Kirche erprobt sich als (k)ein feste Burg
Kirche erprobt sich als (k)ein feste Burg
VON Tanja Kasischke
Gottes Wohnwagen eröffnet am 27. März 26: Katholische und evangelische Christinnen und Christen haben in Frankfurt am Main eine Vision ins Rollen gebracht – mit langem Atem
Die Tiny Church in Niederrad hat bisher keinen Eintrag bei Google Maps. „Kommt noch“, verspricht George Kurumthottikal. Bei ihm laufen die Fäden des Projekts der katholischen Stadtkirche Frankfurt am Main zusammen. Es liegt nahe, dass der Netzwerker auch die Suchmaschine brieft. Vorläufig gibt man die Adresse Saonestraße 2–4 ein und landet an der Stirnseite des Platzes, wo das mobile Kirchlein steht; das neue Quartiersmanagement mit diakonischem Mehrwert. Kirche erprobt sich als (k)ein feste Burg, ökumenisch-wild. Im so genannten Lyoner Viertel transformiert sich gegenwärtig die Stadt, Büros weichen einer Wohnbebauung. Die Kirchengemeinden St. Jakobus katholischer- und Paul Gerhardt evangelischerseits investierten in eine Vision von Kirche, die zu den Menschen geht – oder: rollt. Die 3000 Kilogramm „leichte“ Tiny Church lässt sich auf einem Anhänger transportieren. Theoretisch. Praktisch soll sie für die Dauer von fünf Jahren vor Ort sein.
Ökumene auf Rädern
Wie viele der zugezogenen Menschen im Kiez, ist die 17 Quadratmeter-Kirche Wahlhessin. Gebaut haben sie zwei Tischler aus Freiburg in Breisgau. Ihr Unternehmen ist auf Tiny Houses spezialisiert, der Sakralbau war eine Premiere für das Schwarzwälder Brüderduo. Wobei: Sakralbau ist die Tiny Church nominell, eine Weihe erhält sie keine. Andachten sind vorgesehen, Kasualien nicht – vorläufig. „Das ökumenische Profil ergibt sich in der Anwendung. Wir können die Bedarfe noch nicht absehen“, sagt Pfarrer Werner Portugall aus St. Jakobus. Ganz ausschließen will er Pop-Up-Formate und Segenshandlungen nicht. „Bei den Kollegen der evangelischen Gemeinde kann ich mir vorstellen, dass sie hier Trauungen durchführen und Paare segnen“. Die katholische Konfession, in der die Ehe Sakrament ist, sehe das nicht vor. „Dass ökumenisch ein Weg reinführt, halten wir als Konfessionspartner aus.“
„Pionierprojekte finden erstmal keine Norm.“
Die Finanzierung des Projekts ist institutionell gesichert. Beteiligt sind die Crummenauer Stiftung, die Kirchenentwicklung im Bistum Limburg, das Bonifatiuswerk, der Gesamtverband Frankfurt und die Schlegl-Stiftung. Die laufenden Kosten teilen sich Paul Gerhardt und St. Jakobus. Gekostet hat der Bau 122.000 Euro, deutlich mehr als die geplanten 90.000 Euro, mit denen das Vorhaben vor fünf Jahren kalkuliert worden war. „Nach der Pandemie sind die Preise für Baumaterial, speziell für Holz explodiert“, begründet George Kurumthottikal. Er bewarb sich 2022 auf die Projektstelle Tiny Church, weil ihn als Soziologen die Sozialraumorientierung der Kirche reizte. „Die Frage: Wie sieht uns die Gesellschaft“, konkretisiert er. Kirche steuere immer stärker auf eine Rolle zu, „die nicht mehr nur Sakramente ausfüllen“. Die Präsenz von Glaube und christlichen Werten steht für ihn trotzdem nicht zur Debatte: „Meine Kirche ist mir wichtig. Ich möchte sie voranbringen. Die Tiny Church bildet die Schnittstelle zwischen Theologie und Soziologie.“ Inhaltlich flankiert seine Tätigkeit ein ehrenamtlicher Projektrat, der die Stadtteilarbeit quervernetzt, Perspektiven schafft oder korrigiert. George Kurumthottikal empfindet die Zusammenarbeit ebenso bereichernd wie lösungsorientiert. „Das ist, wie wenn man Holz auf das eigene Feuer drauflegt.“
Die Tiny Church ist die erste ihrer Art in der Mainmetropole. Dafür war ein langer Atem nötig, auch bei Frankfurts Baubehörden, die das Kirchlein nicht kategorisieren konnten: Feststehend mit Fundament oder „fliegend“ wie etwa ein Festzelt, es passte weder ganz in das eine, noch ins andere Format. Gute Frage, nächste Frage: Bauvorhaben versus Anlieferung der sozusagen schlüsselfertigen Kirche. Wieder knifflig. „Pionierprojekte finden erstmal keine Norm, das ist dann so“, hat George Kurumthottikal gelernt. Auch, dass Visionärinnen und Visionäre Geduld und ein Quantum Glück brauchen. 2025 wurde die Baugenehmigung erteilt. Eine Versicherung hatte die Kirchengemeinde inzwischen auch für ihre Tiny Church abgeschlossen, Kategorie: Wohnwagen.
Eine hörende und bewegliche Kirche
Herumgesprochen hat sich das Projekt indes von selbst. Ein Kairos, den Pfarrer Werner Portugall schildert: „Die Frage war ja, erwarten die Menschen im Lyoner Viertel überhaupt etwas von Kirche?“ Antwort: Ja. Die hörende Haltung in diesem „hochbeweglichen Neuland“ stieß auf Resonanz. Mitte Dezember 2025 lieferte die Tischlerei die Tiny Church an. Eröffnet wird sie eine Woche vor Ostern mit einem Kiezfest. Dann reicht der Platz im Innenraum – ausgewiesen für zwölf Personen – mit Sicherheit nicht. Aber so war es ja gedacht, dass Kirche aus sich herausgeht, hin zu den Menschen. Der Anbahnungsprozess von der Idee zur fertigen Tiny Church hat George Kurumthottikal resilienter gemacht: „Erfolge darf man nicht nur quantitativ messen und über Zahlen definieren. Es ist klar, dass Kirche die Menschen nicht mehr mit einhundert Stundenkilometer einsammelt, sondern indem sie zu Fuß geht.“ Das gibt Hoffnung: Die Bibel erzählt es nicht anders.
Noch Fragen?
Pfarrei St. Jakobus Frankfurt
Kniebisstraße 27
60528 Frankfurt
Herr George Kurumthottikal
(01520) 3311618
AUTORIN · AUTOR
Dr. phil. Tanja Kasischke war Redakteurin des Reformationsblogs „Mensch, Martin!“. Seitdem berichtet sie über Themen der missionarischen Gemeindeentwicklung, der Öffentlichen Theologie und wie Kirche den Wechsel von der sprachlosen Parochie zum ansprechenden Netzwerk meistert. Sehr begeistert ist sie von der Wiederentdeckung des prophetischen Amts als Teil der apostolischen Dienstgemeinschaft. Sie lebt in Berlin.

Die gute Seilschaft: hak’ Dich ein!
Dir gefällt BASECAMP?
Dann werde Teil unserer Community!
3E ist Basecamp zum Anfassen
Du hättest eines der Dossiers gerne im Printformat, du willst einen Stoß Magazine zum Auslegen in der Kirche oder zum Gespräch mit dem Kirchenvorstand? Dann bestell dir die entsprechenden Exemplare zum günstigen Mengenpreis!









