Frei-Raum Dom

Frei-Raum Dom

VON Margrit Wegner

Von Veröffentlicht am: 30. Januar 2026Kategorien: »Moin, Moin« und »Morsche«, Alle461 Wörter2,4 min LesezeitAufrufe: 56Schlagwörter: , , , , , , , , ,

Am Ende, ganz am Ende, als alle Stühle zurück sind und alle Menschen gegangen, liegt noch ein Zettel auf einer Lautsprecherbox. Eine Liste: „1. Runde Flugrollen (2 Sprünge), 2. Runde Vorwärtssalto (2 Sprünge), 3. Runde Flugrolle/Salto gleichzeitig.“

Flugrolle und Salto gleichzeitig, ein ganzes Wochenende lang. Frei-Raum hatten wir uns erhofft. Weit-Herzigkeit. Das wir Luftsprünge machen vor Freude, dass Kinder Riesenflugrollen, Vorwärts-und Rückwärtssalti springen, hätten wir uns nicht träumen lassen. Die Idee war simpel, lange ein Traum: Einmal den großen Dom leerräumen. Freiraum schaffen. Aber wohin mit 400 massiven, unhandlichen Eichenstühlen? Die Bauleute machten einen Plan. Der Vikar fragte befreundete Pfadis. Vier, fünf Stunden, sagten die Erwachsenen. Mindestens. Die Pfadis verstauten die Stühle in 53 Minuten. Dann war der riesige Raum weit und atemberaubend schön im Licht der Abendsonne. Erster Gänsehautmoment. Erste Ahnung: Das hier wird groß.

Frei-Raum Dom

Frei-Raum Dom: Dazu hatten wir Schulen, Theater, Musikhochschule, Kinderzirkus und befreundete Künstler:innen eingeladen. Lehrerinnen brachten Pedalos, Hula-Hoop-Reifen, Schwungtücher und Jonglierbälle vorbei und spannten Wäscheleinen für Bastelideen. Zeitfenster für Auftritte waren schnell gefüllt. Einen Slot schrieben wir aus: Wer hat die beste Idee für den Dom? Sieger war ein Paar mit seinem „Tanz zwischen Himmel und Erde“, zu dem auch Pole Dance gehörte. Fotos der Tänzerin an der Stange im Dom brachten uns im Vorfeld bei Instagram böse Kommentare. Gehört das in eine Kirche? Wir haben freundlich eingeladen, sich selber ein Bild zu machen.

Wow, this is amazing!

Wie viele Menschen kamen? Schwer zu sagen. Hunderte. Zwei-, dreitausend, über den Tag verteilt. Manche blieben vom Anfang bis zum Ende, bis zum Orgelkonzert mit Surround-Lautsprechern und Handy-Mitmachcode. Touristen kamen zufällig und staunten: „Wow, this is amazing!“ Menschen nahmen Decken und legten sich auf den Boden. Andere guckten in Liegestühlen den Zirkuskindern zu, die auf Fässern jonglierten. Die Pole-Tänzerin rekelte sich keineswegs lasziv an ihrer Stange, wie im Netz befürchtet. Im Gegenteil, ihre Körperbeherrschung, ihre feierlichen Bewegungen ließen die Blicke emporgleiten zu dem großen Gekreuzigten über ihr am Triumphkreuz. Ich bin sicher, er hat sie gesehen in diesem Moment – und sie fühlte sich gesehen von ihm.

Der meistbesuchte und meistfotografierte Ort an diesem Dom-Tag war der Altar. Hunderte von Kerzen brannten dort, und hunderte bunte Glassteinchen wurden für Gebete hingelegt. In allem Wirbel und Trubel war der Altar in der Mitte immer wieder ein Ort der Stille, der Ruhe, des Innhaltens. Ein Freiraum eigener Art.

Was bleibt? Gänsehaut bei dem Gedanken an viele Begegnungen. Und der Ablaufzettel der Akrobatik Truppe. Den bewahre ich auf. Salto vorwärts und rückwärts. Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen!

Fotos: Margrit Wegner

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