Love, Peace and Coffee
Love, Peace and Coffee
VON Carla Böhnstedt
Wie ein alter Cafébus zu einer besonderen „Lebensschule“ wird.
Für manche ist es nur ein mobiles Café – für andere ein Wendepunkt: der Doppelleckerbus des ehemaligen evangelischen Pastors Michel Malcin. Es ist die Geschichte eines ungewöhnlichen Startups, die nicht mit einem ausgefeilten Business-Plan beginnt – sondern mit einer handfesten persönlichen Sinnkrise und genau daraus besondere Kraft entwickelt. Der Cafébus macht deutlich, dass Leben kein fertiges Konzept ist, sondern ein Weg – manchmal holprig, oft unklar, aber voller Möglichkeiten, wenn man den Mut hat, aufzubrechen.
Das „Weiter so!“ ist keine Option
Wann fühle ich mich lebendig? Was kann ich gut? Was macht mich eigentlich aus? Diese Fragen drängen sich Michel Malcin in seiner Therapie auf. 16 Jahre lang ist er evangelischer Pastor aus Leidenschaft, bis ihn ein Burn out völlig aus der Bahn wirft. Der, der Halt geben soll, gerät selbst ins Straucheln. In der Klinik wird ihm klar: ein „Weiter so!“ ist keine Option. Er weiß, wo seine Gemeindemitglieder arbeiten. Aber den Lieblingsspielplatz seiner drei Kinder kennt er nicht. Er hat Einblicke in die Eheprobleme anderer – und verschließt die Augen vor seinen eigenen. Er steht Menschen in deren Sorgen und Nöten zur Seite – und überhört die Hilferufe seiner eigenen Seele. Er will nicht mehr länger eine Rolle spielen – sondern ganz bei sich sein. Nicht fertige Antworten geben, sondern Fragen stellen. Nicht durch Strukturen eingezwängt werden, sondern unterwegs sein, Neues entdecken, Weite spüren.
So wird der Doppellecker zu einem Mikrokosmos, der Orte, Kulturen und Biografien verbindet und seine Gäste inspiriert, auf ihr Herz zu hören und ihrer Sehnsucht einen Raum zu geben.
Er liest das Bestseller-Buch „Das Café am Rande der Welt“ von John Strelecky, in dem es um den Sinn des Lebens geht, und ist tief berührt. So wächst in ihm der Wunsch, ein solches Café in echt zu erschaffen: einen Ort, an dem jeder willkommen ist und einfach sein kann – unabhängig davon, was er glaubt; wo Menschen einander wirklich begegnen, ihre Geschichte(n) miteinander teilen, zuhören. Idealerweise flexibel und mobil, um seinem Freiheitsdrang gerecht zu werden.
Ein Ort, auch für die Seele
So kauft er sich schließlich in Berlin einen Doppeldecker-Bus von 1959. Anfangs funktioniert kaum mehr als der Motor und ein Blinker, dafür hat der Bus Charakter, Charme und Geschichte. Mehr Gefährte als nur Gefährt. Die Vision: dieses alte Schätzchen in Eigenleistung zu einem mobilen Café umzubauen. Haken an der Sache: Malcin hat kein Geld. Kein handwerkliches Know how. Keinen Busführerschein. Und Kaffee mag er eigentlich auch nicht – mal ganz zu schweigen davon, dass er keine Ahnung hat, wie man diesen genießbar zubereitet.
Doch Familie und Freunde greifen ihm unter die Arme und so wird neun Monate lang renoviert, tapeziert, improvisiert und dekoriert was das Zeug hält: Herzblut statt Fachwissen. So entsteht aus dem Rohbau ein Raum mit Seele: alte Möbel, warme Farben, liebevoll ausgewählte Deko-Artikel im Vintage-Style, die Geschichte atmen. Eher Wohnzimmer als Verkehrsmittel. Schließlich geht‘s los.
Er steht zunächst mit seinem Doppellecker-Genuss-Bus auf Wochenmärkten und Stadtfesten, wo das auffällige Gefährt schnell zum Kultort und Meeting Point wird. Die Enge im Bus schafft Nähe, die unweigerlich Begegnungen ermöglicht – oft unverhofft. Schließlich hat ein Freund die Schnapsidee, sich auf den Weg nach Santiago de Compostela zu machen, den berühmten Jakobsweg entlang. Ohne feste Route – aber mit „Love, Peace & Coffee“ als Motto, das die Richtung weist.
Mission: Im Kleinen Menschen glücklich machen
Doch nicht die Orte entlang dieser jahrhundertealten Pilgerstrecke oder gar der berühmte Zielort selbst machen letztlich den besonderen Reiz der Tour aus, sondern die vielen Gäste des Café-Busses mit ihren Lebensgeschichten, Sehnsüchten und Träumen. So wird der Doppellecker zu einem Mikrokosmos, der Orte, Kulturen und Biografien verbindet und seine Gäste inspiriert, auf ihr Herz zu hören und ihrer Sehnsucht einen Raum zu geben.
In diesem Sommer wird die Route des Doppellecker-Busses an der deutschen Nord- und Ostsee-Küste entlangführen. Im Gepäck wieder bergeweise bester Kaffee und die herausfordernde Frage: Was hast du vor mit deinem einzigartigen und wilden Leben?
Literatur-Tipp zum Beitrag:
„Abgefahren – Vom Mut, aufzubrechen und anzufangen. Geschichten aus dem Cafébus“ (Penguin) von Michel Malcin & Helene Volkensfeld.
Der Cafébus im Internet:
AUTORIN · AUTOR
Carla Böhnstedt ist leidenschaftliche Großstadt-Liebhaberin, die vom Lebensgefühl der Hauptstadt nicht genug bekommen kann. Sie arbeitet als Pastoralreferentin für Citypastoral in Berlin-Mitte mit besonderer Passion für „urban churching“. Sie ist Mitglied im Sprecher:innen-Team des Netzwerks Citykirchenprojekte e.V., einem ökumenischen Zusammenschluss citypastoraler Initiativen und Einrichtungen aus Deutschland, Österreich, Frankreich und der Schweiz.

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