„Heilsames Erschrecken“
„Heilsames Erschrecken“
VON Andreas Lau
Ein Satz, der trifft: „Du bist doch unser Pfarrer!“ – und plötzlich steht mehr auf dem Spiel als nur ein Termin im Kalender. Es geht um Erwartungen, Rollenbilder und die Frage, was Gemeinde eigentlich ausmacht, wenn Zeit knapper wird – und Berufung größer.
„Du bist doch unser Pfarrer!“ – sie schaut mich ernst an, fast ein wenig enttäuscht. „Ich verstehe nicht, warum du nicht mehr dabei bist!“ Damit spricht sie aus, was wohl an ganz verschiedenen Stellen gedacht wird. Diesmal betrifft die Frage den Erntedankmorgenkreis der evangelischen KiTa. Also reden wir. Ich versuche zu beschreiben, was sich seit diesem Jahr geändert hat: dass ich nach zehn Jahren nur noch zur Hälfte Ortspfarrer bin. Dass zwar Tabea neu ins Pfarrteam dazugekommen ist, wir aber beide in unserem zweiten Stellenanteil noch eine andere Struktureinheit zu begleiten haben. Und ich rechne ihr vor, dass wir durch alle Veränderungen 1.702 Arbeitsstunden weniger an hauptamtlicher Zeit zur Verfügung haben. Doch während ich so richtig im Erklärungsschwung bin, höre ich mich selbst reden und merke, dass hier etwas nicht stimmt. Im Grunde singe ich doch gerade das gleiche Lied, das ich seit meiner Studienzeit von unserer Landeskirche gehört habe: „Die Ressourcen werden weniger – Einschnitte sind notwendig!“
„Die Wirksamkeit einer Veranstaltung hängt nicht an der Anwesenheit eines Pfarrers.“
Nun singe ich dieses Lied, und zwar aus einem einzigen Grund: Ich möchte um Verständnis bitten. Wie egoistisch. Denn damit will ich mich im Grunde nur selbst aus der Schussbahn der Enttäuschung retten. Den Preis dafür bezahlt diese Frau. Denn nun muss sie die Situation nicht nur hinnehmen, sondern auch noch Verständnis haben. Natürlich ist die Zeit knapp. Das ist die Beschreibung der Wirklichkeit. Aber das sollte nicht zur Grundlage meiner Entscheidungen werden. Wichtig ist mir eigentlich die Transformation eines Denkens, das im Zentrum die Pfarrperson sieht und aus Gemeindegliedern Betreute macht.
Ich möchte eigentlich nicht um Verständnis werben, sondern ihr sagen, dass ich ihre Arbeit schätze und für sie in der Vorbereitung da sein werde. Dass ich Zeit habe, wenn sie Begleitung oder etwas anderes braucht. Mitgeben möchte ich ihr, dass die Kinder durch sie Kirchgemeinde auf eine wunderbar zugewandte Weise erleben. Und dass die Wirksamkeit einer Veranstaltung nicht an der Anwesenheit eines Pfarrers hängt. Ich möchte ihr die Augen öffnen für ein Pfarrbild, bei dem Begleitung und Befähigung anderer wichtiger sind als das eigene Gesehenwerden. Und dafür, dass ihr Platz etwas mit einer Berufung zu tun hat, die ich stärken möchte.
Also nein – ich werde an diesem einen Tag nicht dabei sein. „Aber an den Tagen davor und danach bin ich es gern. Nicht für die Veranstaltung, um dort als Pfarrer gesehen zu werden, aber für dich, wenn ich dich irgendwie unterstützen kann. Ich sende dich, nicht weil die hauptamtlichen Ressourcen knapper werden, sondern weil Gott dich bereits gesandt hat und es meine Aufgabe ist, es auszusprechen und zu ermöglichen – nicht nur, weil meine Zeit knapp ist.“
AUTORIN · AUTOR
Andreas Lau ist Gemeindepfarrer und Inhaber einer transformatorisch-missionarischen Pfarrstelle im Erzgebirge. Er liebt es, neue Wege zu suchen – in seiner Arbeit genauso wie in Laufschuhen durch die Natur. Er ist Teil des Netzwerkes churchconvention.

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