„Coole Alte“ und mutige Kids

„Coole Alte“ und mutige Kids

VON Rüdiger Jope

Veröffentlicht am: 21. August 20264,7 min Lesezeit902 WörterKategorien: Unterwegs, WanderroutenSchlagwörter: , , , , , , , , Aufrufe: 10

Fröhlicher Lärm dringt aus den Räumen der Apostelkirche in Oberhausen. Was sich nach einem Jungscharnachmittag anhört, ist ein inklusiver Nachmittag für Senioren und Kinder.

„Herzlich willkommen zu den APOlympischen Spielen“, verkündet ein Schild im Eingangsbereich. Im Café der Gemeinde sitzen rund 30 Senioren. Man tauscht sich aus über Wehwehchen, das heiße Wetter, die langen Wartezeiten beim Hausarzt. Die Stimmung ist eher grau – bis sieben Minuten später plötzlich Farbe in den Raum zieht.

„Ihr werdet heute Mut brauchen“

20 Kinder aus der nahegelegenen Siedlerwegschule stürmen herein. Sie zaubern den Alten ein Lächeln ins Gesicht und blasen das beschwerliche Alltagsgrau weg. „Komm bei mich“, ruft der 90-jährige Horst. Seine Augen strahlen – Leons (10) ebenfalls. Wenige Augenblicke später sitzen die Kinder verteilt zwischen den Senioren. Kaffeepötte werden gefüllt, Wasser sprudelt in Gläser, und die Handbremsen der Zurückhaltung lösen sich. Aus Plauder-Modus wird Vollgasstimmung.

Die Seniorenverantwortliche Stefanie Keuschen (43) tritt ans Mikrofon. Die Kinder verstummen, die Alten reden noch – wie es sich gehört. Stefanie wartet, bis es ruhig wird, und begrüßt alle herzlich: „Ihr werdet heute Mut brauchen. Es kommt auf eine gute Zusammenarbeit an. Lernt voneinander, spielt miteinander. Danke, liebe Senioren, dass ihr jeden Quatsch mitmacht.“ Lachen.

A cappella stimmt die Runde „Danke für diesen guten Morgen“ an, danach ein kurzes Gebet: „Lieber Gott, begleite uns durch diesen bunten Nachmittag. Segne unsere Gemeinschaft.“ Kurz darauf schlecken alle ihr Eis und lauschen der Spielanleitung für diesen ungewöhnlichen Begegnungsnachmittag zwischen den Generationen.

Eine Idee gegen Einsamkeit und Stress

Begonnen hat alles mit der Projektidee der beiden Religionslehrerinnen Vivien und Christina. Sie sahen „gestresste Kinder und Senioren, die nur noch um sich kreisen“ – und wollten beide Gruppen zusammenbringen. Vier Mal im Jahr holen sie nun nachmittags 20 Kinder aus der Betreuung ab, die Lust auf Begegnung haben, und bringen sie in den Seniorentreff. Dort warten die Älteren schon auf „ihre Urenkel“, wie Christel (87) lachend sagt. „Ich bin viel allein, da tut mir die Zeit mit den Kindern so gut!“ Aus zwei Welten wird eine gemeinsame – für ein paar kostbare Stunden.

„Ich bin viel allein, da tut mir die Zeit mit den Kindern so gut!“

Inzwischen hat Stefanie die Gruppen für die „Apolympiade“ zusammengestellt: Jeweils ein Kind zieht mit ein, zwei „Großeltern“ und einem Laufzettel los. An einem Tisch wird um die Wette gepuzzelt, direkt daneben müssen Zahlen in die richtige Reihenfolge gebracht werden. Gegenüber sitzt Ruth (88). Sie rät Begriffe, die Greta (9) ihr aufmalt. „Schön groß malen, ich sehe schlecht“, bittet sie. Greta zeichnet ein Fahrzeug mit Rädern. „Auto“, entfährt es Ruth ohne zu zögern. „Richtig!“ Beide strahlen.

Im Raum nebenan geht es sportlich zu. Zwei Seniorinnen und ein Kind versuchen, aus dem Sitzen ein Kissen mit den Füßen in einen Korb zu katapultieren. Daneben übt sich Matthias (90) im „Basketball“: Er wirft Tennisbälle, Vitali versucht sie mit einem Papierkorb aufzufangen. Auf zwei Stühlen sitzen zwei Seniorinnen; mit den Beinen heben sie lachend Plastikbecher von einer Klopapierrolle, während zwei Kinder diese um die Wette die hinter den Stühlen aufwickeln.

„Die hier sitzen, sind coole Menschen“

Durch die Räume wabert eine ausgelassene Stimmung. Es hat etwas von Gedächtnistraining, Ergotherapie ohne Rezept und XXL-Jungscharstunde. Der Nachmittag wird zu einem kleinen Modell gegen Einsamkeit – und zu einem Vorgeschmack darauf, wie gelingendes Miteinander in unserer Gesellschaft aussehen kann.

Während drinnen noch sprichwörtlich der Bär steppt und der Papst boxt, erklärt mir Stefanie: „Hier lernen wir voneinander. Hier unterstützen wir uns gegenseitig. Hier kommen Kinder und Alte raus aus ihren Blasen. Die Senioren hören auf, nur von ihren Krankheiten zu reden. Und die Kinder entdecken: Die Frauen und Männer, mit denen wir hier spielen, sind coole Menschen – die leben nur schon etwas länger.“

Gespräche kommen in Gang, ganz nebenbei und doch zutiefst verbindend. Es entstehen warme, verbindende und solidarische Momente, von denen beide Seiten noch eine Weile zehren. „Das ist doch schön, dass die alten Leute mal Zeit haben zu spielen“, sagt Melina (9). Leonie (11) ergänzt: „Ich bereite den alten Leuten gerne eine Freude. Und mir macht das auch Spaß.“

„Hier entdecken die Kinder: Die Frauen und Männer, mit denen wir hier spielen, sind coole Menschen – die leben nur schon etwas länger.“

Am Ende des Nachmittags sortieren Ehrenamtliche Geschirr, wischen Tische, räumen auf. Karl-Heinz (90) ist der älteste unter ihnen – einer von acht Mitarbeitenden. Beim Abschied reicht er mir die Hand: „Das ist eine dufte Truppe, deshalb bin ich hier. Spülen. Austeilen. Wenn die Jugend ausfällt, springe ich gerne ein. Das hält jung.“
Trainingslager fürs Herz

Vielleicht sind die APOlympischen Spiele genau das: ein Trainingslager fürs Herz. Für Kinder, die entdecken, wie reich alt sein kann. Für Senioren, die merken, dass sie nicht zu alt für Spiel und Spaß sind und dass Kinder ihnen gerne zuhören, sich über das Zusammensein mit ihnen freuen. Und für eine Kirche, die merkt: Wo Generationen einander brauchen, wird das Evangelium sichtbar – in Puzzleteilen, Kaffeepötten und Murmeln, die auf einem Teller mit Loch in ein Sieb auf dem Nachbartisch transportiert werden. Das kann nicht gelingen? Doch, genau wie das Miteinander von Jung und Alt in der Apostelgemeinde Oberhausen.

Fotos: Rüdiger Jope

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