Abschied vom sinnkubator: Kein Scheitern, sondern Erkenntnis

Abschied vom sinnkubator: Kein Scheitern, sondern Erkenntnis

VON Jörg Dechert

Veröffentlicht am: 28. April 20263,4 min Lesezeit684 WörterKategorien: Alle, Unterwegs, WanderroutenSchlagwörter: , , , , , Aufrufe: 25

Ein mutiges Experiment zieht Bilanz: Die sinnkubator gGmbH wollte Gründerbegleitung aus deren eigener Wertschöpfung finanzieren – ein Ansatz, der sich wirtschaftlich nicht durchsetzen konnte. Nach einem Jahr zieht Mitgründer Dr. Jörg Dechert den klaren Schlussstrich. Nicht aus Frust, sondern aus Verantwortung: „Wir haben versucht, was es wert war, versucht zu werden – und viel gelernt.“

Anfang 2025 sind wir mit acht Gesellschaftern in die formale Gründung der sinnkubator gGmbH gestartet. Schon vorher hatten wir uns auf klare Meilensteine geeinigt: Nach einem bis anderthalb Jahren wollen wir sehen, dass unser Geschäftsmodell – Gründerbegleitung aus der anlaufenden Wertschöpfung der begleiteten Projekte heraus zu finanzieren – beginnt zu funktionieren. Nach vier Jahren wollten wir im kostendeckenden Arbeiten angekommen sein.

Das Ende: Ordnung statt Chaos

Bei aller positiven Resonanz haben wir den ersten Meilenstein klar nicht erreicht. Die Exit-Strategie war damit vorbesprochen und vorgezeichnet: keine weitere Zeit und kein weiteres Geld investieren, wenn es erkennbar nicht wirtschaftlich funktioniert – sondern das Experiment geordnet beenden. Diese Klarheit hat mir bei allem Herzblut geholfen, ins Loslassen zu kommen.

Mein Bauchgefühl war schon im Oktober 2025 eher skeptisch: Das macht alles Freude, da ist viel positive Resonanz und Dankbarkeit – aber der Motor unserer eigenen Wertschöpfung dreht sich nicht. Im November haben wir als Gesellschafter konkret überlegt: Was können wir ändern? Meine innere Antwort damals: Das kann noch funktionieren, aber wir brauchen ein oder zwei Projekte mit einer außergewöhnlich guten wirtschaftlichen Prognose. Im März 2026 war klar: Die haben wir nicht. Die bekommen wir nicht mehr rechtzeitig.

Das Wort „Scheitern“ finde ich für diesen Prozess fehl am Platz. Scheitern wäre es gewesen, etwas wider besseres Wissen durchzuziehen. Ich denke eher: Wir haben etwas gewagt, was es wert war, gewagt zu werden – und herausgefunden, dass es in diesem Markt wirtschaftlich so nicht funktioniert. Vielleicht hilft mir mein Background als Physiker: Jedes Experiment gibt dir ein Ergebnis, auch wenn dir ein anderes lieber gewesen wäre.

Bitte mehr Experimentierfreudigkeit!

Ich glaube, in Deutschland – und erst recht im christlichen Bereich – haben wir eine Mentalität, die Experimentierfreudigkeit nicht befördert, sondern kritisch beäugt. „Woran hat’s gelegen?“, fragt der Sportreporter den Kapitän der unterlegenen Mannschaft noch auf dem Platz. Man kann diese Frage stellen, um zu lernen. Zu oft aber wird sie gestellt, um einen moralisch Schuldigen zu identifizieren. Wir Christinnen und Christen sind in Kirchen und Non-Profit-Organisationen keinen Deut besser.

Wir haben etwas gewagt, was es wert war, gewagt zu werden – und herausgefunden, dass es in diesem Markt wirtschaftlich so nicht funktioniert.

Ausgebremst hat uns eine Kombination aus zeitlichem „zu wenig“ und wirtschaftlichem „zu viel“: zu wenig Geschwindigkeit beim Aufbau einer Wertschöpfung in den Gründungsprojekten – und zu viel Finanzierungsdruck auf den Gründern, um unsere Beratungs- und Back-Office-Leistungen mitzufinanzieren. Diese Dienstleistungen müssten dauerhaft von Dritten getragen werden – so wie bei den meisten säkularen Gründerzentren auch.
Die Entscheidung aufzuhören war kein einsamer Beschluss, sondern ein fairer, transparenter Teamprozess im Gesellschafterkreis. Außerhalb dieses Teams habe ich zuerst meiner Familie davon erzählt. Meine Tochter brachte es auf den Punkt: „Wenn das nichts wird, ist das nicht schlimm. Du hast es versucht und viel gelernt – wo ist das Problem?“ Und so ist es.

Das Gelernte wollen wir weitergeben. Deshalb haben wir nach der Shutdown-Entscheidung eine offene Learning-Session über Zoom angeboten – mit rund 50 Gründerinnen und Gründern, Coaches und Leitungsverantwortlichen. Die Ergebnisse sind auf sinnkubator.de/was-bleibt veröffentlicht.

Als Lernender unterwegs

Ich bin dankbar für die neuen Begegnungen, die inspirierenden Menschen und alles fachlich Neue, das ich von und mit Gründerinnen und Gründern gelernt habe. Die Leidenschaft, Wachstum im Reich Gottes auf neuen Wegen zu initiieren, trage ich über Jahre in mir – und ich glaube, die geht auch weiter mit mir. Als Christ weiß ich: Auch das Ende von sinnkubator ist von Gott gekannt, gehalten und getragen. Wenn mich Leute fragen: „Wie geht’s jetzt persönlich weiter?“, antworte ich entspannt: „Das weiß ich noch nicht – aber ich bin sehr gespannt, was Gott neu an Berufung in mein Leben hineinspricht.

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