Vom lauwarmen Bohnensaft zur Herzenswärme

Vom lauwarmen Bohnensaft zur Herzenswärme

VON Rüdiger Jope

Veröffentlicht am: 5. Mai 20264 min Lesezeit745 WörterKategorien: Alle, Unterwegs, WanderroutenSchlagwörter: , , , , , , , Aufrufe: 29

Wo eine Pfarrwohnung leer stand, sprudelt heute Leben, Glaube und Gemeinschaft. Das „Café Altes Pfarrhaus“ in Ottenhausen zeigt, wie aus Skepsis Begeisterung und aus einem Traum ein Ort voller Geist wurde.

Kahle, abgewetzte Tische. Lauwarmer Bohnensaft in viel zu kleinen Tassen. Trockene Kekse aus der Blechdose. An der Wand ein eingerissenes Martin-Luther-King-Plakat: „Ich heave a dream …“ So sieht mein inneres Bild von Kirchenkaffee aus.

Wohnzimmeratmosphäre pur

Doch meine äußere Wirklichkeit an diesem Nachmittag spricht eine andere Sprache:
Das „Café Altes Pfarrhaus“ in Ottenhausen riecht nach frisch gebackenem Apfelkuchen. Geblümtes Porzellan steht auf einem alten Holztisch. Eine Kaffeevollautomat röchelt, während mir ein Cappuccino mit Herz serviert wird. Wohnzimmeratmosphäre pur. Es fühlt sich an wie bei Oma – nur mit WiFi und Vision.

Hier schlagen die Herzen von Ingrid, Jutta, Pia und Karl-Heinz. Ihre Geschichte beginnt mit einer simplen Frage, die viele Gemeinden umtreibt: Was wird aus der Pfarrwohnung, wenn kein Pfarrer mehr darin wohnt? Pia schreibt ihren Traum auf. Sie und Ingrid entdecken auf einer Hauskreisfreizeit ihre Liebe zum Konzept Brotbackhäusle im Pfarrgarten. Zwei Frauen brennen – und stoßen auf Skepsis: „Ach du liebe Leute! Verrückte Idee! Das geht doch nicht, woher soll das Geld kommen?“

Sie geben nicht auf. Der Pfarrer und der Kirchengemeinderat lassen sich überzeugen, Mitstreiterinnen und Mitstreiter werden gefunden. Das Projekt bekommt Konturen: ein Café im alten Pfarrhaus, offen für alle, ein Ort für Begegnung und Glauben im Alltag.

Die Coronapause lässt das Konzept reifen

Dann kommt Corona – und bremst alles aus. Doch aus dem Stopp wird Segen. „Jeder Tisch, jeder Stuhl, jede Teller, jedes Bild hat eine Geschichte“, sagt Ingrid. Sie schleifen, malen und sammeln. Die Caféidee wächst weiter, bekommt ein Kinderzimmer, einen Raum der Stille. Aus zwei Frauen werden fünf, heute ein Team von 22 Ehrenamtlichen. Im Gespräch mit dem Landratsamt über die Nutzungsänderung der Wohnung heißt es plötzlich: „Sie brauchen einen zweiten Fluchtweg!“ Für einen Moment hängt alles am seidenen Faden. Soll man wirklich weitermachen? Da tritt Gustav auf den Plan – bisher skeptisch. Mit einem befreundeten Metallbauer baut er die Fluchttreppe selbst. „Da wussten wir: Jetzt müssen wir es durchziehen!“, erinnert sich Pia. Ein göttlicher Händedruck, sagen sie heute.

Weil ihr Gott vertraut, ist das ein so schöner Ort geworden!

Es fehlt nur noch eine Kaffeemaschine. Auch das löst sich – fast himmlisch: Karl-Heinz, 40 Jahre in Gastronomie und Hotellerie, hört zufällig vom Problem am Nachbartisch. „Ich könnte euch helfen …“, sagt er zögerlich. Wenig später lädt er die Kirchengemeinderäte mitten im Lockdown zur Probe: Latte Macchiato, Cappuccino, Espresso. Das Projekt nimmt endgültig Fahrt auf. Im Mai 2022 öffnet das „Café Altes Pfarrhaus“ seine Türen. Mit dem Vollautomaten und Karl-Heinz.
Donnerstag- und Freitagnachmittags gibt’s Kaffee und Kuchen, freitagvormittags Frühstück. Eine Krabbelgruppe trifft sich einmal im Monat, es darf gefeiert, gelacht, gebetet werden.

Ich schaue in acht strahlende Augen. Ehrenamtliche zwischen 60 und 70, die Einsamkeit mit Gemeinschaft beantworten – und Kirche im Dorf halten, tragen dieses Projekt. „Wie haltet ihr die Vision frisch?“ frage ich. „Wir beten regelmäßig im Team und treffen uns Freitagmittag zum Spätstück und Christus steht im Mittelpunkt. Wir wollen Mitarbeitende fördern, ermutigen, begleiten und wertschätzen“, sagt Pia. Drei Köpfe nicken.

„Was ratet ihr Gemeinden, die etwas Ähnliches planen?“ „Nicht gleich entmutigen lassen“, sagt Jutta. „Jetzt haben wir angefangen – das machen wir jetzt“, ergänzt Ingrid. „Bringt den Ehrenamtlichen Wohlwollen entgegen“, fordert Jutta. „Lebt eine Kultur der Ehre“, fügt Karl-Heinz hinzu. Pia schmunzelt: „Und haltet die Atmosphäre positiv – auch wenn zehn Leute was wollen. Das war am Anfang nicht leicht, aber wir wachsen da rein. Heute sagt jeder: eins nach dem anderen. Wir bleiben ruhig und positiv – egal, wie stressig’s wird.“

Ein Ort, an dem Gott Menschen berührt

Das Café hat eine spürbare Ausstrahlung. Kürzlich war ein Mitarbeiter des Wirtschaftskontrolldienstes da. Sein Fazit: „Ich spüre, dass dies ein anderer Ort ist als die Lokale, die ich sonst teste.“ Im Gästebuch lese ich: „Hier weht ein ganz besonderer Geist. Danke!“

Eine 103-Jährige schreibt: „Weil ihr Gott vertraut, ist das ein so schöner Ort geworden!“
Und eine andere Frau: „Das Gespräch mit der Mitarbeiterin war für mich ein halber Gottesdienst.“ Ein Ort, an dem Cappuccino und Glaube zusammenfließen – warm, lebendig, echt.

Fotos: Rüdiger Jope

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