Wenn Kirche in die Kneipe geht

Wenn Kirche in die Kneipe geht

VON Rüdiger Jope

Veröffentlicht am: 23. Juni 20262,4 min Lesezeit479 WörterKategorien: Alle, Unterwegs, WanderroutenSchlagwörter: , , , , , , Aufrufe: 21

Ein Pub als Predigtort? In Remscheid-Lennep wagt Vikar Carsten Baumgart ein Experiment mit Signalwirkung: Ein Gottesdienst zwischen Tresen, Guinness, Akkordeon und Segensworten.

Draußen gießt es in Strömen, drinnen wird schon aufgebaut: Im irischen Pub „Shamrock“ in der Lenneper Altstadt probiert Vikar Carsten Baumgart an diesem Maiabend ein neues Gottesdienstformat aus. Der Kneipengottesdienst ist Teil seiner praktischen Prüfung — und für die evangelische Kirchengemeinde Remscheid-Lennep ein Experiment mit Signalwirkung.

Kirche bei den Menschen

„Wir müssen als Vikarinnen und Vikare ein Projekt installieren, das es so in der Gemeinde noch nicht gegeben hat“, sagt Baumgart. „Da dachte ich mir: Warum sollen wir uns als Kirche nur in die Gemeindehäuser verkriechen? Der Kneipengottesdienst ist eine tolle Sache.“ Die Idee ist nicht ganz neu, aber sie trifft offenbar einen Nerv im Bergischen Land.

Shamrock-Chefin Annabelle Krauß war sofort begeistert. „Ein Pub ist eine Begegnungsstätte — genau wie Kirche auch“, sagt sie. Auch Presbyterin Corinna Hindrichs ist überzeugt, dass das Format Menschen erreicht, die sonst eher fernbleiben: „Wenn die Menschen nicht mehr in die Kirche kommen, dann muss die Kirche eben zu den Menschen gehen.“

„Kirche stellt sich dem Gespräch mit den Menschen, nimmt ihr Nöte und Ängste war, behält ihre Hoffnung nicht für sich.“

Und tatsächlich: Die Kneipe füllt sich an diesem Abend schnell. Vor allem mit jungen Menschen, Skeptikern und Leuten, die sich sonst sonntags nicht um zehn Uhr in die Kirchenbank verirren. Einige kommen nur auf ein Getränk, andere haben sich mit Freunden verabredet — und bleiben dann doch. Statt Abendmahlswein gibt es Bier, statt Orgel begleitet Kantor Thilo Ratai den Abend mit dem Akkordeon. Vikar Baumgart begrüßt die Gäste mit einem Augenzwinkern und erinnert daran, dass Pfarrer früher Menschen aus den Kneipen holen wollten: „Ich sehe das ganz anders“, sagt er und hebt sein Glas. Irische Segenslieder, biblische Geschichten und Kneipenhumor wechseln sich ab. Für einen besonderen Moment sorgt Prädikant Werner Brück, der den jüdischen Milchmann Tevje aus „Anatevka“ verkörpert und die Kneipe zum Lachen bringt.

Herzensthemen zur Sprache bringen

Dazwischen wird es andächtig: Baumgart lädt die Besucher ein, ihre Herzensthemen anonym auf Bierdeckel zu schreiben und auf den improvisierten Altar unters Kreuz abzulegen. Am Ende steht ein Segen — und ein Satz, der hängen bleibt: „Mögen die Wände dieser Kneipe nie Risse bekommen — Amen und Prost.“

Für Vikar Carsten Baumgart ist klar: Das war nicht der letzte Kneipengottesdienst. In der Kleinstadt wurde wahrgenommen: Kirche wagt sich raus aus den Mauern. Sie ist da, kommt auf uns zur. „Kirche stellt sich dem Gespräch mit den Menschen, nimmt ihr Nöte und Ängste wahr.“ Monatlich trifft sich jetzt die Gemeinde zum Stammtisch im „Shamrock“. Und bald heißt es dort wieder: Ein Prosit auf die Gemütlichkeit und Gott!

Titelbild: Carsten Baumgart

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