Gott zwischen Laptop und Kaffeetasse

Gott zwischen Laptop und Kaffeetasse

VON Jürgen Kehrer

Veröffentlicht am: 2. März 20262,8 min Lesezeit540 WörterKategorien: Alle, Dossiers, Social CoworkingSchlagwörter: , , , , Aufrufe: 37

Plädoyer für Coworking und Kirche

Die ersten Christinnen und Christen waren eine unglaublich mutige Bewegung. Man nannte sie „die des neuen Weges“-Menschen, die nicht zuerst fragten, ob etwas geht, sondern es einfach probierten. Sie trafen sich in Häusern, Hinterhöfen, Werkstätten. Sie experimentierten, scheiterten, fingen neu an. Und ja: Sie waren anders. Sie hatten Hoffnung, Liebe und Gemeinschaft aus ihrem christlichen Glauben heraus – für sich und für die Menschen um sie herum. Das war damals zutiefst revolutionär.

Zeit für ein Geist-Update

Heute dagegen wirkt Kirche manchmal wie ein alter Röhrenfernseher: flimmert noch, aber berührt kaum. Die Welt sendet längst in High Definition und wir drehen noch am Kontrastregler. Zeit für ein Update. Und nein: kein PDFUpdate. Ein GeistUpdate. Kirche braucht wieder Räume, in denen Leben passiert – nicht nur Sitzungen. Räume, in denen Fragen auflaufen dürfen wie unbezahlte Rechnungen. Orte, an denen Menschen arbeiten, denken, scheitern, glauben, zweifeln – Seite an Seite. Kurz: Coworking Spaces.

Coworking ist geerdete Zukunft. Menschen teilen Tische, Ideen, Laptopsorgen und manchmal ihr Herz. Sie arbeiten nicht nebeneinander, sondern miteinander. Sie entdecken, dass Resonanz stärker ist als Optimierungswahn. Und 2026 ist Coworking längst nicht mehr nur ein urbanes Phänomen: Es lebt in Feuerwehrhäusern, Dorfgemeinschaftshäusern, Mehrgenerationenzentren, als Workation oder Teil multifunktionaler Treffpunkte. Diese neuen und gleichzeitig altbekannten Räume nennt man heute oft kooperative Multifunktionshäuser (MFH). Orte, an denen Nahversorgung, Gastronomie, Kultur, Gesundheit, Coworking und Dienstleistungen in gemeinschaftlich getragenen Modellen zusammenfinden. Es sind Häuser, die Leben bündeln statt trennen und genau deshalb so kraftvoll sind.

Heute wirkt Kirche manchmal wie ein alter Röhrenfernseher: flimmert noch, aber berührt kaum.

Warum sollte Kirche da nicht mitmischen? Kirche, die Coworking wagt, tut genau das, was sie immer tun sollte: mitten im echten Leben auftauchen. Nicht hinter Mauern, sondern zwischen Laptops, Kaffeeduft und Kinderbetreuung. Dort, wo Menschen ihre Lebenskämpfe austragen – Burnout, Familienlogistik, Selbstständigenangst, Sinnsuche. Dort, wo die Fragen nicht liturgisch geordnet sind, sondern unverschämt quer reinplatzen.

Mehr Mut zu Dritten und Vierten Orten

Ein kirchlicher Coworking Space ist kein verkappter Gemeindesaal. Er ist Dritter Ort, Vierter Ort, Werkstatt des Geistes, Sozialraum der Zukunft. Spirituelle Impulse müssen dort gar nicht groß angekündigt werden. Sie ploppen beiläufig auf: beim Mittagsschnack, beim gemeinsamen Scheitern an der Steuererklärung oder beim ehrlichen „Mir wächst alles über den Kopf“.

In solchen Räumen wird Kirche wieder Bewegungsform statt Behörde. Nicht „sonntagsreligiös“, sondern „montagsrelevant“. Natürlich leben wir in einer Zeit voller Sparzwänge – finanziell, personell, emotional. Verwaltungsreformen, Pfarrpläne und Immobilienkonzepte verlangen Aufmerksamkeit. Das ist wichtig. Dennoch träume ich von Gemeinden, die trotz begrenzter Mittel mutig und visionär bleiben. Gemeinden, die sich nicht hinter Kirchen und Gemeindehausmauern verkriechen, sondern sich öffnen: durch Begegnungs und Coworkingräume für und mit ihrem Quartier. Denn Kirche ist nicht am Ende. Sie steht am Anfang von etwas Neuem.
Und Coworking ist einer der Wege dorthin. Nicht der einzige – aber ein wirklich guter.

Titelfoto von Annie Spratt auf Unsplash

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