Trotzkraft

Trotzkraft

VON Margrit Wegner

Veröffentlicht am: 18. Juni 20262,2 min Lesezeit441 WörterKategorien: Pausengeschichten, »Moin, Moin« und »Morsche«, AlleSchlagwörter: , , , , , , Aufrufe: 12

Ein Wochenende, das unter die Haut geht: In Riga treffen sich Frauen aus aller Welt, um zu feiern, was längst erkämpft schien – und doch wieder bedroht ist. Zwischen roter Stola, bewegenden Geschichten und trotzigem Mut wird spürbar, wie viel Kraft in Berufung, Gemeinschaft und Widerstand steckt.

Neulich in Riga: Der Einzug in die Kirche dauert lange mit den Gästen. Die ersten vier, fünf Reihen sind besetzt mit Pastorinnen, Professorinnen, Evangelistinnen aus aller Welt. Viele tragen rote Stola, Farbe des Heiligen Geistes, des göttlichen Feuers der Begeisterung. Pfingstlich-freudig geht es zu. Ein Pastor begrüßt. Dann nennt eine Pastorin den Anlass des Gottesdienstes: Vor 50 Jahren wurden in Lettland die ersten Frauen ordiniert. Ein mutiger Schritt in der Zeit sowjetischer Herrschaft. Sie predigten, feierten Abendmahl, trösteten Menschen ebenso wie ihre männlichen Kollegen. Doch nach der Unabhängigkeit Lettlands 1991 kamen in der lutherischen Kirche konservative Männer ans Ruder. Unter Erzbischof Jānis Vanags wurde die Frauenordination gestoppt. 2016 beschloss die Synode, nur Männer zu ordinieren. Fassungslosigkeit, Empörung und Trauer weltweit änderten daran nichts. Für Pastorinnen, Theologiestudentinnen, alle Frauen, die sich berufen fühlten, mit ihren Gaben Gott zu dienen, waren die Erfahrungen traumatisch. Sie wurden aus ihren Ämtern gedrängt. Vielen blieb nur der Weg ins Ausland, die Ordination in der Exilkirche.

„Aber wir sind noch da. Und wir machen weiter!“

An diesem Tag feiern wir Gottesdienst in Riga. Männer und Frauen allen Alters, über Sprach- und Ländergrenzen hinweg verbunden. Eine Bischöfin predigt. Frauen leiten das Abendmahl, darunter Schwedens ehemalige Erzbischöfin und die brasilianische Delegierte des Lutherischen Weltbundes. Hinterher gibt es ein bewegendes Fest. Wir erleben an diesem Wochenende Widerstandskraft, Visionen und die Kraft der Gemeinschaft. Aber wir spüren auch, „dass Rückschrittlichkeit kein abgeschlossenes Kapitel ist“, wie Antje Jackelén, Schwedens ehemals höchste Bischöfin sagt. Der lettische Erzbischof, der die Frauen seit 1993 aus ihren Ämter gedrängt hat, ist erst eine Woche zuvor in den Ruhestand gegangen. „Er ist endlich weg!“, sagt eine Pröpstin mit belegter Stimme. Sie kann kaum sprechen, bringt trotzig hervor: „Aber wir sind noch da. Und wir machen weiter!“ Der neue Erzbischof gibt sich wenig offener als sein Vorgänger. Aber die Frauen sind stark: „Dieses Wochenende war für uns ein Stück Freiheit. So viele Frauen in der Kirche – Frauen, Männer, alle gemeinsam! Wir fühlten uns einfach so frei!“ Und ihre Trotzkraft ermutigt auch uns, ihre Gäste. „So frei und getragen habe ich mich als Pastorin in Riga noch nie gefühlt in all den Jahren“, sagt eine deutsche Kollegin. Der Mut beflügelt – weltweit.

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