„Gott bleibt an mir dran“

„Gott bleibt an mir dran“

VON Tanja Kasischke

Veröffentlicht am: 25. August 20264,3 min Lesezeit856 WörterKategorien: Unterwegs, GefährtInnenSchlagwörter: , , , , , , Aufrufe: 28

Ihr Dienst geht weiter, der Dienstherr wechselt: Pauline Burkhardt aus Leipzig startete als Kommissarin, nun steht sie vorm Abschluss des Theologiemasters – und räumt auf

Leipzig, eines Abends im Januar. Es ist frostig. Ein entsorgter Christbaum liegt vor einem Mehrfamilienhaus auf dem Gehweg. Ein Mann hockt zusammengesunken auf dem Asphalt neben der Tanne. Er weint. So findet ihn die Polizei. Eine Bewohnerin hat den Notruf gewählt; die Frau kennt den Mann, kann ihm aber nicht helfen. Dafür nimmt sich die Kommissarin Zeit für den Mutlosen. Sie hört zu. Sie tröstet. Sie fragt, was er braucht. Die Antwort: Geld für eine Zugfahrkarte, um zu seinem Vater fahren zu können. Die Beamtin nickt. Ihre Kollegen tauschen skeptische Blicke, doch die junge Frau ist die Einsatzleiterin. Ihre Entscheidung ist bindend für das gesamte Team. Um den dienstlichen Rahmen nicht zu verletzen, bezahlt sie das Ticket privat. Als der Mann im Regio sitzt, ist der Einsatz vorbei – aber noch nicht abgeschlossen. Ein zweites Mal kreuzen sich beider Wege, zufällig, einige Monate später. Die Verzweiflung der Januarnacht hat der Mann abgelegt, eine Ausbildung begonnen, eine Wohnung gefunden. Manchmal braucht es nur einen Fahrschein, um aufs Gleis zu kommen. Und zum Vater.

Dienstherrenwechsel

„Jeder Mensch ist wertvoll. Man bleibt nicht bei der Festnahme stehen. Man schaut, was an Rehabilitation möglich ist“, blickt Kommissarin Pauline Burkhardt zurück. „Ich möchte mich für Menschen und für die Gemeinde einsetzen, hauptamtlich.“ In ein paar Monaten schließt die 34-Jährige ihr Studium ab, „Master Diakonie und Sozialtheologie“ steht dann auf der Urkunde, ausgestellt an der Evangelisch-freikirchlichen Hochschule Elstal. Der Dienst bleibt, der Dienstherr wechselt. Die mutige Entscheidung, den sicheren Polizei-Job aufzugeben, hat Pauline bewusst getroffen – oder: ihrer Berufung entsprochen. „Das hat Gott so vorbereitet“, ergänzt sie. Tatsächlich, die Episode mit dem Mann neben dem Tannenbaum hat Züge eines biblischen Gleichnisses.

„Manchmal braucht es nur einen Fahrschein, um aufs Gleis zu kommen. Und zum Vater.“

Gute Wurzeln und gesunde Grenzen für das eigene Leben schätzt Pauline Burkhardt selbst. „Ich mag Ordnung deshalb so sehr, weil sie mir lange gefehlt hat. Ich hab mich oft verwaist gefühlt. Dadurch habe ich einige schlechte Entscheidungen getroffen, die ich bis heute aufräume.“ So ruhig und fokussiert wie die junge Frau das sagt, klingt es nicht nach einem beschwerlichen Unternehmen. Was trägt sie? „Jesus ist mein Weg. Gottes Liebe ist für mich die Basis, auf die man sich zurückziehen kann“, macht sie deutlich. Und, dass er ihr das Aufräumen keineswegs erspare, „aber Druck von mir nimmt. Ich gehe bewusst ins Gebet und lasse meine Maßstäbe korrigieren.“ Ihr Anspruch an sich selbst sei lange zu hoch gewesen. Inzwischen weiß sie: Fehlbar sein, das darf man. „Meine Fehler waren meine Fehler. Ich habe so entschieden. Ich kann damit umgehen. Gott bleibt an mir dran.“

Pauline ließ sich als Erwachsene taufen. Ihre sächsische (Patchwork-)Familie hat keinen christlichen Hintergrund. Obwohl sie in einem liebevollen Elternhaus groß wurde und die Mutter der ältesten Tochter gegenüber besonders zugewandt war – verankert fühlte sie das Mädchen nicht. Die Mutter, ausgebildete Balletttänzerin, schulte nach der Geburt der Kinder um und ging zur Polizei, wo ihr zweiter Ehemann arbeitete. Paulines Halbgeschwister sind ebenfalls Polizeibeamte. Die Ausnahme bildet ihr leiblicher Vater, ein Sozialpädagoge aus Mecklenburg. Zu ihm hat die Tochter ein gutes Verhältnis, zu ihrer Stabilität trug jedoch auch er nicht bei. Den Rahmen für ihr Leben zimmerte sie selbst, unterstützt von jenem Zimmermann aus Galiläa, Jesus, dem sie in der Baptistengemeinde Leipzig begegnet ist, zwei Jahre nach dem Abi. „Ich fühlte mich zum ersten Mal wirklich angekommen. Ich habe immer an Gott geglaubt, doch erst da ist mein Glaube tief geworden.“

Sie wurde Mitglied der Gemeinde, heiratete, wurde Mutter, begann ihre Polizeilaufbahn im gehobenen Dienst, trennte sich von ihrem Mann, ging eine neue Beziehung ein, wurde zum zweiten Mal Mutter, trennte sich wieder. Nach der Elternzeit fasste sie den Entschluss, den Polizeidienst zu quittieren und Theologie zu studieren. Heute ist sie in zweiter Ehe glücklich verheiratet. Ihr Ex-Mann kümmert sich anteilig um beide Kinder. Dass nur das ältere sein leibliches ist, spielt keine Rolle. Patchwork wie es Pauline selbst erlebt hat, aber gerahmt. „Dass ich zur Polizei bin, war eine Entscheidung für die Ordnung.“ Pause. „Und der Wunsch, zu dienen“, sagt sie dann mit einer Gewissheit in der Stimme, die berührt. Inzwischen steht sie so stabil für sich ein, dass es andere mitträgt. „Ich möchte auch auf Gemeindeebene gute Strukturen zum Wachsen bringen und Menschen ermutigen.“

Gott und den Menschen dienen

Im Rückblick gewinnt der Vers aus Psalm 73, den sie zu ihrer Taufe 2013 zugesprochen bekam, eine besondere Bedeutung: „Jetzt aber bleibe ich immer bei dir, und du hältst mich bei der Hand. Du führst mich nach deinem Plan und nimmst mich am Ende in Ehren auf.“ Und dort, wo die Messlatten ungesund hoch liegen, wird Pauline Burkhardt ansetzen, so wie vor einigen Jahren in Leipzig, in einer Januarnacht.


Titelbild: Knut Burmeister

Ein Beitrag von

Artikel teilen

Die gute Seilschaft: hak’ Dich ein!

Dir gefällt BASECAMP?
Dann werde Teil unserer Community!

3E ist Basecamp zum Anfassen

Du hättest eines der Dossiers gerne im Printformat, du willst einen Stoß Magazine zum Auslegen in der Kirche oder zum Gespräch mit dem Kirchenvorstand? Dann bestell dir die entsprechenden Exemplare zum günstigen Mengenpreis!

3E