Ohne Gottesdienst verkümmert Kirche

Ohne Gottesdienst verkümmert Kirche

VON Regine Born

Veröffentlicht am: 12. Februar 20264,7 min Lesezeit942 WörterKategorien: Alle, Gottesdienst feiern, Kompass, Zukunft KircheSchlagwörter: , , Aufrufe: 97

Warum wir den Gottesdienst als Herzstück einer lebendigen Gemeindearbeit nicht aufgeben sollten.

Das Schild an unserem Ortseingang ist verblasst. Die violette Kirche erkennt man nur noch, wenn man danach sucht. Neben der fast unsichtbaren Kirche steht: „Evangelischer Gottesdienst. Sonntag 10:15 Uhr“. Sollen wir ein neues Schild aufstellen oder zusammen mit dem verblassten Schild unser Bemühen aufgeben, den Gottesdienst als attraktives Angebot aufrecht zu erhalten?

So viele Veränderungen fordern uns heraus: Sinkendes Vertrauen in Kirche, Austritte, Nachwuchsmangel, Traditionsabbruch – und auch ein Rückgang beim Gottesdienstbesuch.
Doch nach wie vor steht da öffentlich für alle sichtbar gleich hinter dem Ortsschild unserer Heimatstadt der Gottesdiensttermin. Was ist bei Kirche geboten? „Evangelischer Gottesdienst. Sonntag 10:15 Uhr“. Auch diese Angabe ist veraltet und ich habe keine Idee, wie man die Vielfalt unserer Gottesdienste kurz und knapp auf ein Schild schreibt, das im Vorbeifahren gelesen werden soll – mal morgens, mal abends, mal mit Brunch…

Experimentierfreude und Lebendigkeit

Die tiefgreifendere Veränderung hat sich jedoch nicht in der Uhrzeit, sondern im Gottesdienst selbst vollzogen. In unserer Kirchengemeinde haben wir die Gestaltung unserer Gottesdienste und die Einrichtung der Kirche so verändert, dass eine Willkommens-Atmosphäre zu spüren ist, Begegnungen möglich sind und wir mit Experimentierfreude lebensnahe Gottesdienste feiern können. Das hat einige Jahre gedauert und wir sind noch weiter auf dem Weg.

Der Glaube muss Ausdruck finden in der gemeinsamen Begegnung mit Gott.

Es gibt eine modern gestaltete Liturgie, ohne den sinnvollen Aufbau eines agendarischen Gottesdienstes komplett zu verwerfen. Das Thema des Gottesdienstes wird oft durch interaktive Elemente persönlich vertieft. Dass es dadurch konkret wird, hilft Menschen, Gott und den Gottesdienst als etwas zu erleben, was mit ihrem Leben zu tun hat. Bei der Musik wechseln sich je nach Anlass Orgel, E-Piano und Kirchenband ab – die Liedtexte werden immer über Beamer eingeblendet. Bessere Beleuchtung, eine Café-Bar, ein Kindertisch und eine lockerere Anordnung der Stühle unterbrochen durch Beistelltische bewirken, dass man sich willkommen fühlt und gerne vor und nach dem Gottesdienst hier Zeit verbringt. Das Miteinander im Gottesdienst setzt sich danach an der Bar fort, wenn der Alltag in den Blick kommt. Manche sprechen über die Predigt, andere treffen Verabredungen für die Woche, es finden Kennenlernen und Vernetzung statt, manch eine kurze seelsorgliche Begegnung hat Platz und es werden Ideen gesponnen rund um die Gemeindearbeit. Rund um den Gottesdienst verbinden sich Gott, Menschen und Ideen miteinander.

Wer zum ersten Mal oder seit langem mal wieder in unseren Gottesdienst kommt, ist teils verwundert oder positiv überrascht. Es ist auf eine ungewohnte Weise schön und lebendig. Doch es gibt auch Enttäuschung über so wenig Bekanntes, Vertrautes. Soll das „Evangelischer Gottesdienst“ sein, wie das Schild am Ortseingang es ankündigt?

Warum überhaupt steht auf den meisten dieser Kirchen-Wegweiser nur ein Hinweis auf den Gottesdienst? Es gibt doch viele Menschen, die nicht zuerst in einem Gottesdienst andocken und auftanken, sondern die Erzählrunde beim Seniorentreff genießen, den Spieleabend besuchen oder ihre Kinder gerne zum Bibelentdecker-Club bringen.

Ungeteilte Aufmerksamkeit

Kirche ist die Gemeinschaft von Menschen, die verbunden sind durch ihren Glauben an Gott. Dieser Glaube muss Ausdruck finden in der gemeinsamen Begegnung mit Gott. Unsere Gemeindeangebote unter der Woche verweisen alle mehr oder weniger auf Gott – bei manchen kommen sehr ausdrücklich Bibel, Gebet, Glaubens- und Lebensfragen zur Sprache, bei anderen ist es einfach das Gebäude, das den Rahmen schafft und zusammen mit engagierten Mitarbeitenden ein unaufdringliches „Herzlich Willkommen bei Kirche und bei Gott“ ausdrückt.

Aber keine dieser Veranstaltungen widmet Gott ungeteilt die Aufmerksamkeit, so wie es der Gottesdienst tut. Und daher müssen wir ihn unbedingt im Blick behalten als Herzstück und Kraftquelle. Denn die regelmäßige, gemeinsame, ungeteilte Ausrichtung auf Gott ist grundlegend für christliche Gemeinde. Durch das Feiern bekommen wir einen Vorgeschmack auf den Himmel. Und gleichzeitig wirkt der Gottesdienst in unseren Alltag hinaus, hinterfragt, stärkt und prägt ihn. Unser ganzes Leben soll Gottesdienst sein (Römer 12,1).

Ohne Gottesdienst verkümmert Kirche über kurz oder lang zu einem Projekt, das diese Welt aus eigener Kraft verändern will und über all dem die kommende Welt des Reiches Gottes aus dem Blick verliert. Es war nie eine Frage, ob sich Christen versammeln, um ihren Glauben auf Gott ausgerichtet zu teilen, aber wir sollten die Frage wachhalten in welcher Form wir es tun. Es gab Zeiten, da war ich selbst wenig überzeugt vom Gottesdienst als Herzstück. Aber im Rückblick muss ich sagen, dass es einfach an der Form der Gottesdienste lag. Dabei muss ja nicht einmal alles „Gottesdienst“ heißen, sondern kann auch als Gebetstreffen, Lobpreisabend oder Andacht dasselbe bieten: Gemeinsam in Gottes Gegenwart sein und ihn feiern – nur eben in verschiedenen Formen. Mit Stille und Gebet, mit mehr und anderer Musik oder nicht so lang wie der klassische Gottesdienst. Und seien es Neugründungen, klassische parochiale Kirchengemeinden, Freikirchen, Pionierprojekte, in Fresh Xs oder in innovative Start-Ups – als Kirche sind wir alle getragen, beflügelt und abhängig von Gott und verlieren so viel, wenn „Gottesdienst“ keine Rolle mehr spielt.

Gesucht: Kreative und lebendige Lösungen

Für unser Schild am Ortseingang werden wir eine Lösung finden – und noch viel mehr wünsche ich mir kreative, lebendige und lebensnahe „Lösungen“ für das, was unser Herzstück als Kirche ist: Gemeinsam bei Jesus Christus, dem Herrn der Kirche sein, und von ihm gestärkt und gesandt in der Welt leben (Markus 3,14). Wo unsere gottesdienstlichen Formate und Schilder verblasst sind, können Gottes Geist und begeisterte Gemeinden wieder Leben und Farbe hineinbringen.

Foto: Knut Burmeister

AUTORIN · AUTOR

Artikel teilen

Die gute Seilschaft: hak’ Dich ein!

Dir gefällt BASECAMP?
Dann werde Teil unserer Community!

3E ist Basecamp zum Anfassen

Du hättest eines der Dossiers gerne im Printformat, du willst einen Stoß Magazine zum Auslegen in der Kirche oder zum Gespräch mit dem Kirchenvorstand? Dann bestell dir die entsprechenden Exemplare zum günstigen Mengenpreis!