Jakobs Hybrid

Jakobs Hybrid

VON Tanja Kasischke

Veröffentlicht am: 13. August 20265,2 min Lesezeit993 WörterKategorien: Alle, Unterwegs, WanderroutenSchlagwörter: , , , , , , Aufrufe: 9

Leipzig-Plagwitz zeigt, wie Kirche Zukunft kann: Aus einer fast aufgegebenen Ruine wird ein lebendiger Treffpunkt für Glauben, Kultur und Nachbarschaft. Das „Westkreuz“ verbindet Himmel und Alltag – und stellt eine spannende Frage: Was passiert, wenn Kirche sich neu erfindet und trotzdem sie selbst bleibt? Ein Besuch an einem Ort, an dem genau das geschieht.

Das Kirchenschiff ist ein Hybrid. Seine Antriebsformen sind entweder spirituell oder säkular – oder beides. Sie gehen ineinander über. Symbolisch verdichtet ist die Botschaft auf der neu eingebauten Himmelstreppe, die beide Ebenen verbindet. Sie nimmt Bezug auf Jakobs Vision der Himmelsleiter in Genesis 28.

Eine Brücke in den Himmel

Sie führt zu den Multifunktionsräumen für Kulturveranstaltungen, Gemeindetreffen oder private Familienfeiern auf der unteren Ebene und zum Kirchensaal darüber. Seit 2023 heißt die Heilandskirche in Leipzig-Plagwitz (auch) Westkreuz. Wenn man so will, ist es ihr Künstlername, der das Symbol des Kreuzes und die Lage des Hauses in der Stadt aufnimmt. Im gleichnamigen Nachbarschaftszentrum finden Konzerte oder Ausstellungen statt, es gibt Gottesdienste und eine Gemeinde, die hier heimisch ist. Oder: wieder heimisch wurde.

„Die Kirche sollte aufgegeben werden“, erzählt Pfarrer Martin Staemmler-Michael. Er bezieht die Aussage nicht auf den gegenwärtigen Kirchenmitgliederschwund, der Transformationsvorhaben wie das Plagwitzer auf den Plan ruft. Sondern auf 40 Jahre zuvor. „Anfang der 1980er Jahre waren hier die Fensterscheiben eingeworfen und das Dach baufällig.“ Den Abriss abgewendet habe das landeskirchliche Bauamt, das entschied, die Kirche als Archiv zu nutzen. Die Zwischendecke im Schiff wurde eingezogen, Akten und Kunstwerke aus geräumten Kirchen – die etwa dem Braunkohletagebau in Leipzigs Süden weichen mussten – in der unteren Ebene eingelagert. Das Kirchendach sanierte man notdürftig. Die Glocken wurden stillgelegt, die kaputten Fenster zugemauert. So erlebte der backsteingotische Saalbau die Wiedervereinigung. Eine Gemeinde, die sich zuständig fühlte die Kirche zu erhalten, fehlte. Die wenigen Christinnen und Christen verlagerten sich auf die nahegelegene, nicht minder baufällige Lindenauer Philippuskirche. Als Plagwitz Mitte der 2000er Jahre Sanierungsgebiet wurde, waren viele Menschen weggezogen.

„Was, die Kirche gibt’s noch?“

Martin Staemmler-Michael kam 2008 auf die Pfarrstelle der evangelischen Gemeinde Plagwitz-Lindenau an der Heilandskirche. Er fand einen Bau vor, „der zusammenklappte“. Der Saal war nicht mehr nutzbar. Die den Archivräumen vorgelagerte Winterkirche darunter belebte zwar ein Weltladen, der aber fensterlos war und wenig einladend. Besser entwickelte sich die Kita auf dem Gelände, „die so stark nachgefragt wurde, dass man sie erweiterte“, belegt der Theologe. „Aktuell besuchen 127 Kinder die Einrichtung. Der Gedanke an die Familien war unser Ausgangspunkt, über das Konzept eines Zentrums für den Stadtteil nachzudenken.“

Platz fürs Quartier

2014 wurde das Kirchendach saniert, zwei Jahre darauf die Fassade. Die Winterkirche und die ehemaligen Archivräume bekamen Fenster. Zunächst als Gemeindezentrum laut gedacht, merkte der inzwischen neu konstituierte Kirchenvorstand bald, „dass wir die Idee inhaltlich nicht zu eng führen durften“, so Staemmler-Michael. Sobald er sich auf Strategiesitzungen des Quartiersmanagements sehen ließ und als Pfarrer ausgab, waren die Reaktionen überrascht bis amüsiert: „Was, die Kirche gibt’s noch?“

Zwei Jahrzehnte später ist sie – ein zweites Mal – gerettet. Drei Millionen Euro hat die Innensanierung gekostet. Landesmittel, landeskirchliche Mittel und kommunale Förderung flossen in den Umbau. „Die Stadt hat sich sehr eingesetzt. Die wollte, dass daraus etwas wird“, lobt Staemmler-Michael die Zusammenarbeit mit den Behörden. Die Unterstützung der Landeskirche galt zugleich der transformationsfreundlichen Haltung innerhalb der Gemeinde und ihrer Sozialraumorientierung. Ein Best-Practice zeichnete sich ab. 2023 debütierte die Heilandskirche als Westkreuz. Eröffnung war am Reformationstag, dessen historischer Bezug ebenfalls einen Wandel im kirchlichen Handeln ausdrückte.

„Was ist unterm Kreuz Christi möglich?“

„Was ist unterm Kreuz Christi möglich? Alles ist möglich“, sagt Martin Staemmler-Michael. Theologisch orientiert er das Haus am Gedanken „dass Mission eine kleine Begegnung zwischen Menschen ausmacht, von der diese im Anschluss sagen: Das hat mir gut getan“. Gott will er als „Gott der Freiheit“ verstanden wissen, der Verständnis zeige, statt zu strafen oder moralisch zu urteilen. Die Haltung vertritt der Pfarrer auch nach innen, in die Gemeinde hinein, der heute 2700 Mitglieder angehören. „Reibungspunkte, wenn kirchlich Engagierte ihr Angebot als eins von vielen wahrnehmen, sich abgewertet fühlen, bis hin zur Beschwerde, dass sie vorm Verlassen der Räume selbst saubermachen müssen, weil wir keinen Reinigungsdienst finanzieren können, muss man aushalten und besprechen.“ Ebenso die emotionale Entscheidung, ob Gottesdienste als regelmäßiges Angebot bleiben. Sie finden aktuell im Wechsel an der Heilandskirche und zwei weiteren Kirchen in Leipzigs Südwesten statt, die ab 1. Januar 2027 eine Gesamtgemeinde bilden werden.

Anteilseigner gab es auch schon früher …

Bereits jetzt hat die Heilandskirche keine eigene Kantorenstelle mehr und teilt sich auch den Arbeitsbereich Gemeindepädagogik mit den Nachbarkirchen. Dafür gibt es am Westkreuz Sandro Standhaft, den Projektleiter des Zentrums. Die Landeskirche fördert seine Stelle bis 2027. Dass die Heilandskirche danach auf eigenen Füßen steht, um die 150.000 Euro jährliche Betriebs- und Personalkosten für das Westkreuz aus eigener Kraft beizubringen, ist fraglich, und Martin Staemmler-Michael realistisch genug, nicht zu groß zu denken – aber zu träumen. „2025 haben wir 55.000 Euro erwirtschaftet. Wenn große Spender dazukämen oder mal eine Firma ihre Firmenfeier bei uns ausrichtet, wäre das gut für Bilanz. Das Plagwitzer Umfeld ist nur eben ein säkulares.“ Prägend für den Stadtteil sind zudem Kulturszene und Kreativwirtschaft, die genauso ressourcenorientiert und -sparend arbeiten müssen, wie die Gemeinde. Dabei hat das Stakeholderprinzip an der Heilandskirche vor 150 Jahren schon einmal gut funktioniert. Daran erinnert ihre Zufahrtsstraße, benannt nach Rudolf Sack. Der Landmaschinen-Fabrikant war Gemeindemitglied. Da die 1886 für die schnell wachsende Bevölkerung des industriellen Stadtteils erbaute Kirche weder über Kapital verfügte, noch über Landeigentum, stockten Plagwitzer Unternehmer wie Sack die Kasse auf. Fußläufig erreichbar war auch der Stammsitz des Unternehmens Ernst Mey. Der Pionier des papiernen Hemdkragens stiftete der Gemeinde eine Wilhelm-Sauer-Orgel, heute die älteste in Sachsen. Ihre Sanierung kommt als Nächstes.

Fotos: Tanja Kasischke

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