Wie Veränderung in Kirche heute gelingen kann
(Teil 2: Von Folklore zur lernenden Kirche)
Wie Veränderung in Kirche heute gelingen kann
(Teil 2: Von Folklore zur lernenden Kirche)
VON Tobias Faix
Von Folklore zur lernenden Kirche
Die bisherigen Überlegungen haben gezeigt, dass Transformation mit geistlichem Hören, würdevollem Sterben und der Bereitschaft zum Umlernen beginnt. Doch Transformation bleibt folgenlos, wenn sie sich ausschließlich auf individuelle oder auch geistliche Haltungen oder einzelne Projekte beschränkt. Soll Kirche den gegenwärtigen Herausforderungen begegnen, muss sie auch ihre eigenen Organisationsformen kritisch in den Blick nehmen. Die Frage lautet deshalb: Welche Strukturen fördern Transformation – und welche verhindern sie?
Offene Räume für Gott anbieten
In den vergangenen Jahren ist Kirche zunehmend als Organisation untersucht worden. Kirchentheoretische Entwürfe haben dabei betont, dass Kirche nicht nur als geistliche Gemeinschaft, sondern auch als soziale Organisation verstanden werden muss. Besonders hilfreich erscheint dabei die Beschreibung von Kirche als Hybrid aus Institution, Organisation und Bewegung (Hauschildt/Pohl-Patalong). Kirche lebt aus einer spirituellen Verheißung, ist zugleich rechtlich und organisatorisch verfasst und bleibt dennoch auf Dynamik, Veränderung und Bewegung angewiesen. Aus dieser Perspektive folgt eine wichtige Einsicht: Es gibt keine ein für alle Mal festgelegte Organisationsform der Kirche. Weder historische Traditionen noch gegenwärtige Strukturen besitzen einen theologischen Ewigkeitsstatus. Organisationsformen sind funktionale Werkzeuge. Ihre Aufgabe besteht darin, Räume offenzuhalten, in denen Gottes Handeln erfahrbar werden kann. Daraus ergibt sich eine grundlegende Selbstkritikfähigkeit kirchlicher Organisationen. Strukturen sind kein Selbstzweck, sondern müssen sich daran messen lassen, ob sie den Auftrag der Kirche fördern oder behindern.
„Es gibt keine ein für alle Mal festgelegte Organisationsform der Kirche.“
Genau an diesem Punkt zeigt sich eine der zentralen Herausforderungen gegenwärtiger Transformationsprozesse. In den vergangenen Jahren sind zahlreiche innovative Initiativen, fresh expressions of church, entstanden: Erprobungsräume, innovative Gemeindeformen oder sozialräumliche Projekte. Viele dieser Initiativen entwickeln beeindruckende Ideen und erreichen Menschen, die von klassischen kirchlichen Angeboten kaum noch angesprochen werden. Sie schaffen Freiräume für Experimente und ermöglichen wichtige Lernerfahrungen. Gleichzeitig zeigen zahlreiche Evaluationen, dass solche Innovationsprojekte häufig nur begrenzte Auswirkungen auf die Gesamtorganisation Kirche haben. Sie bleiben oft Inseln der Innovation innerhalb eines Systems, dessen grundlegende Logiken unverändert bestehen bleiben.
Lernprozesse brauchen Platz im Ganzen und nicht nur am Rand
Neue Projekte entstehen, während Ressourcenverteilung, Entscheidungswege, Personalstrukturen und rechtliche Rahmenbedingungen weiterhin den Mustern der Vergangenheit folgen. Innovation wird dadurch möglich, ohne dass sich das Gesamtsystem wesentlich verändert. Transformation droht dann zur kirchlichen Folklore zu werden: interessant, kreativ und inspirierend, aber ohne nachhaltige Wirkung auf die Organisation als Ganze. Die eigentliche Herausforderung besteht deshalb nicht darin, immer neue Projekte zu initiieren, sondern die Lernprozesse dieser Projekte in das Gesamtsystem zu übersetzen. Die Frage lautet nicht nur: Was funktioniert lokal? Sondern: Was lernt die Kirche als Organisation daraus? Damit rückt die Idee der lernenden Organisation in den Mittelpunkt. Transformation gelingt dort, wo nicht nur einzelne Menschen oder Projekte lernen, sondern wo die Organisation selbst lernfähig wird. Gemeint ist die Fähigkeit, nicht nur einzelne Probleme zu lösen, sondern die eigenen Grundannahmen, Routinen und Steuerungslogiken zu hinterfragen. Eine lernende Kirche fragt deshalb nicht nur, wie sie ihre bisherigen Aufgaben besser erfüllen kann. Sie fragt auch, welche ihrer bisherigen Annahmen möglicherweise selbst Teil des Problems geworden sind.
„Eine lernende Kirche fragt auch, welche ihrer bisherigen Annahmen möglicherweise selbst Teil des Problems geworden sind.“
Dies betrifft grundlegende Fragen kirchlicher Selbstverständigung: Was verstehen wir heute unter Kirche? Welche Organisationsformen dienen ihrem Auftrag? Welche rechtlichen und strukturellen Rahmenbedingungen fördern Innovation und welche verhindern sie? Fragen der Ekklesiologie, der Kirchentheorie und des Kirchenrechts stehen dabei nicht nebeneinander, sondern beeinflussen sich gegenseitig. Wer Kirche anders versteht, wird sie anders organisieren. Wer sie anders organisiert, verändert zugleich ihre Handlungsmöglichkeiten.
Eine Frage der Lernfähigkeit
Transformation zwischen würdevollem Sterben und neuem Wachstum bedeutet deshalb auch, die eigenen Strukturen loslassen zu können, wenn sie ihren Zweck nicht mehr erfüllen. Nicht jede Tradition muss bewahrt werden, nur weil sie lange bestanden hat. Ebenso wenig ist jede Innovation automatisch ein Fortschritt. Entscheidend ist die Frage, ob die jeweilige Form Menschen hilft, Gottes Gegenwart zu erfahren, Gemeinschaft zu leben und den Auftrag der Kirche in einer sich verändernden Welt wahrzunehmen. Kirchliche Transformation beginnt daher nicht bei der Frage, welche Programme neu aufgelegt werden sollten. Sie beginnt bei der Bereitschaft, sich selbst als Organisation infrage stellen zu lassen. Oder zugespitzt formuliert: Die Zukunft der Kirche entscheidet sich nicht zuerst daran, ob sie innovativ wird, sondern daran, ob sie lernfähig bleibt.
Vertiefende Literatur
Tobias Faix & Tobias Künkler (Hg.) Handbuch Transformation: Ein Schlüssel zum Wandel von Kirche und Gesellschaft (Interdisziplinäre Studien zur Transformation). Neukirchener Verlag.
Sandra Bils, Tobias Faix, Stefan Jung u.a. (Hg.). Erprobung empirisch: Resultate und Reflexionen im Kontext der Erforschung landeskirchlicher Innovations- und Erprobungsräume. Vandenhoeck & Ruprecht Verlag.
Tobias Faix „Kirche zwischen ‚Zombie‘ und ‚Wildwuchs‘. Kritische Reflexionen neuerer kirchentheoretischer Versuche im Spannungsfeld mit dem gegenwärtigen Organisationsmodus von Kirche.“ In: Kirche denken und gestalten. Kirchentheorien in aktuellen Herausforderungen, hg. von Domsgen, Sass, Pohl-Patalong & Hermelink. Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt.
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Ein Beitrag von
Tobias Faix ist Theologe und Sachbuchautor. Er ist Professor für Praktische Theologie mit den Schwerpunkten Gemeindepädagogik, interkulturelle und empirische Theologie an der Evangelischen Hochschule Hessen.

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