Mehr Club als Kirche

Mehr Club als Kirche

VON Rüdiger Jope

Veröffentlicht am: 13. Juli 20263,8 min Lesezeit704 WörterKategorien: Alle, Unterwegs, WanderroutenSchlagwörter: , , , , , , , , , Aufrufe: 13

Ein Abend zwischen Soulmusik, ehrlichen Fragen und Rotwein: In Dillweißenstein zeigt „Spätlese“, wie Kirche Menschen neu erreicht – und warum sie damit erstaunlich viele zurückholt.

Während Eric Claptons „Change the World“ durch das Kirchenschiff klingt, lehnt sich ein Mann mit Weinglas zu Michael hinüber. Ende fünfzig, gelöst, beeindruckt. „Sag mal“, sagt er, „warum macht die Kirche das nicht immer so? Das ist doch die Zukunft.“ Es ist ein Satz, der hängen bleibt an diesem Abend in der Heilig-Geist-Kirche in Dillweißenstein.

Ein Abend, der anders beginnt

Dreimal im Jahr wird sie hier zur Bühne für „Spätlese“ – einen Gottesdienst, der anders funktioniert. Seit 14 Jahren organisiert ihn ein Team von Ehrenamtlichen. Ihr Konzept ist so schlicht wie wirkungsvoll: Eine Liveband lädt eine „Bundesligasängerin“ oder einen „Bundesligasänger“ ein. Diese dürfen sieben Wunschlieder vorschlagen. Die Gemeindeband übt diese dann ein, am Veranstaltungstag trifft man sich nachmittags – und um 18 Uhr geht es los.

„Spätlese“-Gottesdienst mit der brasilianischen Sängerin Beatriz Simões (Fotos: Intro Film)

An diesem Juniabend steht das Thema schonungslos im Raum: „Ich hab’s verkackt. Wenn uns die Schuld an den Schuhen klebt.“ Dazu Songs wie „Don’t Change Horses“, „Wild Horses“ und „Gold“. Oli Roth singt, und für einen Moment wirkt das Kirchenschiff eher wie ein Club. Nur dass hier niemand anonym bleibt.

Denn nach einem kurzen Impuls wird nicht still genickt, sondern nachgehakt. Die Predigenden stellen sich den Fragen. Widerspruch ausdrücklich erlaubt. „Der Austausch war besser als die Predigt“, sagt später jemand. Es klingt nicht wie Kritik, sondern wie ein Kompliment.

Fragen erlaubt. Widerspruch auch.

Danach wird gesungen. Ein Lied, das alle können. „Wenn die Last der Welt dir zu schaffen macht, Gott hört dein Gebet.“ Dann geht der Abend weiter – ins „Après“. Gespräche, ein Glas Wein, keine Eile. Die Atmosphäre ist nicht Beiwerk, sondern Programm.

„Sag mal, warum macht die Kirche das nicht immer so? Das ist doch die Zukunft.“

Auch der Raum erzählt davon. Die Kirche wurde umgebaut: Sofas statt Bänke, Beamer statt Liederbücher, ein Flügel statt Orgel. Multifunktionsraum statt sakraler Distanz. „Spätlese“ will Platz schaffen – für Begegnung, für Glauben, für Genuss, für Boomer.

Michael Mürle steht mittendrin und lacht. Der 64-Jährige kennt diese Kirche seit Jahrzehnten. In den Siebzigern und Achtzigern blühte hier die Jugendarbeit. Dann wurde es stiller. Studium, Beruf, attraktivere Angebote in freien Kirche – die Gemeinde dünnte aus.

Bis sich in den 2010er-Jahren einige wieder zusammentaten. „Die lebenserfahrene Jugend“, wie sie sich selbst nennen. „Wir wollten, dass unser Glaube hier vor Ort wieder eine Heimat bekommt“, sagt Mürle.

Warum sie einfach gemacht haben

Pfarrer Theo Leonhard lässt den Heimkehrern Raum. Gemeinsam entwickeln sie neue Formate: neben „Spätlese“ auch den Morgengottesdienst „Neuland“. Als die Gemeinde später in der größeren Struktur aufgeht, passiert etwas Ungewöhnliches: Die Ehrenamtlichen bekommen Verantwortung. Auch sie dürfen predigen. „Dann macht mal“, sagt die Dekanin. Und sie machen. Ohne Talar. Ohne feste Liturgie. Stattdessen mit einer klaren Frage: Wie müsste Kirche sein, damit unsere Freunde gerne kommen? Oder, wie Mürle es formuliert: „Zu welcher Veranstaltung könnten wir hemmungslos einladen?“

Die Antwort zeigt sich an diesem Abend. Die Kirche ist voll. Etwa die Hälfte der Besucher kommt sonst nicht. Für viele ist „Spätlese“ der erste Schritt zurück – oder überhaupt erst hinein. Sätze wie der des Mannes mit dem Weinglas geben dem Team Rückenwind. „Davon zehre ich“, sagt einer. „Das war inspirierend“, ein anderer.

„Kirche denkt zu viel darüber nach, wie sie gut stirbt – und zu wenig darüber, wie sie wachsen kann.“

Und Mürle sagt einen Satz, der weniger gemütlich klingt als der Abend selbst: „Kirche denkt zu viel darüber nach, wie sie gut stirbt – und zu wenig darüber, wie sie wachsen kann.“ Drinnen verklingt Clapton. „Change the World.“ Draußen ins Nagoldtal schallt Hoffnung. „Change the church.“ Was, wenn das hier erst der verheißungsvolle Anfang ist?

Die Heilig-Geist-Kirche in Dillweißenstein bei Pforzheim. Ein Kleinod innen und außen.
Fotos: Stephan Baumann, Karlsruhe

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