Gemeinde – Allein zu Haus
Gemeinde – Allein zu Haus
VON Tobias von Boehn
Als Kirche weiterleben, wenn das Licht im Pfarrhaus ausbleibt
Wie würde dieser Film ablaufen? Zu einem Plot und einer Rollenverteilung werde ich mich nicht hinreißen lassen. Nur so viel: Das Ergebnis wäre auf jeden Fall zutiefst protestantisch. Das „Priestertum aller Gläubigen“ forderte bereits Luther und hielt daran fest trotz gegenteiliger Erfahrungen. Der Gemeinde ist die Verkündigung des Evangeliums anvertraut, bekennt im reformatorischen Geist die Barmer Theologische Erklärung, auch wenn sich ihre Verfasser eine Gemeinde ohne Pfarrperson ebenso wenig vorstellen konnten wie z.B. die Kirchenordnung der EKiR, die diese Frage gar nicht im Blick hat. Doch die Zeiten haben sich geändert. Der Nachwuchs bleibt aus. Viele Pfarrpersonen treten in den Ruhestand. „Gemeinde allein zu Haus“, „Kirche ohne Titelträger“? Warum eigentlich nicht? Oder zugespitzt formuliert: Woher kommt die Angst, die dieser Idee mit tausend Befürchtungen begegnet, statt sich ihr neugierig zuzuwenden und sie als Pflicht zur Erprobung zu begreifen?
0,66 statt 2 Stellen
Pfarrpersonen versorgen, inspirieren, vermitteln, verkündigen, ermutigen, gründen, justieren, fördern, begleiten, wachen, handeln überall. Eine solche Person wäre ich gerne gewesen. Doch nur in Bruchstücken habe ich es geschafft. Ich hatte ein Begabungsproblem. Im Laufe der Zeit wurde es auch einem Kraft- und Zeitproblem: Vor fünfzehn Jahren waren wir zu zweit. Heute muss eine Zweidrittelstelle reichen, in der ich auch noch sechs Schulen zu begleiten habe. Landeskirchliche Realität. „Kein Drama“, dachten wir als Gemeinde und sahen es als Chance. Dabei wollten wir uns nicht kurzfristig elegant aus der Affäre ziehen oder auf Kosten anderer überleben, sondern suchten nach einem zukunftsfähigen Weg. Wir begannen, die Entwicklung unserer Gemeinde zu lesen und zu erspüren, was uns am Leben hält. Wir verschlossen uns nicht dem Blick von außen, bezogen ein, die etwas bewegen wollten und gaben Menschen mit Visionen Raum. Vier Schritte leiteten uns bei der Umsetzung:
- Wahrnehmen: Was ist bei uns möglich? Manche Situationen bargen die Lösung in sich. An anderer Stelle musste mutig „gegen den Strich“ gedacht werden.
- Erproben: Im Vertrauen in die Kompetenz der Befürworter:innen wurden Räume eröffnet, Neues fehlerfreundlich zu erproben.
- Entscheiden: Erfahrungen wurden reflektiert und diskutiert und aus gewonnen Erkenntnissen beschlossen.
- Begreifen: Anschließend wurde das Entdeckte in Konzeptionen ausformuliert. Durch diesen Prozess prägten sich neue Perspektiven ins Gemeindebewusstsein ein.
So entstand die Konzeption „Gemeinde ohne Pfarrperson“. Der Kreissynodalvorstand konnte diesen Weg nicht mitgehen. So wurde aus ihr die Konzeption „Gemeinde mit begleitender Pfarrperson“.
Der Alleinunterhalter wird zum Begleiter
Über die Jahre der Reflexion hatten die Mitarbeitenden ein Selbstbewusstsein entwickelt und drängten in die Verantwortung. Verstärkt wurde diese Entwicklung durch meine krankheitsbedingten Ausfälle. So ergaben sich Chancen, in Leitung und Führung hineinzuwachsen, und wir stellten die Frage: „Für welche Aufgaben ist eine Pfarrperson unverzichtbar?“ Fündig wurden wir in der Kirchenordnung, die die Verantwortung für die Verkündigung, die Wahrung der Ordnung und der Bekenntnisse als Kernaufgaben angibt. Hilfreich war darüber hinaus das „Epheser-4-Modell“ unsere Landeskirche. Es erklärt die „Zurüstung zum Dienst“ zur Kernkompetenz der Pfarrpersonen (vgl. Eph. 4,11f).
„Woher kommt die Angst, die dieser Idee mit tausend Befürchtungen begegnet, statt sich ihr neugierig zuzuwenden und sie als Pflicht zur Erprobung zu begreifen?“
Schon Jahre waren wir in diese Richtung unterwegs aber dabei an Grenzen gestoßen. Denn häufig blieb die Aufgabe an mir hängen. Eine ungesunde Engführung. Die Lösung fanden wir in externen Pfarrpersonen, die diese Aufgabe mit übernahmen. Neben einzelnen Mitarbeitenden griffen im Laufe der Zeit auch Teams auf diese Möglichkeit zurück. Zurzeit gehen viele Pfarrpersonen in den Ruhestand, wodurch der Kreis der Ansprechpersonen wächst. Aus dieser Erfahrung erwuchs die Konzeption der „theologischen Pat:innen“, in der neben der verantwortlichen Pfarrperson weitere Pfarrpersonen ehrenamtliche Leitungsteams sowie leitende und prägende Mitarbeitende verbindlich begleiten. Folgende Kriterien bildeten sich hierfür heraus.
- Beteiligen: Die Pfarrperson beteiligt Mitarbeitende, damit diese ihre Gaben und Fähigkeiten entdecken.
- Befähigen: Die Pfarrperson befähigt Mitarbeitende, geistlich, theologisch und organisatorisch die Gemeinde zu versorgen und wiederum andere Mitarbeitende zu beteiligen und zu befähigen. Das kann auch durch externe Schulungen geschehen.
- Ermöglichen: Die Pfarrperson sorgt für Räume, in denen sich Mitarbeitende eigenverantwortlich entfalten können.
- Unterstützen: Die Pfarrperson springt ein, wenn es nötig ist (z.B. bei der Kasualversorgung) und garantiert auf diese Weise ein verlässliches Angebot.
- Wachsein: Die Pfarrperson begleitet die Zusammenarbeit in Teams und in der Gemeinde und achtet auf die Einhaltung der Ordnung und der Bekenntnisse.
Während für die Pat:innen die Befähigung der Mitarbeitenden sowie das Wachsein in Bezug auf die Zusammenarbeit und die Ordnung und Bekenntnisse im Mittelpunkt stehen, konzentriert sich die Aufgabe der verantwortlich begleitenden Pfarrperson auf alle Akzente. Übrigens eine verlockende Aufgabe. Denn wie sich zeigt, bedeutet diese Schwerpunktsetzung eine menschenfreundliche Begrenzung des pfarramtlichen Arbeitsaufwandes. Von einigen wichtigen Kernaufgaben einer Pfarrperson müssen wir uns aber in Zukunft verabschieden. Sie sind aufgrund der abnehmenden Präsenz der Pfarrperson vor Ort nicht mehr zu leisten. Dazu gehört die Rolle der Pfarrperson als „Gesicht der Gemeinde“, als Initiator:in und als Networker. Folgende Erfahrungen machen uns jedoch Mut, diese Realität als Chance zu nutzen.
Die geistliche Mitte verbindet
„Ihr sammelt euch um eine geistliche Mitte. Das verbindet euch und lässt euch so aktiv sein.“ So ähnlich beschrieb unser ehemaliger Superintendent das Geheimnis unserer Gemeinde. Das deckte sich mit unseren Beobachtungen: Unsere Mitte waren Gottesdienste und geistliche Veranstaltungen. Dabei stellten wir fest, dass die Beteiligung der Menschen an diesen Angeboten mit der Zahl derjenigen wächst, die an ihrer Durchführung in den Bereichen Film, Organisation, Musik, Technik, Café und Gebet mitwirken. Hier gilt es anzusetzen.
„Diese Schwerpunktsetzung bedeutet eine menschenfreundliche Begrenzung des pfarramtlichen Arbeitsaufwandes.“
Alles zu organisieren hatte uns als Leitung müde gemacht. Irgendwann gaben wir auf, ließen los und suchten Menschen in der Gemeinde, die eine Vision haben. Wir luden sie ein, ließen sie erzählen und begriffen: Unsere Zeit, Gemeinde top-down zu gestalten, ist abgelaufen. Gemeindeentwicklung ist kompliziert geworden. Dauerangebote sind nur noch vereinzelt möglich. Die Experimentierfreude nimmt zu. Der Wunsch, eigene – uns vielleicht fremde – Ideen zu entwickeln und zu erproben, wächst. Lange Entscheidungswege lähmen hingegen und schrecken ab.
Gemeinde auf den Kopf stellen
Wir fragten uns: Wie entstehen flache Hierarchien, kurze Entscheidungswege und kreative Gestaltungsräume? Wie verhindern wir, dass unser eigener Vorstellungshorizont als Leitungsgremium zugleich die Grenzen der Gemeindeentwicklung darstellt? Unsere Antwort: Wir müssen die Gemeindeentwicklung auf den Kopf stellen. Bottom Up. Die Basis entscheidet. Wofür sich ein Team findet, das wird erprobt. Als Leitungsteam fördern, begleiten und unterstützen wir diese Prozesse und schaffen möglichst ideale Bedingungen. Auch ohne Pfarrperson vor Ort dürfte das kein Problem sein.
Die Chance der Vernetzung
Es braucht weiterhin „Gesichter der Gemeinde“. Menschen, die in der Gemeinde regelmäßig anzutreffen sind. Die in der geistlichen Mitte verankert sind. Klare Ansprechpersonen für die eigenen Fragen. Bei uns werden diese Personen Prädikant:innen sein, die Menschen in unterschiedlichen Lebensphasen über Jahre begleiten. Darüber hinaus haben sich Angebotslücken als Chancen zum Einstieg in die Gemeinde entpuppt. Sie gilt es nicht vorschnell zu schließen, sondern offen zu halten und zu kommunizieren. Eine aktuelle Homepage, Einblicke in die Facetten unserer Arbeit und kurze Wege der Kontaktaufnahme sollen helfen. Auch brauchen wir weiterhin den Kontakt in den Stadtteil. Z.Z. sammeln wir Erfahrungen mit dem Kirchencafé und dem Fitnessstudio in der Nähe als „offene Gemeindebüros“. Ganz neu erproben wir „Mittendrin“. So nennen wir einen Unterstützungsmechanismus, der es Teams ermöglicht, an externen Orten (z. B. Kneipe) bereits erfolgreich durchgeführte Aktionen (z.B. einen Gottesdienst) mit wenig Aufwand zu wiederholen. „Mittendrin“, ein Hintergrundteam sorgt für die Organisation. Die Mitarbeitenden des Projektes setzen sich ins „gemachte Nest“. Auf diese Weise hoffen wir, das Bewusstsein der „Insider“ für die wenig Verbundenen zu wecken. Außerdem können wenig Verbundene so niederschwellig Gemeinde erleben und vielleicht für sich einen Zugang entdecken.
Meine Vermutung ist, dass wir auf all diesen Wegen weit mehr erreichen werden, als ich je in meinem Dienst habe leisten können. Ich frage mich: Warum haben wir damit nicht schon viel früher begonnen? Ich fürchte, wir werden uns als Kirche das in 15 Jahren an vielen Stellen noch fragen.
Fehlerfreundlich Gemeinde sein
Für diese Idee werbe ich: Wo wir Gemeinden diese Möglichkeit geben, wird sie uns neue Perspektiven eröffnen. Und sollten die Kritiker:innen Recht behalten und solche Wege scheitern, werden wir immerhin aus den Fehlern eine Menge lernen können. Schon darum lohnt sich das Risiko. Mit anderen Worten: Ob es funktioniert, wissen wir noch nicht. Darum gilt es auch Bedenken ernst zu nehmen und sich auch neue Wege weisen zu lassen. Wir profitieren sehr davon.
Vertiefen:
Der theologische Grundsatzartikel zum Thema, „Ein Plädoyer für Vielfalt“, ist auf der Website der Evangelischen Kirchengemeinde Moers-Hochstraß zu finden. Dort finden sich auch: Die Konzeption „Gemeinde mit verantwortlich begleitender Pfarrperson“ sowie eine „Handreichung zu den theologischen Pat:innen.“
Titelbild: KI-generiert
AUTORIN · AUTOR
Tobias v. Boehn ist Pfarrer in der evangelischen Kirchengemeinde Moers-Hochstraß. Inspiriert von der evangelisch unierten Kirche in Frankreich, erprobt die Gemeinde neue Gemeindeformen u.a. im Dialog mit der Universität Bonn. Nach einer Lebenskrise veröffentlichte er ein Bilderbuch für Erwachsene („Die Welt in dir“). Es folgten Ausstellungen und Lesungen an ungewöhnlichen Orten z.B. im Friseursalon. Die Begegnungen eröffneten ihm neue Wege, geistliche Begleitung mit kreativen Ausdrucksformen zu verbinden. Um nah bei den Menschen zu sein, verlegt er immer wieder sein Büro in ein Fitnessstudio. Sein Wunsch ist es, Menschen zu inspirieren, zu befähigen und miteinander zu verbinden. Tobias v. Boehn ist verheiratet und Vater von drei erwachsenen Kindern.

Die gute Seilschaft: hak’ Dich ein!
Dir gefällt BASECAMP?
Dann werde Teil unserer Community!
3E ist Basecamp zum Anfassen
Du hättest eines der Dossiers gerne im Printformat, du willst einen Stoß Magazine zum Auslegen in der Kirche oder zum Gespräch mit dem Kirchenvorstand? Dann bestell dir die entsprechenden Exemplare zum günstigen Mengenpreis!

