„Als Gott uns Sarah schickte“

„Als Gott uns Sarah schickte“

VON Jens Buschbeck

Veröffentlicht am: 16. März 20263,7 min Lesezeit747 WörterKategorien: Unterwegs, KompassSchlagwörter: , , , , Aufrufe: 32

Mein Philippi im sächsischen Zwickau

Als Kind liebte ich das Oratorium „Paulus“ von Siegried Fietz, das meine Mutter als dritte oder vierte Kopie einer Schallplatte aus Westdeutschland auf einer „Magnetbandkassette“ hoch und runter laufen ließ. Ein Satz blieb mir über Jahrzehnte in Erinnerung. Als Paulus ins griechische Philippi an den üblichen jüdischen Gebetsort kommt, platzt es aus ihm heraus: „Ach, hier sind ja nur Frauen!“ Auch die folgende wunderschöne Arie der Lydia „Ich habe den Duft der Rosen geliebt!“ konnte mich schon als Kind über diese despektierliche Aussage nicht hinwegtrösten. Vielleicht auch deshalb prägt die Geschichte der ersten Christin Europas mein Leben. Die Kirchengeschichte unseres Kontinents begann mit EINER Frau.

Wenn der Heilige Geist Regie führt

Jahre später starteten wir in Zwickau ein Gemeindepflanzungsprojekt innerhalb der sächsischen Landeskirche in der Bahnhofsvorstadt, das ich als Pfarrer leitete. Neben all den Dingen, die man da so tut, fragten wir immer wieder: „Herr Jesus, wen sendest Du uns? Welchen Menschen sollen wir hier in der Bahnhofsvorstadt von Dir erzählen? Wen bereitest Du für solche Gespräche vor?“ Natürlich hatten wir viele Ideen – Gott sei Dank! – aber der Heilige Geist hatte mal wieder andere Pläne und bescherte uns ein Philippi-Erlebnis an einem ganz normalen Sonntag.

„Sie erzählte, dass sie jetzt Christin sein möchte, weil Jesus ihr im Traum erschienen ist!“

Unmittelbar vor dem Gottesdienst kam ein Ehepaar aus einem anderen Stadtteil zu mir, das schon einige Zeit unsere Gottesdienste besuchte. „Jens, wir haben vor der Kirche neben der Asylunterkunft eine junge Frau gesehen, die wahrscheinlich auf den Gottesdienstbeginn wartete. Aber heute ist dort kein Gottesdienst!“ „Und?“, fragte ich die Beiden. „Na wir haben sie mitgebracht. Sie spricht aber kein Deutsch und wir sprechen, wie du weißt, kein Englisch!“ – „Da ist die in euer Auto gestiegen???“ „Vielleicht sehen wir so vertrauenswürdig aus oder unser Reden mit Händen und Füßen fand sie ganz toll!“, lachten mich die beiden an und stellten mir darauf Sarah vor, eine junge Iranerin, die ganz passabel Englisch sprach und mir erzählte, dass sie jetzt Christin sein möchte, weil Jesus ihr im Traum erschienen ist! Ich bat eine unserer ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen, ihr den Gottesdienst ins Englische simultan zu übersetzen und nach dem Gottesdienst unterhielt ich mich mit Sarah. Die Woche darauf brachte sie ihren Bruder und ihre beste Freundin mit. „Auch sie möchten mehr über Jesus erfahren – kannst du uns helfen?“

Gott antwortet auf Gebet

Mir blieb die Spucke weg! Wir beteten ein Jahr lang um „naturbelassene Heiden“, die wir zu Jesus führen können und dann startet auf einmal eine Arbeit, deren wachsendes Ausmaß wir damals noch nicht abschätzen konnten – mit einer Frau, die nicht Lydia, sondern Sarah hieß.Bibelstunden, Taufkurse, praktische Lebenshilfe in beide Richtungen, Tränen der Freude und des Schmerzes. So viele Menschen aus dem mittleren Osten durften wir mittlerweile kennenlernen und liebgewinnen. Heute, vierzehn Jahre später, ist daraus längst ein großer Arbeitszweig unserer wachsenden Gemeinde geworden und Sarah lebt in einer anderen Stadt. Die Luthergemeinde hat unglaublich von dieser Begegnung profitiert: über 150 Taufen ehemaliger Muslime, zig starke Arme bei Arbeitseinsätzen, bewegende Lebenszeugnisse, eine große Anerkennung der Gemeindearbeit durch staatliche Stellen, die auch aufgrund dieser Arbeit bei vielen Dingen finanziell helfen konnten.

Als ich in der Lokalzeitung las, dass wir eine Kleiderkammer für Flüchtlinge betreiben werden, rief ich in der Stadtverwaltung an und fragte, wie es denn zu so einer Veröffentlichung käme? Dort bat man um Entschuldigung für die schnelle Pressemitteilung. Aber sofort kam auch die Frage: „Ihr macht das doch bestimmt gerne und gut, oder?“ – Klar machten wir das. Bis heute arbeiten zig Ehrenamtliche, darunter wiederum viele Ukrainer, daran mit, dass Menschen unbürokratisch Hilfe erhalten können. Die Stadt Zwickau bat uns, weil sie unser soziales Engagement gesehen hatte, ob wir nicht eine stadtteilbezogene Sozialarbeit im Viertel aufbauen könnten – EU-Fördermittel würden das möglich machen und „Ihr macht das doch mit den Flüchtlingen schon so toll!“… Und, und, und …

Aus wenig wird etwas

Wenn ich große europäische Kathedralen und Kirchentage mit zehntausenden Christen erlebe, schaue ich gern zurück nach Philippi. Wenn ich auf unsere Gemeinde und ihre vielfältige geistliche und soziale Arbeit sehe, denke ich an Sarah. „Ach, hier sind ja nur Frauen!“ – Genau! Und Gott macht daraus Großartiges, ihm und den Frauen sei Dank!

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