„Das macht bei uns die Sarah“

„Das macht bei uns die Sarah“

VON Wolfgang Thielmann

Veröffentlicht am: 1. Juni 20268,7 min Lesezeit1714 WörterKategorien: AlleSchlagwörter: , , , , , , , , , , , , , Aufrufe: 11

Eine Gemeindemanagerin auf Augenhöhe mit Pastoren.

„Hier in Haan war viel los, aber jetzt ist tote Hose“, sagt die Frau aus der Murmelgruppe. Sie hatte sich in der Kirchenbank umgedreht, damit sie mit dem Paar hinter ihr sprechen konnte. Alle sind zwischen sechzig und siebzig. Inzwischen hat Sarah Weidner vorne am Pult die Murmelgruppenzeit beendet. Die 25-Jährige kommt mit dem Mikrofon und gewinnendem Lächeln durch den Mittelgang. Und fragt, wer aus seiner Gruppe erzählen will. Die Frau berichtet: „Ich komme eigentlich für die Kirchenmusik hierher.“ Auch mag sie, dass in der Gemeinde viel gefeiert wird. Dann schaut sie Sarah Weidner an: „Wir haben ja ein lebendiges Pfarrerteam hier. Und mit Dir kommt da richtig Fahrt rein.“ Das tut gut.

Ein Wagnis nimmt Fahrt auf

Sarah Weidner hat viel vor. „Unboxing Haan“, also „Haan auspacken“, heißt das mehrjährige Projekt, das sie am Sonntagnachmittag in der streng symmetrischen, denkmalgeschützten neuromanischen Backsteinkirche am Marktplatz der 30.000-Einwohner-Stadt zwischen Düsseldorf und Wuppertal vorstellt. Die Bankreihen sind grau gestrichen wie die Balkendecke und mit braun meliertem Velour gepolstert. Am Alten Markt schräg gegenüber bietet das Café König die typisch bergischen Waffeln und Currywurst an. Jenseits des Brunnens, wo der Billigmarkt „Kik“ ausgezogen ist, hat ein arabischer Möbelladen aufgemacht mit golden zisielierten Stühlen wie aus Tausendundeiner Nacht. Gegenüber dem Weltladen neben der Kirche liegt ein Nagelstudio.

Ob die, die in den Reihen sitzen, das Wort „Unboxing“ kennen? Es stammt aus der Netzwelt der Video-Tutorials, die mit dem Auspacken und Vorstellen neuer Geräte beginnen. Presbyter Marc Bickenbach hat das Projekt am Anfang umrissen: „Das macht bei uns die Sarah. Es hat vor drei Jahren mit ihrer Einstellung begonnen. Wir wissen noch nicht, was dabei herauskommt.“ Ein neues Gemeindekonzept soll entstehen, eins, das Menschen anspricht, besonders die zwischen 25 und 40, die man kaum in der Kirche trifft. Sarah Weidner organisiert den Weg dahin. Sie ist die erste und bisher einzige Gemeindemangerin in der Evangelischen Kirche im Rheinland.

„Wir brauchen die Multiprofessionalität, sonst wird das nichts mit der Kirche.“

„Gemeindemanagerin“ – das Wort klingt nach Kulturmanagement. Dafür gibt es inzwischen Studiengänge. Der Begriff ist vor einer Generation aus der freien Kulturszene in die Arbeit von Kommunen eingewandert. Ganz allmählich gewinnt die Sache auch in der evangelischen Kirche ein Zuhause. 2005 schuf die Evangelische Kirche im Rheinland ein „gemeinsames pastorales Amt“, allerdings vor allem aus Menschen mit theologischer Ausbildung. Nachdem in Kindertagesstätten und der Medizin multiprofessionelle Teams aufkamen, fand das Konzept auch in der Kirche Anhänger. Einer der Vordenker der Multiprofessionalität, der Münchner Soziologe Armin Nassehi, sieht diese als Antwort auf die wachsende Vielfalt in der Gesellschaft. Sie müsse sich auch in der Leitung von Organisationen widerspiegeln. Theologen allein wären demnach mit der Leitung einer Gemeinde überfordert.

Gelebtes Experiment

Nach dem Murmeln und der Aussprache stellen Ursula Hahmann und Valentin Dessoy, zwei Strategieberater, eine Roadmap vor. Bis Mai soll eine Sozialraumanalyse vorliegen. Darauf aufbauend soll sich die Kirchengemeinde positionieren. Dann soll ein Zielbild entstehen, daraus eine Strategie. „Dies schließt ein Nachdenken über das Gemeindeverständnis mit ein (theologische Rückbindung)“, heißt es in der Präsentation der beiden. „Das kann man nicht ableiten, das muss man experimentell ausprobieren“, sagt Ursula Hahmann. Noch einmal hebt eine lebhafte Diskussion an. Die da sind, mögen ihre Kirche. Der Gedanke, Jüngere zu gewinnen, klingt gut. Aber wie? Dessoy gießt die Unsicherheit in eine Frage: „Können wir den Nutzen der Kirche für die Menschen sichtbar machen?“

Als gesagt ist, was zu sagen ist, kündigt Weidner eine „Stationenzeit“ an. Die Leute stehen auf. Am Kircheneingang stauen sich die ersten an der Popcornmaschine. Auf dem Altar liegen Legosteine, um die Kirche der Zukunft zu bauen. Links vom Altar steht ein Tisch mit Bio-Limo. Schilder an den Säulen und Stehtische zum Austauschen davor versprechen einen „Schwarzmarkt des Wissens“. An der Chorwand rechts vom Altar hängt eine Stadtkarte. Man kann darauf seine heiligen Orte kennzeichnen. Später, zum Abschluss, soll ein Gottesdienst folgen. Dann sind die Pfarrer wieder gefragt.

Sarah Weidner hat in den letzten drei Jahren während ihrer Teilzeit in der Gemeinde auf der anderen Rheinseite in Mönchengladbach ihren Master in Kulturmanagement absolviert. In ihrer Masterarbeit hat sie ihre eigene Stelle untersucht. „So arbeiten wir zugleich an einem wissenschaftlichen Unterbau“, sagt sie. Jetzt hat sie einen 30-Stunden-Vertrag. Ihre Arbeit beschreibt Weidner in fünf Säulen: Kommunikation nach innen und außen, Veranstaltungsmanagement, Begleitung und Entwicklung des Ehrenamts, Personalverantwortung sowie Perspektiventwicklung und Innovation. Alles zusammen ist beim Projekt „Unboxing Haan“ gefragt. Sie hält Kontakt zur Presse, sie initiiert die Posts und Reels auf Facebook, Instagram und YouTube, und sie steuert das gesamte Vorgehen und die Vernetzung mit anderen Gemeindeprogrammen, darunter das Seniorennetzwerk „Wir sind Haan“. Es verbindet die Gemeinde mit der Stadtgesellschaft und organisiert sich selbst. „Ich bin für das Strategische zuständig“ sagt Sarah Weidner, „für Konzepte, Kennzahlen, den roten Faden, Bündelung, alles, was Erlebnisse möglich macht und die Wirkung verstärkt, zum Beispiel Teambildung und der Ehrenamtstag alle zwei Jahre. Und ich habe gelernt, strukturiert Projekte zu managen.“ Ziemlich viel in 30 Stunden, vor allem die Personalverantwortung für mittlerweile elf Leute. „Das kratzt so gerade an der Machbarkeitsgrenze“, sagt sie.

Kollegiales Miteinander auf Augenhöhe

Sarah Weidner arbeitet gleichberechtigt mit den beiden Pfarrern Christoph Helbig und Christian Dörr zusammen. Es sei nicht schwierig gewesen, Macht zu teilen, berichtet Sarah Weidner. Seit der Konfirmation ist sie in der Haaner Kirchengemeinde engagiert. „Weil ich einen Vertrauensvorschuss aus meiner Zeit als Ehrenamtliche hatte, hatten wir keine Machtprobleme“, sagt sie. Eine Pfarrstelle wurde vor zwei Jahren neu besetzt, als sie schon da war, das hat die Sache erleichtert: „Wir haben in der Ausschreibung klar gemacht: Wer sich hier bewirbt, hat eine Kollegin mit anderer Qualifikation an der Seite.“

Gemeindemanagement funktioniert nach ihrer Überzeugung nur mit Augenhöhe: „Wir brauchen die Multiprofessionalität, sonst wird das nichts mit der Kirche.“ Doch Macht zu teilen wird schnell schwierig, das hört sie, wenn sie das Haaner Konzept in anderen Gemeinden präsentiert. Es stoße aber auf lebhaftes Interesse. Die Idee, sie anzustellen, kam auf, als eine Pfarrerin in den Ruhestand ging und die Stelle nicht wieder besetzt werden durfte. Weidner gehörte zu denen, die die Ausschreibung verfassten. Dann fing sie selbst Feuer. Die anderen mussten allein weiter formulieren. Als sie fertig waren, schrieb Weidner ihre Bewerbung.

Inzwischen arbeitet sie daran, dass die Augenhöhe mit den Pfarrern auch rechtlich verankert wird. Da gibt es noch zu tun. „Die rheinische Kirchenordnung sieht meine Stelle nicht vor“, sagt sie. Denn anders als die Pfarrer gehört Weidner nicht zum Presbyterium. Deshalb hat das Presbyterium ein Leitungsteam aus ihr und den Pfarrern gebildet.

„Wenn wir relevant sein wollen für die Menschen, dann können wir nicht das tun, was wir immer gemacht haben.“

Mit ihr ärgert sich der für die Finanzen zuständige Presbyter Ingo Voormann: „Bis jetzt können wir Sarah nur von Fall zu Fall als Gast zu den Sitzungen einladen. Das tun wir natürlich. Aber einen ständigen Sitz lässt die Kirchenordnung nicht zu.“ Ein Vorschlag, das zu ändern, sei nicht einmal in die Synode der Landeskirche gekommen, sondern vorher in Ausschüssen hängengeblieben. „Ich könnte Mitarbeiterpresbyterin werden“, sagt Sarah Weidner. „Aber dann wäre das mein Ehrenamt. Das ist keine Lösung.“ Denn anders als Pfarrpersonen sind Presbyter ehrenamtlich engagiert. Ob die rheinische Kirche nicht an ihr Presbyterwahlgesetz gehen wollte? „Vielleicht kommt das irgendwann“, sagt Sarah Weidner. „aber gerade ist es nicht so möglich, wie ich es mir wünsche. Doch in Haan setzen wir es einfach um.“

Freiräume fürs Kerngeschäft

Die Augenhöhe sagt auch: Ihre Stelle ist keine Entlastung für die beiden Pfarrer, denn die geben ihr keine Aufträge. Aber was haben die beiden von ihrer Arbeit? Sarah Weidner formuliert vorsichtig: „Die Dinge, die wir tun, können mit mehr Kopf und Herz passieren“, sagt sie. „Die Pfarrer können sich zum Beispiel auf die Gottesdienstvorbereitung konzentrieren, denn sie müssen nicht noch dazu die Werbung machen für die Zeitung und das Plakat. Oder sie nehmen sich Zeit für den Konfi-Unterricht. So schaffen wir die Räume, zu tun, was wir können und wollen.“ Und sie fügt hinzu, noch vorsichtiger, weil das wie Kritik klingen kann: „Es steigert die Professionalität der Arbeit, wenn jeder seine eigene Aufgabe erfüllen kann.“ Mehr Zeit bedeute auch eine Chance für mehr Qualität, um Menschen zu begeistern. Aber dazu müssten alle umdenken: „Wenn wir relevant sein wollen für die Menschen, dann können wir nicht das tun, was wir immer gemacht haben. Das funktioniert seit zehn Jahren schon nicht mehr, und das sehen wir massiv an den Zahlen.“ Sie selbst geht zum Beispiel nicht zum Sonntagsgottesdienst: „Freiwillig ruiniere ich mir nicht meinen Sonntagmorgen, indem ich mich eine Stunde in eine kalte Kirche setze mit Musik, die mich nicht anspricht.“ Wie müsste ein Gottesdienst für sie aussehen? „Eine kurze Andacht, wenig Liturgie, Essen, Trinken, Beisammensein und weniger gezwungene und festgelegte Formen.“ Für sie ist Kirche mehr als Vermittlung von Glaubensangeboten. Und der Glaube ändere sich, auch da müsse die Kirche mitgehen. „Gemeinschaft zu erleben, das ist für mich viel eher Kirche, denn dann sind wir in dem ganzen Ding der Nächstenliebe. Das ist die Botschaft, die ich vermitteln möchte.“

Zwei große Gemeindehäuser wurden aufgegeben. Dafür haben sie neben der Kirche ein Zentrum gebaut, hinter der Villa an der Kaiserstraße mit bergischer Schieferfassade und grünen Fensterläden. Sie beherbergt Büros, auch das von Sarah Weidner. Das neue Zentrum ist kleiner und praktischer. Im Foyer lädt ein chromglänzender Espresso-Automat zum Genuss ein. Derzeit hat die Kirche rund 6.000 Mitglieder. „Das Konzept zielt darauf, auch mit 4.000 in der Stadt wahrgenommen zu werden“, sagt Voormann. „Deswegen haben wir am Rand alles aufgegeben und konzentrieren uns hier. Aber wenn wir nur reduzieren, dann reduzieren wir uns weg“. So seien sie auf die Idee der Weiterentwicklung mit der Gemeindemanagerin gekommen. Voormann sagt: „Ich glaube, wir fahren gut damit.“

Der Beitrag erschien zuerst in https://zeitzeichen.net/

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