Vorbei, oh ihr Arbeitenden

Vorbei, oh ihr Arbeitenden

VON Hella Thorn

Veröffentlicht am: 5. März 20265,3 min Lesezeit1056 WörterKategorien: Alle, Dossiers, Social CoworkingSchlagwörter: , , , , , , , Aufrufe: 26

Coworking in Church – drei Jahre später

Gut besuchte Kirchen – und das nicht nur am Sonntag, besetzte Stühle, Austausch, Gemeinschaft – vor drei Jahren klang coworken in kirchlichen Gebäuden, ora et labora, nach einer Verheißung. Nach einer Hoffnung für Kirchenräume, die werktags still dalagen, und für eine Kirche, die nach neuen Anknüpfungspunkten in der Lebenswirklichkeit arbeitender Menschen suchte. Kollaboratives Arbeiten zwischen Kanzel und Kaffeemaschine, Laptop neben Taufstein, Mittagspause am Altar. Eine Form des Kirche-seins mit großem Potenzial. Dachte ich. Hoffte ich.

Und heute?

Es ist stiller geworden. Manche Webseiten sind veraltet, Social-Media-Kanäle verstummt, Räume wieder geschlossen. Gelder wurden eingestellt, Förderzeiträume endeten. Der Coworking Space „Frohet Schaffen“, in dem ich die letzten drei Jahre gearbeitet habe, wurde Ende 2025 exnoviert; die fördernde Landeskirche hat ihr Innovationsförderprogramm eingestellt. Nach „Herbei, oh ihr Arbeitenden!“ hieß es jetzt: „Vorbei, oh ihr Arbeitenden.“ Keine Evaluation, keine Wirkungsanalyse, keine schwarzen Zahlen, zu wenig Nutzer*innen, zu hohe Erwartungen. Wer allein auf eine Refinanzierung durch Coworker*innen gesetzt hat, musste feststellen – der Traum vom flexiblen Arbeiten an verschiedenen Orten blieb ein Traum. Etliche Arbeitgeber*innen wechselten nach der Pandemie wieder vermehrt zu Präsenzzeiten in ihren Gebäuden. Homeoffice hat sich zwar als Teil der Arbeitskultur etabliert, aber eben nur das Homeoffice. Die Bereitschaft, Arbeitnehmer*innen verschiedene Arbeitsplatzmodelle anzubieten und zu finanzieren, ist völlig undenkbar. Und für Arbeitnehmer*innen lohnt es sich leider oft nicht, selbst für einen Coworking-Platz aufzukommen: Zu Hause kann man neben der Arbeit noch eben schnell die Wäsche machen, die Spülmaschine ausräumen oder die Post entgegennehmen. Soziale Kontakte und Austausch pflegt man entweder im Privaten oder mit den Kolleg*innen auf der Arbeit – an den Tagen, an denen man vor Ort sein muss.

Vom Anfang bis zum Ende

Kirchliche Coworking-Initiativen entstanden aus sehr unterschiedlichen Motiven: als Antwort auf Vereinsamung, als Vision für eine neue Zukunft der Arbeit, als Beitrag zur Stadtteilarbeit, als Experiment neuer Gemeindeformen, Fresh X, oder als Versuch, kirchliche Immobilien neu zu nutzen. Viele Projekte wurden im Rahmen kirchlicher Innovations- oder Transformationsprogramme angestoßen – zeitlich befristet, bewusst experimentell, mit der Hoffnung auf Übertragbarkeit. Der Geist dieser Aufbruchsjahre war geprägt von Mut und Improvisation. Coworking wurde weniger als Geschäftsmodell verstanden, denn als Haltung: Kirche als Gastgeberin, als Raumgeberin, als Ermöglicherin von Gemeinschaft jenseits des Sonntags. Goldene Zeiten. Doch die Ernüchterung kam mit dem Ende der Förderzeiträume, denn spätestens jetzt stellte sich die Gretchenfrage: Wie hältst du’s mit der Wirtschaftlichkeit? 
Diese Frage müssen sich alle kirchlichen Innovationsprojekte stellen – ganz im Gegensatz zu den restlichen kirchlichen Angeboten wie etwa dem Sonntagsgottesdienst. Kirchliche Aufbrüche – ja, bitte! Aber nur, wenn sie das schaffen, was Kirche sonst nicht schafft: gut zu wirtschaften. Es geht noch nicht mal darum, wer mehr Menschen zu seinen Angeboten versammelt – da liegen die Innovationsprojekte zumeist weit vorn –, sondern darum, wem es gelingt, wieder mehr Menschen zu einer Mitgliedschaft in Kirche zu bringen und demzufolge mehr Kirchensteuern einzufahren. Echte Aufbrüche sind das also nicht, sondern lediglich der Versuch durch neue Geschäftsmodelle das Sinken des Kirchenschiffs mit kopflosem Löcherstopfen aufzuhalten. Egal, ob es sich dabei um Coworking in Church, Stadtteilarbeit, oder Kirche Kunterbunt handelt. Was sich nicht integrieren und gleichzeitig monetarisieren lässt, muss weg. Ganz im Gegensatz zum Sonntagsgottesdienst mit einer Handvoll Besucher*innen.

Kirchliche Aufbrüche – ja, bitte! Aber nur, wenn sie das schaffen, was Kirche sonst nicht schafft: gut zu wirtschaften.

Segen trotz Scheitern

Coworking ist ein anspruchsvolles Geschäftsmodell – selbst für professionelle Anbieter. Hohe Fixkosten, geringe Margen, starker Wettbewerb. Wer da keine Ideen für weitere Einnahmequellen aufweist, hat schlechte Karten. Für kirchliche Träger kommen weitere Spannungen hinzu: Der Wunsch nach Offenheit kollidiert zuweilen mit der Notwendigkeit klarer Zielgruppen. Ehrenamtliche Strukturen befriedigen nicht den Bedarf eines professionellen Community-Management – und nein, das kann keine zusätzliche Aufgabe der Pfarrperson sein! Evaluation, Begleitung und ökonomische Steuerung sind oft Fehlanzeige. Und so kam es, dass nach und nach christliche Coworking-Spaces, die Teil einer Innovationsförderung ihrer Landeskirche sind, wieder schließen müssen. Egal, wie viele Coworkende sie beherbergen. Egal, wie viele gute Projekte für den Kiez, den Stadtteil, den Ort oder den Sozialraum daraus hervorgegangen sind. Egal, wie viel gelebte Gemeinschaft, wie viel Innovation, wie viel Neues daraus entstanden ist.
Sind christliche Coworking-Spaces also gescheitert? Mitnichten. Aus dem täglichen Coworking-Betrieb wurden temporäre Arbeitsorte, multifunktionale Begegnungsstätten, Innovationskatalysatoren für das örtliche Umfeld, Leuchtfeuer für die Kirche (die sie jedoch lieber ausgehen lässt als sie weiterzutragen). Daneben blieb viel Wirksames, aber oft weniger Sichtbares: neue Gastgeberrollen, neue Formen von Nähe und Distanz, von Arbeit und Leben, neue Selbstverständlichkeiten mit Menschen, die nicht in Kirche beheimatet sind, neue Arten der Spiritualität, neue Gemeinschaftsprojekte, neue Beziehungen auf Augenhöhe. Neue Hoffnung. Neue Ideen. Neue Ziele.

Die Frage ist, was Kirche aus diesen Experimenten gelernt hat. Und ob sie bereit ist, zu lernen. Von denen, die noch bestehen, von denen, die geschlossen wurden.

Von Lohn und Relevanz

Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob Coworking in Church sich „gelohnt“ hat. Die Frage ist, was Kirche aus diesen Experimenten gelernt hat. Und ob sie bereit ist, zu lernen. Von denen, die noch bestehen, von denen, die geschlossen wurden. Die Überzeugung bleibt: Kirche kann relevant sein, wenn sie Räume öffnet – räumlich, geistlich, strukturell. Neue Formen der Spiritualität zwischen Zoom-Call und Mittagspause entstehen und finden ihren Platz. Gemeinschaft entsteht, wo Menschen ihr Leben teilen – inklusive ihrer Arbeit. Vielleicht war Coworking in Church ein Lernraum, ein Prototyp, ein erster Versuch. Einer, der sichtbar gemacht hat, dass Kirche mehr sein kann als Gottesdienst und Verwaltung. Dass sie Gastgeberin sein kann in einer fragmentierten Arbeits- und Lebenswelt. Es hat aber auch gezeigt, dass Relevanz (und Innovation) ihren Preis hat. Dass Relevanz sich nicht einfach ökonomisieren lässt. Dass Relevanz mehr ist als nackte Zahlen auf einem Blatt Papier und dass kirchliche Förderung kein großzügiges Add-on ist, sondern ernsthaft betrieben und evaluiert werden muss.

Die Schreibtische mögen zuweilen verschwunden sein. Die Frage nach einer Kirche mitten im Leben der Arbeitenden bleibt.

Titelbild: Lummi.ai

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