Die Pfarrperson wird Trainer der Feen

Die Pfarrperson wird Trainer der Feen

VON Tanja Kasischke

Veröffentlicht am: 11. April 20267,9 min Lesezeit1562 WörterKategorien: Alle, GefährtInnen, UnterwegsSchlagwörter: , , , , , , , Aufrufe: 17

Feuer, Segen und Vision ist der Dreiklang der Reformierten Landeskirchen Bern-Jura-Solothurn für ehrenamtliches Empowerment mit theologischer Teilhabe. Die Zukunft der Gemeinde ohne Pfarrperson ist nicht ausschlaggebend für die Kurswechsel in der Leitungsfrage, vielmehr ein ur-reformatorisches Anliegen, betont Christine Schliesser, die in Bern das Pilotprojekt koordiniert.

Frau Schliesser, Gemeinde leiten ohne Hauptamt – wie ist das gemeint? Dass gar keine Pfarrperson mehr beteiligt ist oder dass sie sich im Hintergrund hält als Mentor:in Ehrenamtlicher?

Da gehe ich zunächst einen Schritt zurück. Unsere Prämisse entstammt nicht aus einer Defizitlogik, nämlich dass es aus Pfarrpersonenmangel nun halt die Ehrenamtlichen richten müssen. Wichtig ist die theologische Grundierung: Kirche sind wir alle. Theologisch ist Kirche nicht nur dort, wo der Pfarrer ist. Das Priestertum aller Gläubigen war der Kernsatz der Reformation, der in der Praxis am wenigsten umgesetzt wurde. Versprochen wurde die Abschaffung der Priesterkirche, gekommen ist stattdessen die Pfarrerskirche. Wir haben eine professionstheoretische Verengung auf das Pfarramt. Sie aufzubrechen, zu sagen, wir möchten gemeinsam Kirche sein, das ist die theologische Logik hinter unserem Versuch, Gemeinde zu leiten und zu leben, auch wenn Pfarrpersonen nur noch reduziert oder gar nicht mehr zur Verfügung stehen.

Ist in der Schweiz – verglichen mit Deutschland – das Bewusstsein ausgeprägter, dass Gemeinden mehr Kirche sein können, wenn sie weniger pfarrzentriert sind?

Ich weiß nicht, ob wir hier wirklich weiter sind. Die Schatten dieser alten Personallogik sind lang. Die Kirchgemeinden haben jahrhundertelang beigebracht bekommen, theologische Konsumenten zu sein: Man geht in die Kirche. Der Gedanke, man IST Kirche, ist auch bei uns zu wenig verankert. Der Mentalitätswechsel, weg vom Pfarramt als zentralem Player – aber immer noch einem wichtigen Player – weg von dieser Ein-Personen-Show, hin zu einem Gemeinschaftswerk, ist neben Struktur- und Finanzlogik schwierig.

Versprochen wurde die Abschaffung der Priesterkirche, gekommen ist stattdessen die Pfarrerskirche.

Was wäre eine gute Strategie, die Perspektive einer pfarrzentrierten Kirche zu verändern?

Wenn Transformationsprozesse nachhaltig sein sollen, müssen sie an drei Punkten ansetzen, das lässt sich mit einem Dreieck veranschaulichen. Der erste Pol ist quasi die Basis: Engagierte Gemeinden, in denen das Feuer spürbar ist, wo Menschen neue Modelle mit Begeisterung leben und erproben. Zugleich ist die Gefahr groß, dass dieses Feuer verpufft, wenn es von institutionellen Strukturen nicht zumindest erlaubt wird, besser noch: den Segen kriegt. Das wäre der zweite Pol, die Institution, die Gemeinden ermutigt und unterstützt, wenn sich kirchliches Leben verändert. Darunter fallen auch rechtliche Aspekte wie die Neufassung der Kirchenordnung. Der dritte Pol ist eine theologische Vision, die beides überzeugend zusammenhält. Dann stehen die Chancen für gelingende Transformation gut.

Und damit für eine Kirche, die vom Kopf auf die Füße gestellt wird. Wobei Martin Luther selbst das Bild einer pfarrzentrierten Gemeinde mitgeprägt hat.

Dazu eine Fußnote – in seiner Vorrede zur Deutschen Messe und Ordnung des Gottesdienstes dachte Luther weiter. (Anm.: „Diejenigen, die mit Ernst Christen sein wollen und das Evangelium mit Hand und Mund bekennen, müssten sich namentlich einschreiben und irgendwo in einem Haus allein sich versammeln zum Gebet, zum Lesen, zum Taufen, das Sakrament zu empfangen und andere christliche Werke auszuüben.“) Er sprach der Hausgemeinde die Befähigung zu, das Wort Gottes zu verkünden und sogar Sakramente zu spenden. Damit bewegte er sich weg von dieser Amtsverrechtlichung, die es uns heute so schwer macht. Theologisch gehört die Ämterfrage zu den so genannten „Adiaphora“. Sie sind wichtig und hilfreich, aber nicht zentral. Zum Kern von Kirche gehört hingegen die Kommunikation des Evangeliums. Es ist an der Zeit, die Prioritäten wieder klar zu bekommen. Wenn wir uns ein bisschen weniger um Strukturen, Finanzen, Ämter und Gebäudefragen kümmern würden – obwohl das alles wichtig ist – hätten wir eine viel hilfreichere Perspektive auf den Kern von Kirche.

Feuer, Segen und Vision, diesem starken Dreiklang schließt sich die Umsetzungs-Frage an. Wo in der Schweiz gibt es Gemeindeleitung ohne Hauptamt, wo das Feuer lodert?

Die Kirchgemeinde „SharingCommunity“ in St. Gallen ist ein Beispiel. Die Ressourcenfrage ist auch dort Thema. Deshalb hat sich der Pfarrer überlegt: Wie schafft er eine mündige Gemeinde, die nicht auf ihn als Pfarrperson fixiert ist? Es gibt dort Teams aus jeweils drei Personen, die im Wechsel Gottesdienste gestalten. Er bietet den Freiwilligen eine Weiterbildung an, die sechs bis acht Tage umfasst. Da sind beide Seiten von Empowerment mitgedacht, einerseits die Befähigung, andererseits die Bevollmächtigung. Menschen erlernen theologische Kompetenzen und haben den Raum, das anzuwenden, was sie gelernt haben. Die Ehrenamtlichen kommen ja aus den unterschiedlichsten beruflichen Kontexten, Erzieher, Ärztinnen, Käser. Wir verwenden den Ausdruck FEE: freiwillig und ehrenamtlich Engagierte.

Feen sind Personen, die bereits in ihren Kirchengemeinden aktiv mitwirken und sich durch verschiedene Formate theologisch weiterbilden?

Richtig. In meiner Landeskirche, der Refbejuso (Anm.: Reformierte Kirchen Bern-Jura-Solothurn), sind wir jüngst mit dem Pilotprojekt „Theologische Teilhabe“ gestartet. Es läuft in einer ersten Phase für zwei Jahre. Wir gehen gezielt auf Kirchgemeinden zu, die motiviert sind, sich auf den Kulturwandel einzulassen, sich vom Kopf auf die Füße stellen zu lassen: Weg von der professionstheoretischen Verengung auf das Pfarramt, hin zum Gemeinsam-Kirche-Sein. Jede Gemeinde schickt mindestens eine Fee in ein berufsbegleitendes, theologisches Weiterbildungsangebot. Das ist der Befähigungsaspekt mit dem Ziel, auskunftsfähig zu sein über den eigenen Glauben und diese Sprachfähigkeit praktisch anzuwenden.

Sie arbeiten mit Gemeinden, die sich vorstellen können, Verantwortung zu teilen.

Die bereit sind, Leitung und Kirchengestaltung breiter zu denken, und die Feen stärker einzubeziehen. Das ist der Bevollmächtigungsaspekt. Wir hoffen, daraus eine Strategie zu entwickeln, die Kirchgemeinden nachhaltig empowert – auch diejenigen die merken, wir steuern auf eine Zukunft zu, in der die Pfarrperson nicht mehr garantiert ist. Bei Refbejuso betrifft das jetzt schon vor allem Pfarrstellen im ländlichen Raum.

Wie haben Sie die Gemeinden für Theologische Teilhabe gewonnen?

Wir haben sie gezielt angesprochen. Sechs sind schon fest dabei, 15 weitere sind interessiert. Es bedarf eines Kirchgemeinderats-Beschlusses, um am Start zu sein. Manche sind daher noch nicht so weit. Uns war wichtig, in der ersten Runde unterschiedliche Profile dabei zu haben: Stadt, Land, Einzelpfarramt, Teampfarramt, unterschiedliche Frömmigkeitsrichtungen.
Klingt, als seien die Gemeinden aufgeschlossen für den Prozess. Gab es auch Misstrauen?
Gerade bei Landgemeinden stelle ich eine Entfremdung fest. Da gibt es sogar ein Sprichwort: „Was kann aus Bern schon Gutes kommen?“, bezogen auf den Sitz der Landeskirche, die anordnet oder kürzt. Wenn die Kirchgemeinden merken, wir wollen von ihnen lernen, sind das Interesse und die Dankbarkeit groß. Das genau ist die Idee, sich vernetzen und hinschauen, was vor Ort schon gut funktioniert. Wir haben dafür einen Connector, einen Netzwerker, der die Kirchgemeinden, die Pfarrteams aber auch die Feen zusammennimmt, sowie mit uns im Haus der Kirche im Gespräch bleibt.

Wenn wir uns ein bisschen weniger um Strukturen, Finanzen, Ämter und Gebäudefragen kümmern würden, hätten wir eine viel hilfreichere Perspektive auf den Kern von Kirche.

Ist der Connector festangestellt?

Auf Projektbasis, ja. Wir gehen zu zweit in die Gemeinden und stellen das Projekt vor, er und ich. Das ist eine Kombination, die sich bewährt hat. Der Connector ist ein pensionierter Pfarrer mit 30 Jahren Berufserfahrung. Er kennt die Basis.
Nominieren die Gemeinden ihre Feen selbst?
Ja. Sie treffen ihrerseits eine Vereinbarung mit ihnen, um Überforderung zu vermeiden und damit beide Seiten ihre Erwartungen formulieren können. Eine Exit-Strategie wird mitgedacht und kommuniziert. Da gefällt mir der vergleichbare Ansatz der Kesselkirche Stuttgart, wo sich Ehrenamtliche erstmal befristet auf ein Jahr engagieren. Mit dem Ergebnis, dass die Motivation der Menschen, sich zu engagieren, gestiegen ist.

Welche Altersspanne haben die Feen?

Von Anfang 20 bis zum Senior ist alles dabei.

Wie finanziert sich die Weiterbildung und wo findet sie statt, in Bern im Haus der Kirche?

Da haben wir unterschiedliche Formate, abgestimmt auf die Bedürfnisse der Feen und ihrer jeweiligen Kirchgemeinde. Es gibt gute Angebote mit höherem Praxisanteil aber auch tolle Unikurse, zum Beispiel der MAS „Ecclesial Empowerment“ an der Universität Fribourg. In der Pilotphase trägt die Landeskirche bis zu 50 Prozent der Kurskosten für die Feen. Die andere Hälfte teilen sich Gemeinde und – bedürfnisorientiert – die Teilnehmenden mit einem Eigenanteil. Die Weiterbildungsangebote im Haus der Kirche können ebenfalls genutzt werden.

Können Sie einen Ausblick geben, wie die Erkenntnisse der Pilotphase verstetigt werden?

Gehen wir vom Best Case aus: Wenn aus den Kirchgemeinden die Rückmeldung kommt, dass das Projekt ihnen hilft, ihre Basis zu empowern und das Priestertum aller Gläubigen engagierter zu leben, weiten wir es aus.

Wir hatten Feuer, Segen und theologische Vision durch Befähigung und Bevollmächtigung. Bezogen auf das Aufbrechen der Pfarrzentrierung, wo im Bild steht die Pfarrperson?

Da gefällt mir der Vergleich mit einer Fußballmannschaft. Da spielt der Pfarrer aktuell ja auf so ziemlich jeder Position: Libero, Stürmer, Torwart, während die Gemeinde auf der Tribüne sitzt. Künftig wechselt er die Position, wird zum Spieler-Trainer und bringt das Team ins Spiel.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Foto von Pexels, cottonbro studio

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