2022 bewilligte die Kirchenleitung eine Viertelstelle, Besoldung E6. Stichwort Gemeindekämmererin: E6 im kirchlichen öffentlichen Dienst ist eine Büroassistenz. Für Katja Benz, die bei einem mittelständischen Lasertechnologie-Unternehmen angestellt ist, stand der Job trotzdem auf den Haben-Seite.

„Der Kirchengemeinderat ist gelähmt von Verwaltungsaufgaben, der kann die Gemeinde nicht führen“, sagt sie. Ehrenamt brauche Hauptamt. Darauf verweist auch die Ehrenamtsstudie der Diözese Rottenburg-Stuttgart, durchgeführt im Zeitraum 2018 bis 2023. Wie zur Bestätigung entwickelten sich in Oberndorf gemeindliche Verbundenheit und eine Wertschätzung, wiewohl mit Anfangsruckeln: Obwohl jeder Katja Benz kannte, nahm sie das Pastoralteam als „die Neue“ zögernd auf. Wieder war langer Atem gefragt, „bis mir Sitzungstermine mitgeteilt wurden. War ich dann dabei, tat es allen gut“. Schrittweise wurde die Kommunikation kollegialer. Ähnlich verhielt es sich mit den Kirchengemeinderäten, dem ehrenamtlichen Leitungsgremium. „Die einen empfanden die Gemeindekümmererin als Zugewinn, die anderen reagierten zurückhaltend – weil sie entweder mehr Verantwortung befürchteten oder deren Verlust.“

Der Blaulichtgottesdienst war Katja Benz‘ letzte Aktion, im April 2025 ist ihre Stelle ausgelaufen und sie wurde als Gemeindekümmererin verabschiedet. Auf dem Foto vorm Feuerwehrauto steht sie ganz links, der Mann neben ihr (2. v.l.) ist Oberndorfs Bürgermeister Matthias Winter.

Was lähmt die Gemeinde?

Katja Benz organisierte Abendveranstaltungen und Wandertage, von Beffendorf aus netzwerkte sie innerhalb des eigenen und des benachbarten Dekanats, schlug Brücken in die Kommune. Beim Dorfspaziergang für Zugezogene, die meisten davon Familien, die im Neubaugebiet ihr Eigenheim realisiert hatten, war das Gemeindehaus eine Station, genauso: Feuerwehr, Grundschule, Kommunalverwaltung. Matthias Winter, Oberndorfs Bürgermeister, beurteilt die Synergie mit einer Kirche, die aus sich herausgeht, mehr als positiv: „Wir brauchen starke Bündnisse. Kirche ist ein solcher Partner, der vor Ort viele und vieles erreicht.“

Für Grundschulkinder bot die Gemeindekümmererin einen Nachmittag im Gemeindehaus an. Einige von ihnen feierten in Klasse drei in der katholischen Kirche Erstkommunion. Alle anderen waren genauso willkommen. Bis bekannt wurde, dass eine Lehrerin parallel Basteln in der Schule durchführen wollte. Sie bestand darauf, dass die Klasse geschlossen teilnahm. Katja Benz suchte das Gespräch mit der Frau und merkte, „dass eine persönliche Negativerfahrung mit Kirche Auslöser für das konkurrierende Angebot war“. Dass sie empathisch reagierte und Verständnis zeigte, brachte wiederum die Pädagogin dazu, einem Kompromiss zuzustimmen. Am Ende konnte beides stattfinden.

Im Frühjahr 2025 ist Katja Benz‘ die Stelle ausgelaufen. Eine Anschlussfinanzierung seitens der Diözese kam nicht zustande. Der Versuch des Dekanats, eine Verstetigung über die Ehrenamtsstrategie zu erreichen, als so genannte Fachreferentinnenstelle für Engagemententwicklung, gelang auch nicht. „Dabei wäre das eine Stelle für die Kernstadt und alle fünf Ortsteile gewesen“, betont die Oberndorferin.

Martin Fischer, der den Bereich Engagemententwicklung in der Diözese betreut, erklärt, was der Knackpunkt war: „Die Gemeindekümmererstelle und die Engagemententwicklung überlappen sich im operativen Bereich durchaus, die strategische Ausrichtung ist aber eine andere. Die Gemeindekümmererstelle in Oberndorf-Beffendorf war ein singuläres und befristetes Projekt, nur an diesem einen Ort. Das Projekt wurde planmäßig beendet. Die Erfahrungen sind interessant und je nach pastoralen Zielen und Ausrichtungen auch hilfreich. Im Rahmen der strategischen Entwicklung unserer Diözese sind solche Stellen allerdings derzeit nicht vorgesehen.“

Mit der ganzen Gemeinde zum Wandertag unterwegs. Ganz rechts Katja Benz.

Was lernt die Gemeinde?

Katja Benz entgegnet: „Man ist ein schmückendes Blümchen, mehr nicht.“ Präsentierte sie Zwischenergebnisse bei der Kirchenleitung, sei „immer jemand anderes dabei gewesen“, der Termin für das Abschlussfeedback war letztlich ganz geplatzt. Inzwischen hat das Dekanat den Faden wieder aufgenommen. Das Konzept sei kritisch beurteilt worden, weil „die Ziele der Engagemententwicklung und vor allem die ganze Seelsorgeeinheit als Aktionsraum nicht konsequent bedacht waren“, differenziert Martin Fischer. Die überarbeitete Fassung beurteilt er als „konzeptionellen Fortschritt“. Die Arbeit sei gleichwohl noch nicht beendet, deshalb gebe es dazu auch noch keine Entscheidung. Verantwortliche Akteure sind nun aber andere.

„Man ist ein schmückendes Blümchen, mehr nicht.“

Katja Benz kann auf Verstetigung aus anderer Richtung hoffen. Ein Förderverein ist in Gründung, Stadt und Gemeinde arbeiten im Schulterschluss, um das Beffendorfer Gemeindehaus zu einem Mehrgenerationenort zu machen. Seine religiöse Bedeutung bleibt, gleichzeitig wird die Nutzung vielgestaltiger. Gemeinde erprobt den Außendienst. Nebenbei löst die Kirche ein Dilemma, das ihr buchstäblich ins Haus steht: Die Diözese muss in den kommenden Jahren ihre Immobilien auf den wirtschaftlichen Prüfstand stellen und 30 Prozent davon abgeben. Für ein Mehrgenerationenhaus „mit diakonischem Mehrwert“, wie ihn sich die ehemalige Gemeindekümmererin wünscht, sei das Risiko der Schließung gering. Den Grundstock hat sie gelegt. Die Stelle wird neu ausgeschrieben, das Bonifatiuswerk ist für die Co-Finanzierung im Gespräch. Katja Benz möchte dem Neustart Rückenwind geben, indem sie auf eine Bewerbung verzichtet. Warum ist ihr das wichtig? „Je mehr Hierarchie es gibt, desto mehr leidet die Kommunikation.“ In der Kirche als Körperschaft des öffentlichen Rechts hat sie einen Nerv getroffen.

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