Ein kleines Stück des Himmels
Ein kleines Stück des Himmels
VON Carla Böhnstedt
Wie eine Kirche zu einem Kreativlabor für Sinn- und Lebensfragen wird
Hier geht’s ans Eingemachte. Auf unkonventionelle Art greift das Innovativ-Projekt YOT in der Magdalenenkirche in Brügge existentielle Lebensfragen der Menschen auf und bietet ungewöhnliche Möglichkeiten, das eigene Leben zu deuten. Denn nur so wird Glaube alltagstauglich und relevant. Dabei geht es mit dem neogotischen Kirchenraum tiefsinnig-spielerisch um; schließlich versteht es sich als „Labor für Spiritualität und Raum für Perspektive“.
Kaum mit dem Fuß über der Schwelle des Eingangsbereichs, berührt man mit dem Kopf schon fast den Himmel. Denn unweigerlich stolpert man erstmal unter dem auffällig leuchtenden Schriftzug „A little piece of heaven“ hindurch, mit dem die Kirche St. Magdalena in Brügge/Belgien seine Besucher*innen begrüßt. Und das durchaus sinnbildlich, denn der Himmel scheint tatsächlich zum Greifen nah. Hier wird Kirche neu gedacht, erlebt und belebt: nicht als museales Denkmal, sondern als einladender Begegnungs-Raum.
Begonnen als Experiment im Kulturhauptstadt-Jahr 2002, gibt es das Projekt YOT noch immer. Es macht sich Gedanken darüber, wie man zeitgemäß und modern nachdenken kann über den Glauben und die großen Fragen des Lebens – ganz ohne starre Formen und Erwartungen. Dazu will es einen Ort anbieten, an dem man einfach sein darf: für Stille und Gespräch, Kunst und Musik, persönliche Rituale und überraschende Entdeckungen. Der Kirchenraum wird nicht erklärt – er wird erlebt. Er liefert keine Antworten – er macht Platz für Fragen.
Wie ein Kirchenraum zum Andersort wird …
Mitten im Kirchenschiff: eine große Schaukel, auf der die Besucher*innen Schwung holen, in Bewegung kommen, im sanften Hin- und Herschwingen die Perspektive wechseln. Die Seele baumeln lassen – im wahrsten Sinne des Wortes. In einem Seitenschiff findet sich eine kleine Kaffeebar, während in der „Powerbank“ direkt nebenan Handys und Kameras aufgeladen werden können. Kraftort für Gäste und deren Geräte. Bunte Sitzmöbel und gemütliche Ohrensessel laden ein, darin zu versinken – und sich zu versenken. Verschiedene interaktive Installationen machen neugierig und wollen genauer in Augenschein genommen werden.
Ein Überraschungsmoment erwartet die Besucher*innen in der ehemaligen Taufkapelle: betritt man den Raum, leuchtet an der Wand eine großes „YES“ auf. Es erinnert daran, dass Gott dem Menschen in der Taufe seine Liebe zugesagt hat. Welch eindrucksvolles Ja-Wort, das einem so unvermittelt entgegenstrahlt.
Der Kirchenraum wird nicht erklärt – er wird erlebt. Er liefert keine Antworten – er macht Platz für Fragen.
Mein persönliches Highlight sind jedoch die Sanitäranlagen im hinteren Bereich der Kirche. Stylisch und mit durchdachtem Farbkonzept, als hätten sie sich für ein Fotoshooting der „Schöner Wohnen“ herausgeputzt, mit verschiedenen Gimmicks versehen – und das alles unter den Augen der Namenspatronin der Kirche, die vom großen Kirchenfenster auf die kleinen Bedürfnisse der Besucher*innen herabschaut. Man spürt, dass sich die Kreativköpfe hinter diesem Projekt in die Bedarfe ihrer Gäste hineinversetzt haben.
Da berühren sich Himmel und Erde …
Bevor man schließlich beim Verlassen der Kirche wieder unter dem „A little piece of heaven“- Schriftzug hindurch geht, bekommt jeder etwas davon mit: in Form eines winzigen Tütchens mit kleinen Partikeln der abgeblätterten Kirchendecke. Und wenn man auf dem Kirchvorplatz nochmal einen Blick zurückwirft auf die neugotische Kirche, springt einem ein letzter Hingucker ins Auge: eine Kirchenbank, auf der vermeintlich jemand liegt, in einen schweren Umhang gewickelt. Nur seine nackten Füße schauen heraus und entblößen die Wundmale: Die bekannte Installation „homeless Jesus“ von Timothy Schmalz. Sinnbild dafür, dass die Kirche St. Magdalena eine „sichere Bank“ sein will für Menschen, die (spirituell) heimatlos (geworden) sind?
Es ist kalt und regnerisch an dem Sonntag, an dem ich diesen besonderen Ort besuche. Jemand hat dem „homeless Jesus“ zusätzlich eine lindgrüne Strickdecke übergelegt. Mir wird warm ums Herz. Eine Kirche ganz nach meinem Geschmack!
AUTORIN · AUTOR
Carla Böhnstedt ist leidenschaftliche Großstadt-Liebhaberin, die vom Lebensgefühl der Hauptstadt nicht genug bekommen kann. Sie arbeitet als Pastoralreferentin für Citypastoral in Berlin-Mitte mit besonderer Passion für „urban churching“. Sie ist Mitglied im Sprecher:innen-Team des Netzwerks Citykirchenprojekte e.V., einem ökumenischen Zusammenschluss citypastoraler Initiativen und Einrichtungen aus Deutschland, Österreich, Frankreich und der Schweiz.

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