Kirche drückt den Resetknopf
Kirche drückt den Resetknopf
VON Tanja Kasischke
Die christliche Netzgemeinde Da_zwischen des Bistums Speyer steht nach einem Jahr Aus-Zeit vorm Relaunch
Im Bistum Speyer beschreibt die Zeitspanne „von Oktober bis Ostern“ nicht den Winterreifenwechsel, sondern den Transformationsprozess der Netzgemeinde Da_zwischen. Im Winter keimte ihre neue Struktur, zu Jahresbeginn gedeiht sie in der Erprobung mit einem kleinen Kernteam, Ostern wird sich der Wechsel vom messengerbasierten Community-Modell hin zur eigenen – mit Spannung erwarteten – App vollziehen. Es hätte auch anders laufen können. Die Option, das Angebot nach neun Jahren einzustellen, stand im Raum. Und das lag nicht an zu geringer Nachfrage.
Ohne Verantwortliche geht’s nicht
So ortskirchlich grenzenlos und reich an Möglichkeiten der digitale Gemeinderaum Netzgemeinde mit 4.000 Mitgliedern ist, er braucht Moderation, Zuständigkeiten und Standards. Konkret (mindestens) eine Person als Host, die den Ort managt und auf die Zeit schaut, einen Seelsorger oder eine Seelsorgerin für den inhaltlichen Impuls, sowie jemand Technisches. Damit die Botschaft nicht an der Übertragungsqualität scheitert. Kirche kann Seelsorge. Kirche kann Räume hosten. Kirche und Technik, das lässt sich auch machen. Wer macht’s? Wenn digital-kirchliche Angebote entstehen, dann häufig ohne dass Personalstellen mitgedacht sind. Die Projekte verantworten stattdessen Hauptamtliche, deren Jobs mit Kirchenentwicklung oder neuen Formen gemeindlichen Lebens zu tun haben – unter dem Eindruck der Leitungsebene, dass Social Media mitlaufen kann.
In Speyer hat Felix Goldinger (im Bild) das Community-Format des Bistums aufgegleist. Er ist Pastoralreferent und leitet den Bereich Innovation und Transformation. Da_zwischen startete Ostern 2016 mit der Vision, „das Evangelium alltagstauglich zu erzählen und trotzdem nicht klassisch Kirche zu sein“, versucht er eine Standortbestimmung von Kirche, „die Menschen dort erreicht, wo sich ihr Leben abspielt. Für viele ist das gerade nicht der Gottesdienst am Sonntagvormittag.“ Trotzdem galt in der Netzgemeinde seit Tag eins: Gott ist dabei, auf WhatsApp oder Telegram. Der Anspruch traf voll ins Schwarze: Da_zwischen wuchs, die Mitglieder fanden dort Raum für Gebet oder, um die eigene Glaubenserfahrung zur Sprache zu bringen. Beides gab der eigene Kontext offenbar nicht (mehr) her. Eine Beobachtung, die auch jenseits der Speyerer Bistumsgrenzen zutrifft: Die Gemeindearbeit vor Ort versorgt viele, erreicht aber längst nicht (mehr) alle. So kam es, dass sich nach und nach Nutzerinnen und Nutzer aus den Bistümern Freiburg und Würzburg meldeten. Man vernetzte sich durch Weitersagen.
„Die Gemeindearbeit vor Ort versorgt viele, erreicht aber längst nicht (mehr) alle.“
Montagmorgens um 6 Uhr pingte bei den Mitgliedern das Handy mit einem Impuls für die Woche und der Einladung, Rückmeldung zu geben. Oder auch nicht. „Was an Reaktionen kam, wurde gesammelt und zusammengestellt“, beschreibt Felix Goldinger. Das Ergebnis zirkelte er zurück in die Gruppe, jede Woche freitags um 16.30 Uhr. Die Nachrichten bildeten die Klammer für die Da_zwischen-Community. Wer ließ sich dazu einladen? „Größtenteils Menschen mit kirchlicher Anbindung, hauptsächlich aus dem Südwesten Deutschlands, aber auch aus der Schweiz und Österreich.“ Gezielt erhoben hat das Team der Hosts die Daten der Nutzerinnen und Nutzer nicht. Zwei Umfragen lieferten Anhaltspunkte, wer mit ihnen unterwegs war: Menschen zwischen 35 und 55 Jahren, mehr Frauen als Männer. Analoge Verstetigung als Begegnungsabende dachten die Verantwortlichen mit, ließen den Community Space aber davon unabhängig wachsen.
Persönlich an die Grenze gekommen
Da_zwischen initiierte Messenger-Gottesdienste oder einen Fastenzeit-Zoom. Die Pandemie erweiterte den Radius der Netzgemeinde noch einmal deutlich. Zugleich zeigte sie ihre Grenzen auf. Ohne eine Infrastruktur, die sicherstellte, dass die Bedingungen des Safe Space auch für dessen Verantwortliche galten, gerieten Soll und Haben aus dem Gleichgewicht. „Als Seelsorger war ich im Chat enorm gefordert, da Themen sehr schnell sehr persönlich wurden“, erzählt Felix Goldinger. Und sie blieben es. Obwohl sich nun Hauptamtliche mehrerer Bistümer einbrachten, das Learning-by-doing von Begleitung digital-kirchlicher Angebote kostete Ressourcen. Der Grat zwischen der würdigen Gestaltung des Messenger-Erprobungsraums und der eigenen Resilienz wurde schmaler.
Während der Wunsch nach spiritueller Vergemeinschaftung online stieg, kam das Bistum kaum nach, den Bedarf zu decken. Das Team war fragil geworden. Auf operativer Seite summierten sich die Kosten für die WhatsApp-Business-Community angesichts der Reichweite. So landete Da_zwischen Anfang 2025 am Punkt, sich neu erfinden zu müssen. „Wir standen vor der Frage: Können wir guten Content bezahlbar machen – oder hören wir ganz auf?“, sagt Felix Goldinger. Ein Jahr lang nahmen die Admins eine Auszeit. Weil das Szenario „Loslassen“ realistisch war, verabschiedete sich die Netzgemeinde gebührend und beging ihr neunjähriges Bestehen. Die sich anschließende Pause hatte den Charakter eines ignatianischen Prozesses im Sinne der Exerzitien. Theoretisch wie praktisch: Drei Tage lang zog sich der verbliebene Kern zurück, um in der Stille und im Gebet den Fokus wieder scharfzustellen. Bei Felix Goldinger sickerte die Erkenntnis durch, „dass ich nicht performen muss. Sondern eine Lösung finden, die das Team mitträgt.“
Neuer Freiraum erarbeitet
Sie besteht in der Gemeinde-App DonkeyMobile, die stärker auf Mitgliederkommunikation und Community Building zugeschnitten ist, aber die inhaltliche Gestaltung auf Admin-Seite behält. Das verschafft den Hosts Freiraum für theologische Inhalte. Dominik Ebert, der die Netzgemeinde durch den Erprobungsprozess navigiert, wirbt für eine Kirche, die bewusst im digitalen Raum vorkommt: „Es ist unser Kernauftrag, Räume für Gemeinschaft zu schaffen, egal ob analog oder digital. Die Menschen sind schon lange in digitalen Räumen unterwegs, die andere schaffen, auf die Kirche aber kaum bis gar keinen aktiven Einfluss nehmen kann.“ Deshalb seien gut gemachte digi-kirchliche Angebote jetzt dran.
Ihre Professionalisierung ist kein Selbstläufer, solange es institutionelle Berührungsängste gibt. Tobias Aldinger, Pastoralreferent im Erzbistum Freiburg, der zu den Erprobern der Da_zwischen-App gehört, ordnet sie ein: „Die Skepsis kirchlicher Verantwortungsträger gegenüber digitalen Formaten speist sich oft daraus, dass viele selbst keine gemeinschaftsstiftenden digitalen Erfahrungen kennen oder dass körperlich-räumliche Formen von Kirche vermisst werden, über die sich Spiritualität über Jahrhunderte vermittelt hat. Beides erklärt die Zurückhaltung – rechtfertigt aber nicht, sich aus dem digitalen Raum zurückzuziehen.“
Die App geht Ostern online. Da_zwischen ist dann (wieder) Raum für Hoffen, Glauben und Verbundenheit im Alltag, mit festen Moderationswegen und guter Orientierung. Mit dem Fest der Auferstehung Jesu als Start biblisch auf gutem Gleis. „Seitdem wir weitermachen, kommen die Menschen. Das ist voll das Geschenk“, beobachtet Felix Goldinger. Zwei weitere Diözesen sind eingestiegen – außerdem neu dabei: die Evangelische Landeskirche in der Pfalz. Ihr Sprecher Felix Kirschbacher schaut auf die App als Chance, „hin zum direkten kirchlichen Handeln in digitalen Kommunikationsräumen zu kommen“.
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AUTORIN · AUTOR

Dr. phil. Tanja Kasischke war Redakteurin des Reformationsblogs „Mensch, Martin!“. Seitdem berichtet sie über Themen der missionarischen Gemeindeentwicklung, der Öffentlichen Theologie und wie Kirche den Wechsel von der sprachlosen Parochie zum ansprechenden Netzwerk meistert. Sehr begeistert ist sie von der Wiederentdeckung des prophetischen Amts als Teil der apostolischen Dienstgemeinschaft. Sie lebt in Berlin.

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