Mehr Glaubenskurse, weniger Events
Mehr Glaubenskurse, weniger Events
VON Rüdiger Jope
Ein Rezept gegen den Kirchenschwund
Pfarrer Justus Geilhufe aus Großschirma lehnt den Abgesang der Kirche ab. Stattdessen fordert er Mut zu echter Mission, Experten-Ehrenamt statt Notnagel und die Schönheit des Glaubens als Türöffner. Und zur AfD sagt er klar: „Das hat etwas Teuflisches.“ Ein Gespräch über Kirchesein in atheistischen Gefilden.
Herr Geilhufe, vielerorts heißt es: „Die Kirche stirbt.“ Stimmen Sie in diesen Abgesang ein?
Nein! (lacht) Nicht aus Berufsoptimismus, sondern aus Erfahrung. Natürlich ist die Kirche in großer Gefahr, aber das, was wir tun, brauchen Menschen existenziell – nicht nur aus theologischen Gründen, sondern aus ihrer eigenen Lebenswirklichkeit heraus.
Was ist dann das Problem?
Von allein schaffen die wenigsten den Sprung in unsere Gemeinden. Der Graben ist so groß geworden, dass ich niemanden im Dorf einfach ansehen kann und sagen: „Das wäre total was für dich“ – und dann kommt er. Wenn wir aber Zeit, Kraft und Liebe investieren, Menschen wirklich zu suchen, mit ihnen Wegstrecke zu gehen und ihnen zu zeigen, was der Glaube mit ihrem Leben zu tun hat, dann passiert unglaublich viel: Leute lassen sich taufen, treten wieder ein, finden einen Hauskreis oder gewinnen neu Zugang zum Gottesdienst.
Mission: „Mehr als neue Formen – es geht um Taufen“
Sie sprechen leidenschaftlich von Mission. In den letzten Jahrzehnten war dies eher ein Ekelthema in vielen Landeskirchen. Muss Kirche Mission wieder neu wagen?
Ja! (leidenschaftlich) Und sie tut es ja auch an vielen Stellen bereits. Man merkt: Es gibt neues Nachdenken, neue Strukturen, Begriffe wie „fresh X“ oder „missional“. Aber oft hat sich der Fokus verschoben: von Mission hin zu „neuen Formen“. Hauptfrage ist dann: Welche Gottesdienstform können wir noch ausprobieren? Nicht: Werden Menschen Jünger, lassen sich taufen, finden zum Glauben? Ich würde – so unsexy das klingt – Mission definieren als den Versuch, die Zahl der Taufen zu erhöhen, Menschen mit dem Evangelium in Berührung bringen. Da zucken viele sofort zusammen: „Moment, Mission kann doch viel mehr bedeuten!“ Und dann kommt schnell der Satz: „Gott missioniert, nicht wir.“ Dem stimme ich zu 80 Prozent zu. Die fehlenden 20 Prozent sind der Punkt, an dem Menschen im Ernst sagen: „Ich weiß gar nicht, ob ich will, dass Kirche wieder wächst.“ Das irritiert mich zutiefst.
Warum ist diese Klarheit so wichtig?
Weil wir mit Zahlen selektiv umgehen. Beim Abbauprozess sind Zahlen das alles entscheidende Argument: „Die Gemeindegliederzahl ist zurückgegangen, also fusionieren wir, streichen Stellen, schließen Kirchen.“ Beim Aufbau dagegen heißt es dann: „Gott geht es doch nicht um Zahlen.“ Aber wenn wir beim Schrumpfen Zahlen ins Zentrum stellen und beim Wachsen so tun, als spielten sie keine Rolle, ist das ein Widerspruch.
„Niedrigschwellig“ reicht nicht – Menschen wollen Tiefe
Muss Kirche nicht „niedrigschwelliger“ werden – weniger Theologie, mehr Programm, mehr Event?
Im Gegenteil. Mein Eindruck ist: Wir haben eher eine Theologie-Armut. Die Leute wollen verstehen und lernen. Sie spüren, dass es bei Gott um eine große Sache geht – nichts, was man im Kindergarten- oder Zirkusmodus „wegmoderieren“ kann. Sie erwarten von uns Erklärungen, aber eben auch echtes Wissen. Woran wir leiden, ist nicht zu viel Anspruch, sondern zu wenig: Es gibt zu wenige wirklich anspruchsvolle Predigten, zu wenige Angebote, die Menschen intellektuell wie geistlich fordern. „Niedrigschwellig“ beschreibt überhaupt nicht, was wir brauchen. Was wir brauchen, ist eine Kirche, die sich ehrlich fragt: Wollen wir wirklich andere Menschen bei uns haben – Menschen, die anders sind als wir? Da würde ich sagen: Die meisten Gemeinden, wenn sie ehrlich sind, beantworten das mit Nein.
„Was wir brauchen, ist eine Kirche, die sich ehrlich fragt: Wollen wir wirklich andere Menschen bei uns haben?“
Das klingt sehr ernüchternd. Doch was bedeutet das für die Gemeindepraxis?
Viele Gemeinden sagen: „Wir sind doch missionarisch, jeder kann kommen.“ Faktisch halten sie aber eine hohe Schwelle. Man möchte Menschen, die exakt so ticken wie man selbst – und die sich dann bitte leise einfügen. Der eigentliche Kulturwandel wäre: Wir übernehmen Verantwortung für „die da draußen“ und wollen wirklich, dass andere Menschen unsere Gemeinden verändern. Momentan will das kaum jemand.
„Vielfalt ist nötig – auch in der Mission“
Braucht Mission bestimmte Typen oder gar Fachleute?
Das ist ein verbreitetes Missverständnis. Wenn ich von guten missionarischen Erfahrungen erzähle, kommt fast reflexhaft: „Na ja, bei Ihnen kann man sich das vorstellen – Sie sind laut, offen, charmant.“ Dazu kann ich nur sagen: ich kann sofort einige Leute nennen, die mich viel zu laut und viel zu schnell finden. Die würden nie mit mir einen Glaubenskurs machen, aber sehr gerne mit jemandem, der ruhig, sanft und behutsam unterwegs ist. Es braucht eine Vielfalt von Menschen, die sich auf den Weg der Mission machen – mit ihrem Temperament, ihrer Biografie, ihren Gaben. Mein Eindruck ist: Kontakt zu Menschen ist gut möglich, Gespräche über Gott sind gut möglich – und wenn wir dranbleiben, steigt die Zahl von Taufen und Wiedereintritten. Der Eindruck „Man kann eigentlich nichts machen“ ist schlicht falsch.
Ehrenamt: „Nicht Notnagel, sondern Expertise“
Im Zuge der Transformation, des Wandels geraten die Ehrenamtlichen ganz neu ins Blickfeld. Sind Ehrenamtliche für Sie der Notnagel, weil es immer weniger Hauptamtliche gibt?
Wenn Ehrenamt der Notnagel ist, läuft etwas grundlegend falsch. Dann spüren Ehrenamtliche Belastung statt Wertschätzung. Genau das ist vielerorts die Gefahr: Man merkt, dass Hauptamtliche weniger werden, und ruft dann nach Ehrenamt – gerne garniert mit dem Satz „Priestertum aller Gläubigen“, bei dem man nicht mal weiß, ob Luther ihn wirklich so gesagt hat.
„Der eigentliche Kulturwandel wäre: Wir übernehmen Verantwortung für „die da draußen“ und wollen wirklich, dass andere Menschen unsere Gemeinden verändern.“
Mein Ansatz ist ein anderer: Ehrenamtliche sind Experten. Die Glaubens-App, Gemeindecoachings, Digitalprojekte – all das funktioniert fast ausschließlich mit Menschen, die ihre professionelle Kompetenz einbringen: Programmierer, Coaches, Leute mit Kommunikations- oder Organisationstalent. So verstehe ich Ehrenamt: als geistlich begründete Zusammenarbeit von Expertinnen und Experten, nicht als Notlösung, weil man Pfarrstellen nicht mehr bezahlen kann.
Ehrenamtliche klagen oft über Überforderung. Wie vermeiden Sie das?
Der entscheidende Unterschied ist: Werden sie „für etwas rangezogen“ – oder werden sie in dem gesehen, was sie einbringen können? Menschen spüren extrem schnell, ob sie nur Lückenbüßer sind. Genauso wie Leute merken, ob sie nur in den Kirchenchor sollen, damit endlich wieder ein Mann im Tenor sitzt, oder ob jemand ehrlich sagt: „Ich glaube, wenn du dabei bist, gewinnen die anderen Sicherheit. Du hast eine Sprache für den Glauben, die gut tut.“
Schönheit des Glaubens: „Mehr als Geschmackssache“
In Ihrem Buch „Gott und die Schönheit“ erzählen Sie von einem jungen Mann, der sich auf die Suche macht. Wonach sucht er?
Er ist einer, wie 90 Prozent der Menschen hier: Eltern und Großeltern haben keine Berührung mehr mit kirchlicher Wirklichkeit. Und trotzdem treibt ihn etwas um, das wir Theologen Gott nennen würden. Er jagt der Schönheit hinterher – schöner Musik, guten Texten, perfekten Nächten im Club – und merkt irgendwann: Diese Schönheit ist mehr als sein privates Geschmacksurteil. Sie übersteigt ihn und die 1000 Leute auf der Tanzfläche. Durch eine journalistische Recherche landet er bei uns im Pfarrhof. Er entdeckt die Schönheit der Kirche – nicht als musealen Glanz, sondern in einer etwas kratzigen Dorfkirche mit drei Rentnern. Und er sagt: „Genau das ist es.“ Nicht weil die drei so süß sind, sondern weil er darin eine objektive Dimension spürt, die größer ist als wir. Das hat wiederum mir geholfen, neu zu verstehen, was mit der Schönheit Gottes gemeint ist.
Was kann Kirche da heute beitragen?
Kirche hält eine Dimension wach, die der moderne Mensch kaum noch bewusst wahrnimmt: dass es Erfahrungen gibt, in denen sich Wahrheit, Güte und Schönheit verdichten. Wenn Konfirmanden begreifen: „An diesem Altar wird seit 800 Jahren gebetet und gesungen“, dann relativiert das sehr viele aktuelle Ängste. Plötzlich stehen Corona, Krisen und persönliche Sorgen in einer anderen Tiefe.
Osten, Westen – und eine zunehmend atheistische Gesellschaft
Was hat Ihrer Überzeugung nach die Kirche im Westen noch vor sich, was der Osten teilweise schon durchlebt hat?
Im Westen muss man den Bedeutungsverlust erst noch richtig annehmen. Man war lange selbstverständlich Teil des gesellschaftlichen Betriebs: Schulgottesdienste, Feuerwehrfeste, Bürgermeisterempfänge, kurze Wege in die Verwaltung. Jetzt setzt die Erfahrung ein: Man wird nicht mehr automatisch gefragt, oft gar nicht mehr gebraucht. Im Osten war das radikaler: Kirche hatte „nichts verloren“ – in Schule, Neubaugebiet, Medien. Man wurde aktiv an den Rand gedrängt. Heute ist es anders, aber auf eine Art härter: Nicht eine Partei bekämpft Kirche, sondern viele Leute sind einfach völlig desinteressiert. Das tut weh. Strukturell kommt hinzu: weniger Geld, Immobilien, Personal. Der eigentliche Fehler im Osten war: Man hat sich mit dem „Immer-kleiner-werden am Rand“ abgefunden – als wäre das Schicksal. So darf der Westen nicht reagieren.
Was wäre eine Gegenstrategie?
Zwei Dinge: Erstens ehrlich anerkennen, dass wir kleiner werden – emotional, strukturell, finanziell. Zweitens aber entschieden widersprechen, dass es dabei bleiben muss. Ein Autohersteller fragt auch nicht nur: „Wie halten wir die Stimmung, wenn wir jedes Jahr weniger Autos verkaufen?“, sondern: „Wie können wir wieder mehr verkaufen?“ Übertragen heißt das: Wir brauchen Mut, Wachstum im Glauben und bei den Taufen überhaupt wieder zu wollen.
AfD: „Das hat etwas Teuflisches“
In Ihrer Region erzielt die AfD bei manchen Wahlen 80 Prozent. Wie positionieren Sie sich – auch gegenüber Gemeindegliedern, die AfD wählen?
Gegenüber der AfD als Partei und ihrem politischen Stil sehr klar: ablehnend. Viele aus unserer Gemeinde engagieren sich in der Flüchtlingsarbeit, wir waren und sind beim Ukraine-Engagement vorne mit dabei. Aus theologischen Gründen halte ich das Denken der AfD für brandgefährlich. Die AfD folgt einem religiösen Schema: Das Alte, „Vertrocknete“ muss weg – Politiker, Parteien, am Ende Personen. Erst wenn das Böse eliminiert ist, kann das Gute kommen. Diese eliminatorische Logik hat etwas zutiefst Religiöses – und zwar im schlechten Sinn. Ich würde sagen: Das ist teuflisch. Wo suggeriert wird, erst wenn Menschen „weg“ sind, könne so etwas wie Erlösung eintreten, vergiftet das das Miteinander. Es zerstört nicht nur gesellschaftlichen Zusammenhalt, sondern beschädigt Menschen innerlich.
Und die Wählerinnen und Wähler?
(nachdenklich) Mit ihnen gehe ich nicht moralistisch ins Gericht. Wir müssen miteinander im Gespräch bleiben. Wenn ich das nicht tue, grenze ich 50% der Menschen hier im Dorf aus. Ich sehe ihre Biografien und Erfahrungen. Aber ich argumentiere. Wenn jemand sagt: „Die EU hat noch nie etwas für uns getan“, dann sage ich: Schau dich um – in einem der strukturschwächsten Landstriche: Hausrenovierungen, Kindergärten, Schulen, Betriebsgründungen, Landwirtschaft – das alles lebt in Milliardenhöhe von EU-Mitteln. Diese Zusammenhänge kennen viele schlicht nicht.
Ist das alles auf „die da oben“ schieben nicht auch ein Erbe der DDR?
In unserer Region denkt man immer noch: „Der Staat kümmert sich von Wiege bis Grab – die da oben machen eh, was sie wollen.“ Das wird weitertradiert: „Auf uns kleine Leute hört niemand.“ Jugendliche kleben DDR-Fähnchen ans Moped und identifizieren sich mit der Gegenkultur. Kirche war immer drinnen und draußen zugleich: Wir spielen Fußball, sprechen Dialekt, sind „nichts Besseres“. Aber natürlich waren wir abgekapselt – lange Haare, abgelegte Klamotten, Paddeltouren nach Pommern statt Mallorca.
Kirchengemeinde, nicht perfekt, aber auf dem Weg
Was folgt der Erkenntnis? Erreichen Sie diese Menschen dauerhaft mit dem Gemeindeprogramm?
(zögernd) Das ist mein größtes Scheitern. Meine Frau und ich sprechen eine Gruppe an – gut ausgebildete, offene, liberalere Leute. Super sympathisch, mega motiviert: Vor drei Jahren fuhren wir mit 70 auf Familienrüstzeit, die es vorher gar nicht gab. Toll! Aber es sind immer dieselben. Mein Wunsch: Dass AfD-Wähler, Fleischereiangestellte, Abteilungsleiterinnen, Junge und Alte mitmachen – echte Diversity. Bei Mopedgottesdiensten, Vereinsfesten oder Pferdepilgern klappt das manchmal: Da stehe ich und es verbindet uns etwas Echtes, Kirchliches. Aber grundsätzlich scheitern wir daran, alle anzusprechen. Glaubenskurse und Taufen funktionieren super mit „Andersdenkenden“. Doch bei Rüstzeiten, Pilgern, Kirchenvorständen? Da sind wir uns wieder sehr ähnlich. Das macht Zusammenarbeit leicht – aber es ist noch kein Bilderbuch-Vielfalt. Daran arbeiten wir noch, dafür sind wir als einzelne Christen und als Kirchengemeinde mit Jesus unterwegs.
Herzlichen Dank für das Gespräch!
Dr. Justus Geilhufe (35) ist evangelisch-lutherischer Pfarrer in Großschirma in der Nähe von Freiberg in Sachsen. Er hat in Jena, Princeton, München und Leipzig Theologie und Philosophie studiert. Er ist einer der Köpfe hinter der App www.glaubensapp.de.
Von ihm zum Weiterlesen: „Die atheistische Gesellschaft und ihre Kirche“ und „Gott und die Schönheit“.
Titelbild: Knut Burmeister, Portraits: Rüdiger Jope
AUTORIN · AUTOR
Rüdiger Jope (Jg. 1969) ist gebürtiger Sachse, aufgewachsener Hesse, eingeheirateter Schwabe und heimatgewordener Westfale. Der gelernte Werkzeugmacher, studierte Theologe und Sozialpädagoge verantwortet als Chefredakteur im SCM Bundes-Verlag das Kirchenmagazin 3E und das Männermagazin MOVO „Was Männer bewegt. Was Männer bewegen“. Der Freizeitläufer lebt zusammen mit seiner Frau Ingrid und den zwei Kindern in Wetter/Ruhr.

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