Eine Gemeinde am Herzen Gottes

Eine Gemeinde am Herzen Gottes

VON Rüdiger Jope

Veröffentlicht am: 29. Mai 20265,2 min Lesezeit987 WörterKategorien: Alle, Unterwegs, WanderroutenSchlagwörter: , , , , , , , , , , , Aufrufe: 10

Waghäusel bei Karlsruhe: Die pulsechurch wächst gegen den Trend des Rückbaus in der Kirche. Bastian Bengert & Luisa Fink leben: Beziehung schlägt Event, Berufung statt Aktionismus.

Ich sitze im Auto auf der A5. Der Nachrichtensprecher verkündet die neuesten EKD-Mitgliedszahlen: Die Kirche wird weniger. Rückbau ist angesagt. Überall? Nein. Auf einen Kaffee in einem sonnendurchfluteten Wohnzimmer in Waghäusel bei Karlsruhe. Mir gegenüber sitzen Luisa Fink (22) und Bastian Bengert (40). Sie leben mit der „pulsechurch“ Kirche gegen den Trend.

Lisa Fink und Bastian Bengert

Schüler werden Christen

Alles beginnt an einer christlichen Schule in Altlußheim. Dort kommen junge Menschen zum Glauben, Luisa war eine von ihnen. Aus Eltern, Lehrern und Schülern wird ein Hauskreis. Dann keimt der Wunsch nach einer Gemeinde. Der Südwestdeutsche Gemeinschaftsverband nimmt diesen Wunsch ernst. Bastian wird nach Waghäusel geschickt. Im katholischen Kloster vor Ort wird seit 25 Jahren für eine Erweckung gebetet. Und dieses katholische Kloster stellt den Evangelischen Räume zur Verfügung.

Das Projekt bekommt einen Namen: pulsechurch. „Das, was uns antreibt, soll nahe am Herzen und damit am Puls Gottes, aber auch am Puls der Menschen sein. Und Menschen sollen Kirche wieder gewinnbringend erleben und Jesus kennenlernen“, erzählt der Pastor. „Und Menschen sollen das Gefühl haben: Hier kann ich dazugehören“, ergänzt Luisa.

„Die Vollbremsung durch Corona wird für die pulsechurch zur Zeit des Segens.“

In die Gründungsphase platzt Corona. Ein Team von acht Leuten steht in den Startlöchern. Gebetet wird, zugehört, nachgedacht: Was will Gott hier von uns – für die Menschen in Waghäusel und in der Region? Es ist ein Start mit Vollbremsung. Ohne Veranstaltungen. Schmunzelnd sagt Bastian: „Im Nachhinein war das eine der besten Dinge, die uns passieren konnten. Das hat uns Zeit gegeben, in unsere Vision und in unsere Werte zu investieren.“ Corona wird für die pulsechurch zur Zeit des Segens.

Gemeinde zum Mitmachen

Auf den Winter folgt der Frühling. Ein Gottesdienst wird zum Anlaufpunkt für inzwischen 130 Menschen. „Aber nicht, weil das Event so krass ist, sondern weil unsere Leute sich trauen, ihre Freunde mitzubringen, die Jesus nicht kennen“, so Bastian.

Pulsechurch ist von Anfang an eine Mitmachgemeinde. Mitmachen heißt hier: die Vision leben, Freunde mitbringen, von Jesus erzählen. Die 22-Jährige erklärt: „Wir wollen Leute fit machen, ihre Berufung zu finden. Wenn du Freunde hast, die Jesus noch nicht kennen, dann ist es deine Aufgabe am Gartenzaun, bei der Arbeit und in der Familie Licht und Salz zu sein.“ „Wir wollen nicht einfach nur Gemeinde machen, um Christen zu bespaßen, sondern leben: Menschen brauchen Jesus!“, setzt Bastian fort. Er selbst sieht sich nicht als den klassischen Gründer, der von Haustür zu Haustür zieht. Er und die Gemeinde setzen nicht primär auf Veranstaltungen, sondern auf Beziehung.

Der sonntägliche Gottesdienst beginnt immer mit einer halben Stunde Connect-Zeit. Sie ist fester Teil des Gottesdienstes. Austausch. Zuhören. Begegnung an der Kaffeebar. Ankommen in der Gegenwart Gottes. „Danach geht es weiter mit parallel laufendem Kindergottesdienst, Lobpreis, Predigt und Infos. That’s it“, so der Pastor. Die Predigt hat immer einen Bezug zu den Lebensthemen der Menschen. Ein Action Step animiert die Zuhörenden, etwas Konkretes in ihren Alltag mitzunehmen.

Fehler dürfen sein

In der pulsechurch leben sie Trial and Error. Hier haben Menschen Raum, sich auszuprobieren. Über die „Starter Days“ können Frauen und Männer in verschiedene Bereiche reinschnuppern, ihre Berufung entdecken oder auch herausfinden: Das ist nicht mein richtiger Ort. Luisa führt aus: „Es ist ein Segen zu erleben, dass Leute nur das machen, worauf sie wirklich Lust haben und wo Gott sie wirklich nutzt und einsetzen will — und man nicht vor sich hinschafft, weil es halt sein muss und weil es halt Gemeinde ist und dazu gehört. Das finde ich mega cool.“

Mit der Zeit verschieben sich die Fragen. Weg von: Wie erreichen wir Menschen? Wie bauen wir Hürden ab? Hin zu: Wie begleiten wir sie mit ihren Verletzungen, ihren Lebens- und Glaubensfragen? Authentizität ist ein hoher Wert in der pulsechurch. Bastian ist dabei nicht blauäugig: „Wenn du Gemeinde mit Menschen baust, passieren auch Dinge, die einfach zum Menschsein dazugehören. Die Herausforderung von Gemeinde ist, zu überlegen: Wie gehe ich damit gut um? Kehre ich es unter den Teppich oder überlege ich mir, wie ich es gut auffangen kann?“

„Wenn du Gemeinde mit Menschen baust, passieren auch Dinge, die einfach zum Menschsein dazugehören.“

Trotz aller Erdung: In Waghäusel erleben sie den Himmel offen. Bei Taufen am See, aber auch darin, dass Wunden heilen, Konflikte geklärt werden und man gemeinsam neu anfangen kann. Da ist Max (Name geändert). Er hat sich vor 30 Jahren mit seinem Bruder zerstritten. Im Action-Step gibt es einen Zettel zum Thema Versöhnung. Max steckt den Zettel ins Jackett und vergisst ihn. Ein halbes Jahr später geht es um den Heiligen Geist. Max trägt wieder sein Jackett. Er greift in die Tasche, sieht, was er aufgeschrieben hatte, und schreibt an genau diesem Sonntag seinem Bruder einen Brief. Die beiden versöhnen sich.

Der Himmel ist offen

Im Sommer 2026 geht die pulsechurch den nächsten Schritt. Der Pastor reduziert auf 70 Prozent um einen Teil der Leitung des Verbands zu übernehmen und freut sich auf Ergänzung durch Luisa. Diese ist inzwischen staatlich anerkannte Sozialarbeiterin, steigt mit 50 Prozent als Pastorin ein und studiert berufsbegleitend Theologie. Bastian freut sich und lacht: „Luisa ist das Paradebeispiel für unsere Vision: Erlebe, was Gott durch dich bewirken möchte.“

Ich fahre weiter auf der A5. Nein, der Nachrichtensprecher hat nicht das letzte Wort über die Zukunft unserer Kirche, sondern Gott — und Menschen wie Luisa, Bastian und viele Andere, die in der pulsechurch eine offene und beziehungsorientierte Gemeindekultur leben, tragen einen Teil dazu bei.

Fotos: Rüdiger Jope, Engelland

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