Gott ist beigetreten
Gott ist beigetreten
VON Tanja Kasischke
Eine reale Kirchentür braucht die ganze Hand an der Klinke, dem digitalen Raum reicht indes zum Einstieg ein Finger zum Wischen (englisch: swipen). „Swipe to Salvation“ (Wische zur Erlösung) heißt das Werkstattbuch, das nachspürt, wie Kirche junge Menschen digital begleitet – und wie sie begleitet sein wollen. Denn Social Media ist „eher Diskursmedium ohne absolute Wahrheit“, beschreibt Carina Daum, eine der Autor:innen, ihre Erfahrungen bei der Entstehung des Titels.
Mit „Swipe“ habt ihr zu dritt einen Aufschlag gemacht, um das Thema digitale Evangelisation in die Fläche kirchlicher Jugendarbeit zu tragen und theologischen Austausch anzuregen. Wie kam das Projekt zustande?
Das Thema „waberte herum“, es gab einiges an Tools, aber kaum theologische Reflexion digitaler christlicher Angebote. Deshalb haben wir dort angesetzt, zusammen mit dem Institut zur Erforschung von Mission und Kirche (IMK) und Wertestarter. Konkret: Eine Werkstatt mit Influencer:innen und Theolog:innen, die das Buch auch dokumentiert, sowie eine Studie zum Thema (IMK).
Die Learnings sind umfassend, kannst du sie trotzdem schlaglichtartig zusammenfassen?
Der digitale Raum bietet eine große Chance, junge Menschen zu erreichen – besonders diejenigen, die noch nicht erreicht werden können. Auch die Partizipation spielt hier eine zentrale Rolle. Für die Hauptamtlichen, die im digitalen Raum wirken, ergeben sich daraus andere Verantwortungsschwerpunkte und sie benötigen ein hohes Maß an Medienkompetenz.
Zumal die Zahl Hauptamtlicher in der digitalen Evangelisation nicht groß sein dürfte.
Es gibt, soweit ich weiß, erst eine hauptamtliche Vollzeitstelle dafür, ja. Die ist bei der Allianzmission angedockt. Ansonsten sieht die Realität so aus, dass es ein Mehraufwand ist für Personen, die eigentlich andere Stellen haben.
Der digitale Raum bietet eine große Chance, junge Menschen zu erreichen.
Dem gegenüber stehen Jugendliche und junge Erwachsener, die fast ausnahmslos digital unterwegs sind. Was motiviert sie, christliche Inhalte anzuklicken?
Sie passen zu den lebensrelevanten Themen ihres Alltags: Wie gehe ich mit Ängsten und Krisen um? Wo finde ich meine sozialen Werte gut ausgedrückt? Dass kirchliche Kanäle da mit anzeigt werden, ist eine Chance, zumal die Botschaft ortsunabhängig funktioniert. Wer im ländlichen Raum weniger Angebote vorfindet oder keinen Zugang zur Ortsgemeinde hat, kann sich online über Glauben austauschen.
Das ist eine gute Überleitung zur Frage nach der seelsorgerischen Kompetenz, die von den „Hosts“ der Kanäle verlangt wird. Sind digi-kirchliche Angebote theologisch profund?
Das ist auf jeden Fall eine Kernfrage. Ich definiere Social Media eher als Diskursmedium ohne absolute Wahrheit. Die Kanäle haben die Funktion, Räume zu öffnen, in denen Gottesbilder reflektiert oder biblische Themen angesprochen werden, für einige Nutzende sogar zum ersten Mal. Die Rolle des Hosts ist eher die, eigene Erfahrungen zur Sprache zu bringen und die Nutzenden abzuholen, als theologische Lehrinhalte zu teilen. Dass Menschen mit theologischer Ausbildung vorkommen, ist trotzdem wünschenswert.
Im Umkehrschluss hieße das, junge Nutzende suchen online weniger nach theologischer Bildung als religiöser Sprachfähigkeit?
Religiöse Sprachfähigkeit ist wichtig, ja, aber noch wichtiger ist es, sie im Ton der jungen Generation zu übersetzen. Dass man dazu Begriffe theologisch erklärt, schließt dieses Kontextualisieren nicht aus. Jugendliche sind spirituell neugierig und wollen Glauben in seiner Vielfalt erfahren. Das passt zur Pluralität des Internets. Digi-kirchliche Jugendarbeit zeigt im besten Fall, dass Gott überall mitwirkt, wo Jugendliche sind. Gott ist auch schon online.
Jugendliche sind spirituell neugierig und wollen Glauben in seiner Vielfalt erfahren. Das passt zur Pluralität des Internets
Stichwort anschlussfähige Kommunikation: An welchem Punkt ist es gut, ein Angebot im analogen Raum zu machen?
Die Frage muss man anders stellen, weil Social Media nicht zwangsläufig analoge Gemeinde schaffen will. Ihr Ziel ist, sich mit Gott zu befassen. Wenn Jugendliche an den Punkt kommen, an dem sie ein reales Follow-up möchten, entscheiden sie für sich, wo.
Wie würdest du Nachfolge im Sinne digitaler Evangelisation beschreiben?
Als ein Weiterkommen und Wachsen, indem ein Format entweder zu Antworten auf spirituelle Fragen inspiriert oder junge Menschen zum Beantworten self-empowered. Wachstum im Glauben kann hier bedeuten, dass verschiedene digitale Angebote jeweilige Meilensteine darstellen, durch die man wachsen kann und sich vielleicht dadurch der Wunsch nach analoger/digitaler Gemeinde auftut.
Eine letzte Frage, die auch im Praxisteil von „Swipe“ und mit den Partnern von Wertestarter behandelt wird: Christliche Social-Media-Kanäle sind von Hate Speech nicht ausgenommen. Gerade wenn gemeindliche Hauptamtliche oder Ehrenamtliche die Formate betreuen, was sollten sie wissen, um sich zu schützen?
Aus der Arbeit an dem Buch kann ich teilen: Grenzen klar kommunizieren, Dialogkultur pflegen, Community-Regeln schaffen und respektieren und Safe Spaces kenntlich machen.
Welche christlichen Angebote auf Social Media nutzt du persönlich?
Die Evermore-App finde ich zum Beispiel echt super und ich nutze sie viel in meinem Alltag!
Herzlichen Dank für das Gespräch!

Carina Daum
Die Autor:innen von „Swipe to Salvation“ Carina Daum, Anna-Lena Moselewski und Florian Karcher sind ein Team der CVJM-Hochschule Kassel.
AUTORIN · AUTOR

Dr. phil. Tanja Kasischke war Redakteurin des Reformationsblogs „Mensch, Martin!“. Seitdem berichtet sie über Themen der missionarischen Gemeindeentwicklung, der Öffentlichen Theologie und wie Kirche den Wechsel von der sprachlosen Parochie zum ansprechenden Netzwerk meistert. Sehr begeistert ist sie von der Wiederentdeckung des prophetischen Amts als Teil der apostolischen Dienstgemeinschaft. Sie lebt in Berlin.

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