„Es ist überfällig, Gemeinde neu zu denken.“
„Es ist überfällig, Gemeinde neu zu denken.“
VON Tanja Kasischke
Der evangelische Kirchenkreis Oderland-Spree im östlichen Brandenburg ist doppelt so groß wie das Saarland und hat 243 Kirchengebäude. Indes werden die Christen dort weniger. Bis 2032 sieht die Synode daher vor, die Zahl der Pfarrstellen um zehn auf 27 zu senken. Im Gemeindeleben ist Ehrenamt bereits jetzt ein Pfund. Pfarrer Jens Peter Erichsen hat 2025 mit dem Ehrenamtskurs ein neues Format aufgegleist, das Engagierten Status gibt. Nun ist Halbzeit. Wie läuft’s?
Zwei Jahre lang reflektieren an acht Samstagen die Teilnehmenden des Ehrenamtskurses ihre persönliche Gottesbeziehung, sie sprechen über Theologie und lokale Gemeindeentwicklung. Wie kommt das Format an?
Das Feedback ist durchweg positiv, obwohl die Zahl der Teilnehmenden im Laufe des Jahres von 33 auf 25 zurückging. Trotzdem sind wir jedes Mal über 20 Personen, darüber freue ich mich. Es zeigt mir: Ich treffe auf einen Bedarf. Es zeigt den Ehrenamtlichen: Wir sind da und wir sind viele. Das ist eine wohltuende Bestätigung, gerade weil sie in ihren kleinen Dörfern Einzelkämpfer sind. Im Kurs sind sie gemeinsam unterwegs.
Sie unterstützen die Menschen dabei, zu netzwerken?
Ich ermutige sie, sich gegenseitig zu Veranstaltungen einzuladen oder gemeinsam eine zu planen, ja. Und mein Part sind die geistlichen Anlaufpunkte, die Sprachfähigkeit im Glauben finden und halten.
Sie beziehen das auf die Kenntnis der Bibel?
Auch, ja. Aber nicht nur. Generell geht es darum, die eigene Gottesbeziehung in Worte zu fassen. Das können viele nicht.

TeilnehmerInnen eines Ehrenamtskurses
Auch nicht die kirchlich Aktiven?
Brandenburg ist ein Flächenland mit teils langen Wegen zwischen den einzelnen Orten. Hier hat nie eine richtige Erweckung stattgefunden. Die Menschen haben Kirche nicht „gelernt“, sie blieben überwiegend distanziert ob der eigenen Glaubensäußerung. Die DDR hat diese Sprachlosigkeit noch verstärkt.
Wie lernt die Gruppe im Kurs, Worte für ihren Glauben zu finden?
Ein Beispiel war Psalm 23. Den haben wir gelesen und überlegt, was das genau im eigenen Leben heißt, „der Herr ist mein Hirte“. Anschließend hat die Gruppe den Psalm in eigenen Worten verfasst. Das hat mit allen viel gemacht.
Wie setzt sich die Gruppe zusammen?
Hauptsächlich aus Menschen, die Gemeinde ehrenamtlich leiten, also Mitgliedern der Gemeindekirchenräte. Die Altersspanne liegt zwischen 40 und 70 Jahren und es sind mehr Frauen als Männer in der Gruppe. Die Treffen sind alle in Fürstenwalde, das ist die Mitte des Kirchenkreises.
Sie sagten, der Kurs treffe einen Bedarf wie den nach Sprachfähigkeit im Glauben. Wie sieht es aus mit gemeindlichen Aufgaben, bei denen Ehrenamtliche immer stärker gefordert sind?
Es ist überfällig, Gemeinde neu zu denken. Da müssen neue Modelle her. Uns ist hier bewusst, dass die Zukunft von Kirche im Netzwerk liegt. In Greifswald gab es vor Jahren eine Veranstaltung mit dem Titel „Leuchtturm oder Lichtermeer“, das ist als Bild anschaulich und treffend.
Würden Sie sagen, Ihre hauptamtliche Stelle ist so etwas wie ein Leuchtturm für das Lichternetz?
Ich empfinde meine Stelle als großen Schatz und bin froh, dass sich der Kirchenkreis dieses Hauptamt „gönnt“. Meine Aufgabe ist es auch, gegenüber den anderen Hauptamtlichen, vor allem den Pfarrpersonen, für eine gute Zusammenarbeit mit den Ehrenamtlichen zu werben.
Ich bin froh, dass sich der Kirchenkreis dieses Hauptamt ‚gönnt‘.
Sie haben die Kommunikation schon angesprochen, was macht sie so herausfordernd?
Sie ist mühsamer geworden. Wenn sich jemand engagiert aber die Situation nicht läuft wie erwartet, bekommt die Person schnell einen Schuss vor den Bug und das heftig. Das macht nachvollziehbar, dass sogar Engagierte fragen: Gebe ich mir das?
Der Kurs soll dazu beitragen, dass die Ehrenamtlichen einen Status bekommen. Was heißt das konkret?
Wir würden den Teilnehmenden am Ende der zwei Jahre gerne eine Art Titel verleihen, der auch die Selbstwirksamkeit des Ehrenamts unterstreicht. Bisher hat der Kurs keinen Namen, aber es ist ja noch ein Jahr Zeit.
Haben Sie schon eine Strategie, das Format zu verstetigen?
Eine Idee ist, dass wir parallel zum Konvent für Hauptamtliche im Kirchenkreis einen Ehrenamtskonvent gründen, der sich jedes Jahr trifft mit dem Ziel, regionale Verknüpfungen zu verstärken. Ich könnte mir auch vorstellen, dass die Teilnehmenden des jetzigen Kurses bei einer Fortführung des Formats Tandems bilden und üben, die Inhalte selbst weiterzugeben.
Herzlichen Dank für das Gespräch!
Jens Peter Erichsen ist seit 2018 Kreispfarrer für Bildung und Ehrenamt im Kirchenkreis Oderland-Spree in Brandenburg. Man kann ihn per E-Mail kontaktieren.
Foto von Hanna Morris auf Unsplash
AUTORIN · AUTOR

Dr. phil. Tanja Kasischke war Redakteurin des Reformationsblogs „Mensch, Martin!“. Seitdem berichtet sie über Themen der missionarischen Gemeindeentwicklung, der Öffentlichen Theologie und wie Kirche den Wechsel von der sprachlosen Parochie zum ansprechenden Netzwerk meistert. Sehr begeistert ist sie von der Wiederentdeckung des prophetischen Amts als Teil der apostolischen Dienstgemeinschaft. Sie lebt in Berlin.

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