„Engagement braucht Geist – nicht Kontrolle“

„Engagement braucht Geist – nicht Kontrolle“

VON Tanja Kasischke

Von Veröffentlicht am: 22. Januar 2026Kategorien: Alle, GefährtInnen, Unterwegs878 Wörter4,5 min LesezeitAufrufe: 13Schlagwörter: , , , , , , ,

Pfarrer Matthias Ansorg, langjähriger Leiter des Gemeindedienstes der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, mahnt mehr Vertrauen in Ehrenamtliche an. Statt Strukturen zu verwalten, müsse Kirche geistlich leiten und Freiräume schaffen – sonst verliere sie das, was sie trägt: lebendigen Glauben.

Herr Ansorg, jetzt da Sie im Ruhestand sind, wofür haben Sie Zeit, was zuvor mit dem Beruf konkurrierte?

Ich kann mich unbefangener ehrenamtlich engagieren. Ich habe mehr Zeit, zu reisen, für meine Familie, meine Freunde – und für mich selbst.

Ist kirchliches Ehrenamt in den zwei Jahrzehnten, die Sie im EKM-Gemeindediensts überblicken, bedeutsamer geworden?

Ehrenamt war immer wichtig, schon zu meiner Jugend. Gemeinde ist am lebendigsten dort, wo sich Menschen auf vielfältige Weise engagieren. Früher hatte man in der Familie und der Nachbarschaft seine Netzwerke, heute ist die Vereinzelung ausgeprägter. Hier kann und sollte Kirche gemeinschaftsstiftend wirken.

Zugleich hat sie hohe Erwartungen an Menschen, die sich freiwillig engagieren.

Da gebe ich Ihnen recht. Das hat mit der sinkenden Zahl Hauptamtlicher zu tun, die bislang in Verantwortung waren. An deren Stelle sind Ehrenamtliche, beispielsweise die Mitglieder eines Gemeindekirchenrats, in hohem Maße gefordert, bisweilen überfordert. Ich will Ihnen ein Beispiel aus der Situation der ostdeutschen Landeskirchen geben: Früher hatten wir kleine Budgets, über die entschieden werden musste. Heute sind es teilweise sechsstellige Summen, über die ein Gemeindekirchenrat beschließt. Da entstehen Unsicherheiten, die berechtigt sind und aufgefangen werden müssen.

Wenn umgekehrt Ehrenamtliche in Leitungsverantwortung gehen, etwa weil die Pfarrstelle einer Gemeinde im ländlichen Raum seit Jahren vakant ist, bremsen der Kirchenkreis oder die Landeskirche die Initiative oft aus.

Tatsächlich finden Sie „Engagementbremser“ schon auf Gemeindeebene. Da muss man gar nicht bis zum Kirchenkreis schauen. Das hat mit Macht zu tun. Ehrenamtliche die sich engagieren, kommen den Hauptamtlichen schnell in die Quere, sobald sie etwas anders machen wollen. Wir müssen lernen, das stehenzulassen. Es gibt auch ein Zuviel des Hinterfragens. Ich gebe zu, das sagt sich so leicht. Ich bin selbst in einer Pfarrerkirche groß geworden, der Fokus lag auf einer Person und deren Amtsverständnis. Zeiten ändern sich, da sind wir mittlerweile weiter, aber die Struktur wirkt nach. Vermutlich noch eine oder zwei Generationen, dann ist das rausgewachsen.

Was raten Sie Gemeinden, die in Transformationsprozessen sind und Widerstände spüren?

Veränderungen positiv zu flankieren. Engagement ist nicht bedrohlich.

„Ehrenamtliche die sich engagieren, kommen den Hauptamtlichen schnell in die Quere.“

Was kann die kirchliche Leitungsebene beitragen, dass das gelingt?

Sie sollte kirchenrechtlich mutiger werden und die Rolle von Pfarrpersonen zugunsten multiprofessioneller Teams überdenken, nicht so zögernd wie bisher. Ein Pfarrer ist Theologe und damit weder Architekt noch Betriebswirt noch Bänker. Was spricht dagegen, Leitung von Kirche um solche Berufsbilder zu erweitern?

Dass Gemeinde beliebig wird und ihre Botschaft vernachlässigt?

Dass sich ihr Image nicht verselbständigen darf, steht außer Frage. Geistliche Ausrichtung und Leitung sind keine Nebensache. Die Bibel ist da übrigens viel inspirierender als kirchliche Dogmen, damit treffen Sie auf offene Ohren. Das sage ich aus Erfahrung.

Mit dieser Haltung haben Sie den Gemeindedienst der EKM geleitet und das Bild einer Kirche skizziert, die aus sich herausgeht. Wie schwer war es, vor 20 Jahren in Vorleistung zu gehen?

Ich weiß nicht, ob diese Zuschreibung so stimmt. Ich war nicht der Erste im Gemeindedienst, sondern zunächst Fachreferent. Was mir wichtig war, eigentlich schon immer: Wir Christen sollen Zeugen sein. Wir erzählen von Gott und unserem Glauben und stellen uns dabei an die Seite unserer Mitmenschen. Da habe ich viel von Zinzendorf, dem Begründer der Brüdergemeine, und seinem Missionsverständnis gelernt.

Redet Kirche zu viel von sich selbst?

Kirche redet zu oft, wo sie zuhören sollte. Die Bibelnähe hat abgenommen. Deshalb galt im Gemeindedienst: Auch immer mal rausgehen auf die Straße und zuhören. Kontakt aufnehmen mit ganz normalen Menschen. Das ist Jesu Anliegen.

„Kirche redet zu oft, wo sie zuhören sollte.“

Sein Anliegen war es auch, mit den Menschen zu essen.

Essen ist existentiell und stiftet Gemeinschaft. Ich freue mich über jede kirchliche Veranstaltung, bei der gegessen und getrunken wird, und wo die Menschen Gemeinde selbst in die Hand nehmen. Essen, Trinken, Musik, Bibel, da sind wir in Gottes Nähe.

Sind Leitungsgremien evangelischer Gemeinden noch theologisch miteinander unterwegs?

Das hängt stark von der Gemeinde ab. Im Rahmen meiner Tätigkeit habe ich aber wahrgenommen, dass es eine große Sehnsucht nach geistlich verantworteter Gestaltung von Gemeinde gibt, auch und gerade bei Ehrenamtlichen. Die Realität von Gremienarbeit wird dem leider oft nicht gerecht.

Das Erscheinungsbild der Landeskirchen wird sich in den kommenden Jahren stark verändern. Gemeinden schließen sich zu Netzwerken zusammen, Verwaltungsaufgaben werden zentralisiert. Was geben Sie Kirche mit, dass sie hoffnungsvoll bleibt und nicht verzagt?

Eine Kirche, die gabenorientiert vernetzt ist, macht Hoffnung. Wichtig erscheint mir, dass sie Veränderung weniger an der Struktur ausrichtet als an der Wirkung. Wir haben in Thüringen vor 23 Jahren bereits einen ersten Gemeindeverband mit elf Dörfern gegründet, einfach weil wir es wollten. Wir hatten Lust darauf, unsere Gaben zu potenzieren. Damals war der Druck geringer, als er heute ist. Kirche ist spät dran. Ich will hoffen, nicht zu spät.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Fotos: Ronald Reinicke

AUTORIN · AUTOR

Artikel teilen

3E ist Basecamp zum Anfassen

Du hättest eines der Dossiers gerne im Printformat, du willst einen Stoß Magazine zum Auslegen in der Kirche oder zum Gespräch mit dem Kirchenvorstand? Dann bestell dir die entsprechenden Exemplare zum günstigen Mengenpreis!