Wie Veränderung in Kirche heute gelingen kann
(Teil 1: Auf die Krise hören)
Wie Veränderung in Kirche heute gelingen kann
(Teil 1: Auf die Krise hören)
VON Tobias Faix
Auf die Krise hören
Transformation ist in den letzten Jahren zu einem viel verwendeten und unterschiedlich interpretierten Begriff geworden. Im gesellschaftlichen Kontext ist mit Transformation ein tiefgreifender gesellschaftlicher Wandel gemeint, der auf die Bewältigung globaler Herausforderungen wie Klimakrise, Ressourcenverbrauch, soziale Ungleichheit oder den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen zielt. Transformation beschreibt dabei nicht nur einen gesellschaftlichen Prozess, sondern auch eine Zielperspektive: Wohin soll eigentlich transformiert werden? Nehmen wir das auf und übertragen es auf Kirche, stellt sich die Frage: Wie kann sich Kirche innerhalb dieses umfassenden gesellschaftlichen Veränderungsprozesses selbst transformieren?
Die Herausforderung der doppelten Transformation
Dabei ist zu beachten, dass es sich immer um eine doppelte Transformation handelt. Einerseits muss Kirche aktiv Gestalterin eigener Veränderungsprozesse werden. Andererseits wird sie selbst durch gesellschaftliche Entwicklungen verändert. Prozesse wie Säkularisierung, Individualisierung, Pluralisierung und der anhaltende Rückgang kirchlicher Bindungen wirken tief in kirchliche Strukturen hinein. Kirche ist heute nicht mehr die selbstverständliche Deutungsinstanz gesellschaftlicher Sinnfragen, sondern eine Anbieterin von Sinn unter vielen anderen. Lange Zeit bestand die Hoffnung, diesen Entwicklungen durch verstärkte Anstrengungen, neue Programme oder organisatorische Reformen entgegenwirken zu können. Inzwischen zeigen zahlreiche Studien und empirische Beobachtungen, dass diese gesellschaftlichen Transformationsprozesse weder von Kirchen noch von anderen Akteuren aufgehalten werden können. Die Frage lautet daher nicht mehr, wie sich diese Entwicklungen verhindern lassen, sondern wie Kirche konstruktiv mit ihnen umgehen kann. Damit verschiebt sich die Aufmerksamkeit auf das, was Kirche tatsächlich gestalten kann: ihre eigene Haltung, ihre Lernfähigkeit, ihre Formen des Zusammenlebens und ihre geistliche Praxis. Daraus folgen wichtige Fragen: Welche Lernorte und Erfahrungsräume braucht es dafür? Wie können Menschen befähigt werden, sich auf Veränderungen einzulassen? Innovatives und transformatives Lernen bedeutet dabei immer auch Prozesse des Umlernens und Verlernens vertrauter Muster anzustoßen und diese aktiv zu begleiten. Die Transformationsforschung beschäftigt sich deshalb mit der Frage, unter welchen Bedingungen Menschen alternative Erfahrungen machen und neue Handlungsweisen entwickeln können. Veränderung beginnt dort, wo bisherige Selbstverständlichkeiten hinterfragt und neue Möglichkeiten erprobt werden.
Das geistliche Hören auf die Krise
Transformation beginnt dabei nie mit Aktivismus, sondern mit einer geschärften Wahrnehmung. Sie beginnt mit der Bereitschaft, innezuhalten, die Krise auszuhalten und die Frage zu stellen: Was will uns diese Krise sagen? In einer Kultur permanenter Lösungsorientierung besteht die Gefahr, Krisen vorschnell zu bearbeiten, bevor sie überhaupt verstanden worden sind. Gerade kirchliche Organisationen neigen dazu, auf Herausforderungen mit Strukturreformen, Programmen oder Sparmaßnahmen zu reagieren. Doch bevor Veränderungen gestaltet werden können, muss die Krise selbst gehört werden. Die gegenwärtige Krise der Kirche ist mehr als eine Organisations- oder Strukturkrise. Sie verweist auf tiefere Fragen nach Identität, Auftrag und geistlicher Ausrichtung.
„Transformation beginnt dabei nie mit Aktivismus, sondern mit einer geschärften Wahrnehmung.“
Oft werden die Wunden und Verwundungen kirchlicher Institutionen zu schnell verbunden, damit die eigenen Verletzungen nicht sichtbar werden. Doch vielleicht braucht es gerade diesen schmerzlichen Blick auf die eigenen Wunden, um zu erkennen, was tatsächlich heilungsbedürftig ist. Die Krise ist nicht nur ein Problem, das gelöst werden muss. Sie kann zugleich ein Ort der Erkenntnis werden. Jede nachhaltige Kirchenreform muss tiefer reichen als bloße Strukturveränderungen. Sie muss aus den Quellen theologischer und spiritueller Erneuerung gespeist werden. In diesem Sinne ist die Krise der Kirche nicht zuletzt eine geistliche Krise. Sie fordert dazu heraus, neu auf Gott zu hören, vertraute Gewissheiten zu hinterfragen und die eigene geistliche Urteilskraft zu schärfen. Die Komplexität der Herausforderungen verschwindet dadurch nicht. Doch die Haltung gegenüber ihnen verändert sich. Und vielleicht liegt genau darin eine der entscheidenden Voraussetzungen für gelingende Transformation.
Würdevolles Sterben lernen
Eine zentrale Aufgabe kirchlicher Transformationsprozesse besteht darin, würdevolles Sterben zu lernen. In biologischen, sozialen und geistlichen Systemen ist Sterben keine Gegenbewegung zum Leben, sondern häufig dessen Voraussetzung. Neues kann nur entstehen, wenn Raum dafür geschaffen wird. Liebgewonnene Traditionen, Arbeitsformen, Gruppen oder Strukturen müssen deshalb manchmal verabschiedet werden, damit Neues wachsen kann. Würdevolles Sterben bedeutet dabei nicht, Vergangenes geringzuschätzen. Im Gegenteil: Es setzt voraus, die Leistungen und das Engagement derjenigen zu würdigen, die über Jahre oder Jahrzehnte hinweg Kirche gestaltet haben. Viele Menschen haben Zeit, Kraft, Kreativität und Glauben investiert. Diese Geschichte verdient Anerkennung. Wertschätzung gegenüber dem Vergangenen ist eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass Übergänge gemeinsam gestaltet werden können. Eine theologische Entsprechung findet sich im Jesuswort aus Johannes 12,24 vom Weizenkorn, das in die Erde fällt und stirbt, damit es Frucht bringen kann. Darin liegt Hoffnung und Verheißung, denn im Sterben liegt zugleich die Voraussetzung für einen Neuanfang. Übertragen auf Transformationsprozesse bedeutet dies: Es braucht die Bereitschaft, auf Vertrautes zu verzichten, um offen für Neues zu werden. Loslassen schmerzt. Es bedeutet Abschied und Verlust. Deshalb braucht es Räume für Trauer, Erinnerung und Würdigung. Zugleich eröffnet das Loslassen neue Freiräume, neue Möglichkeiten und neue Suchbewegungen. Würdevolles Sterben ist daher kein Zeichen des Scheiterns, sondern Ausdruck geistlicher Reife.
„Es braucht die Bereitschaft, auf Vertrautes zu verzichten, um offen für Neues zu werden. Loslassen schmerzt. Es bedeutet Abschied und Verlust. Deshalb braucht es Räume für Trauer, Erinnerung und Würdigung.“
Umlernprozesse gestalten
Eng verbunden mit dem Loslassen ist die Fähigkeit zum Umlernen. Wer Neues lernen will, muss bereit sein, Vertrautes zu verlernen. Verlernprozesse beschreiben die Notwendigkeit, bisherige Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsmuster kritisch zu reflektieren und gegebenenfalls hinter sich zu lassen. Dabei geht es nicht um die Abwertung der eigenen Tradition. Vielmehr geht es darum, zwischen bleibenden Grundlagen des Glaubens und historisch gewachsenen Formen ihrer Ausgestaltung unterscheiden zu lernen. Organisationstheoretisch wird dieser Prozess häufig als „Re-Design“ beschrieben. Bestehende Muster werden nicht einfach optimiert, sondern grundsätzlich hinterfragt. Dies fällt Menschen und Organisationen schwer, weil die eigene Geschichte, die vertrauten Praktiken und die gewachsenen Strukturen häufig als unverzichtbar erscheinen. Transformation verlangt deshalb eine Haltung der Lernbereitschaft und Offenheit. Für die Kirche bedeutet dies vor allem, wieder stärker eine hörende Kirche zu werden. Transformation ist nicht zuerst ein technischer oder strategischer Vorgang, sondern ein geistlicher Prozess. Sie fordert dazu heraus, neu auf das Reden Gottes und das Wirken des Heiligen Geistes zu achten. Dies geschieht sowohl durch äußere Ereignisse als auch durch innere Erfahrungen, durch Begegnungen, Konflikte, Überraschungen und neue Perspektiven. Kirche wird dort transformiert, wo sie lernt, den Orten zu folgen, an denen Gott bereits wirkt, statt lediglich die eigenen Gewohnheiten zu reproduzieren. Dazu gehört auch die Bereitschaft, vielfältige Formen von Spiritualität partizipativ zu leben und sich auf das einzulassen, was Hartmut Rosa als das „Unverfügbare“ bezeichnet. In einer Welt, die von Kontrolle, Planung und Beschleunigung geprägt ist, entsteht Transformation häufig dort, wo Menschen bereit sind, sich berühren, überraschen und verändern zu lassen. Die gesellschaftlichen Transformationsprozesse schreiten voran. Sie nehmen auf die Zögerlichkeit kirchlicher Institutionen keine Rücksicht. Umso wichtiger ist die Fähigkeit, lernfähig zu bleiben.
Transformation by Design or Disaster
Der Organisationspsychologe Harald Welzer beschreibt die gegenwärtige Situation mit der zugespitzten Formel „Transformation by Design or Disaster“. Damit bringt er zum Ausdruck, dass Veränderungen unabhängig davon stattfinden, ob Menschen und Organisationen sie aktiv gestalten oder nicht. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Transformation geschieht, sondern wie sie geschieht. Also, was unser Anteil daran ist und was wir tatsächlich ändern können. Transformationsdesign bedeutet, einen bewussten Richtungswechsel zu gestalten und tragfähige Zukunftsbilder zu entwickeln. Bemerkenswert ist dabei Welzers Hinweis, dass die zentrale Aufgabe häufig nicht in einem Mehr besteht, sondern in einem Weniger. Weniger Ressourcenverbrauch, weniger Komplexität, weniger Wachstum um jeden Preis. Übertragen auf die Kirche könnte dies bedeuten: weniger Programme, weniger Aktivismus, weniger institutionelle Selbsterhaltung – und stattdessen mehr Konzentration auf den eigentlichen Auftrag. Gerade deshalb kommt der Entwicklung glaubwürdiger Zukunftsbilder eine Schlüsselrolle zu. Menschen engagieren sich nicht für Sparprogramme, sondern für Hoffnungsbilder. Zukunftsbilder verbinden unterschiedliche Akteure, Ebenen und Reforminitiativen zu einer gemeinsamen Perspektive. Fehlen solche Bilder, bleiben Reformen häufig abstrakt und erreichen die konkrete kirchliche Praxis kaum. Sie verharren im Modus theoretischer Problembeschreibungen und verlieren ihre transformative Kraft. In der Organisationstheorie wird dieser Prozess als „Lernen zweiter Ordnung“ beschrieben. Dabei geht es nicht nur darum, bestehende Probleme besser zu lösen, sondern die eigenen Grundannahmen, Denkweisen und Handlungsmuster zu hinterfragen. Kirche wird dabei selbst zu einer lernenden Organisation. Transformation bedeutet dann nicht nur, Veränderung zu organisieren, sondern selbst zur Veränderung zu werden. Ein Schlüssel dafür ist die Kommunikation. Transformationsprozesse scheitern häufig nicht an fehlenden Konzepten, sondern an mangelnder Verständigung. Zukunftsorientierte Change-Kommunikation verabschiedet sich deshalb von der Vorstellung eines „Weiter so, nur besser“ und spricht stattdessen offen aus: Es wird anders werden. Sie entwickelt Zukunftsbilder, die Orientierung geben und Menschen als aktive Mitgestalterinnen und Mitgestalter ernst nehmen. Die entscheidenden Fragen lauten dabei: Wie kann Kirche in Zukunft aussehen? Warum ist Veränderung notwendig? Welche Hoffnung verbindet sich mit ihr? Was bedeutet sie konkret für unterschiedliche Arbeitsfelder? Und wie können möglichst viele Menschen an diesem Weg beteiligt werden? Der Weg in die Zukunft führt also nicht an Verlusten vorbei. Aber gerade im Loslassen kann Raum entstehen für das Neue, das wachsen will.
„Der Weg in die Zukunft führt also nicht an Verlusten vorbei. Aber gerade im Loslassen kann Raum entstehen für das Neue, das wachsen will.“
Vertiefende Literatur
Tobias Faix & Tobias Künkler (Hg.) Handbuch Transformation: Ein Schlüssel zum Wandel von Kirche und Gesellschaft (Interdisziplinäre Studien zur Transformation). Neukirchener Verlag.
Sandra Bils, Tobias Faix, Stefan Jung u.a. (Hg.). Erprobung empirisch: Resultate und Reflexionen im Kontext der Erforschung landeskirchlicher Innovations- und Erprobungsräume. Vandenhoeck & Ruprecht Verlag.
Tobias Faix „Kirche zwischen ‚Zombie‘ und ‚Wildwuchs‘. Kritische Reflexionen neuerer kirchentheoretischer Versuche im Spannungsfeld mit dem gegenwärtigen Organisationsmodus von Kirche.“ In: Kirche denken und gestalten. Kirchentheorien in aktuellen Herausforderungen, hg. von Domsgen, Sass, Pohl-Patalong & Hermelink. Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt.
Transformationskompetenz nicht nur lernen, sondern studieren
Wer mehr darüber wissen möchte, wie man Transformationsprozesse anstoßen und aktiv gestalten kann, findet viele hilfreiche Impulse, neue Gedanken, eigene Wege und anregende Diskussionen im berufsbegleitenden Master-Studiengang „Transformationsstudien: Öffentliche Theologie und Soziale Arbeit“ an der Evangelischen Hochschule Hessen. Bewerbungen für den Start im Wintersemester 2026/2027 sind noch möglich. Weitere Informationen gibt’s unter www.transformationsstudien.de.
Ein Beitrag von
Tobias Faix ist Theologe und Sachbuchautor. Er ist Professor für Praktische Theologie mit den Schwerpunkten Gemeindepädagogik, interkulturelle und empirische Theologie an der Evangelischen Hochschule Hessen.

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