Gottesdienst „Feiermorgen“ – eine Herzensangelegenheit von Ehrenamtlichen

Gottesdienst „Feiermorgen“ – eine Herzensangelegenheit von Ehrenamtlichen

VON Lina Ellert

Veröffentlicht am: 6. Mai 20264,7 min Lesezeit893 WörterKategorien: Alle, Unterwegs, WanderroutenSchlagwörter: , , , , , , Aufrufe: 48

Einsparungen in Millionenhöhe, Pfarrermangel, schrumpfende Gemeinden: Die Zukunft der Kirche ist mild ausgedrückt: unklar. Viele Kirchen können es sich kaum mehr leisten, ihre Mitarbeiter zu bezahlen.

Eine Lösung zeigt uns die Ev. Versöhnungsgemeinde in Iserlohn: Ihr Gottesdienst „Feiermorgen“ wird nur von Ehrenamtlern geleitet. Und es funktioniert.
Ein Interview mit Pfarrer Kuno Klinkenborg.

Lina Ellert: Wie ist der „Feiermorgen“ entstanden?

Kuno Klinkenborg: Es gibt eine Reihe von Menschen in der Gemeinde, die gesagt haben: Der „normale“ agendarische Gottesdienst bringt uns nicht das für den Alltag, was wir eigentlich brauchen. Daraus entstand die Idee: Wir machen einfach selber einen Gottesdienst – erst als Parallelveranstaltung. Aber dann kamen nach einer Weile mehr Menschen zum „Feiermorgen“ als zum Hauptgottesdienst. Und jetzt nach 4 Jahren machen wir den zweiten Sonntag im Monat den Gottesdienst für die Gemeinde. Und wir haben viele Leute, die immer wieder kommen. Im letzten Monat etwas um die 180 BesucherInnen.

Warum zieht es die Leute hierher? Was ist das Besondere am „Feiermorgen“?

An sich ist das, was wir hier machen, nichts Besonderes. Wir sind ja nicht die Ersten, die Anbetungslieder machen. Aber: Wir machen das alles mit unseren ehrenamtlichen Kräften nebenbei. Ich bin zwar Pfarrer von der Profession, bin aber im oikos-Institut tätig und arbeite hier auch nur ehrenamtlich mit. Viele denken ja, ich bin der Leiter, weil ich auch Pfarrer bin, aber nein – bei uns gibt es keinen Leiter. Wir entscheiden miteinander und versuchen auch den Leuten etwas mehr Freiheit im Denken und Glauben zu lassen.

Ich glaube, die Menschen wollen eher Tiefgang, der in ihren Alltag spricht und keine hebräischen Urtexte analysieren.

Wie groß ist das ehrenamtliche Team?

Wenn man alle mit einrechnet, sind wir etwa 50 Leute, die sich engagieren. Manche seltener, andere regelmäßiger. Man kann hier auch mitarbeiten, wenn man nicht Mitglied in der Kirche ist.

Aber ihr habt ein gemeinsames Ziel?

Zum einen wollen wir in der Form möglichst einfach bleiben. Das ist eine große Arbeit für viele – das merke ich vor allem bei neueren Gottesdiensten. Diese werden dann oft von Gottesdienst zu Gottesdienst anstrengender, weil man immer versucht, das letzte Mal mit noch kreativeren Ideen zu toppen. Zum anderen versuchen wir mit dem rein ehrenamtlichen Gottesdienst das Prinzip des allgemeinen Priestertums zu leben. Wir sind – und da muss ich kurz den Theologen rausholen – an einem Punkt, an dem wir das Versprechen der Reformation einlösen müssen. In den letzten 20 Jahren hat sich viel geändert: Inzwischen haben wir so viele top ausgebildete Leute auch im Ehrenamt.

Funktioniert das bis jetzt ganz gut?

Ja, im Moment läuft eigentlich alles gut. Das Problem ist, das wir eigentlich mehr wollen, aber mit unseren Kräften an die Grenzen kommen. Es macht Arbeit. Es strengt an, aber es macht auch Riesenspaß. Ich merke, wie es allen immer eine Herzensangelegenheit ist. Natürlich gibt es hier und da auch mal Dissonanzen, aber die können wir miteinander aushalten, das finde ich super. Aber wir brauchen natürlich schon noch Leitungsstrukturen. Wenn wir alles miteinander diskutieren wollen, wird es irgendwann schwer, Entscheidungen zeitnah zu treffen. Bis jetzt kriegen wir das alles noch ganz gut hin, aber alle, die engagiert sind, sind meist noch an vielen anderen Stellen engagiert, in und außerhalb der Kirche. Das ist das Problem der Ehrenamtlichen.

Wir sind an einem Punkt, an dem wir das Versprechen der Reformation einlösen müssen.

Glaubst du, ein rein ehrenamtlicher Gottesdienst wäre eine Chance für die Zukunft?

Also für uns in Westfalen werden zukunftsperspektivisch 5.000 Gemeindemitglieder auf einen Pfarrer kommen. Wenn wir sagen, für 5.000 Gemeindeglieder machen wir einen Gottesdienst – wie soll man es da überhaupt noch schaffen, irgendeinen Menschen zu gewinnen? Dabei brauchen wir nicht weniger, wir brauchen viel mehr Gemeinden. Ich glaube, wir werden in Zukunft erleben, wie in vielen Gemeinden so etwas aufwächst, wie hier.

Was würdest Du zu der Meinung sagen, dass so ein Gottesdienst nicht ganz vollwertig sei oder nicht so eine theologische Tiefe erreichen kann wie ein Gottesdienst von geschulten Pfarrern?

(leidenschaftlich) Bullshit. Das ist einfach Quatsch. Ich würde sagen, unsere Predigten sind nicht unbedingt so bildungsbürgerlich. Aber von der Tiefe her stehen sie nicht zurück. Und hier predigen vor allem Menschen, die wirklich im Alltag stehen – als Theologen führen wir ja auch immer ein etwas anderes Leben als die ganz normalen Leute. Und ich glaube, die Menschen wollen eher Tiefgang, der in ihren Alltag spricht und keine hebräischen Urtexte analysieren. Wenn ich das will, kann ich auch ein Seminar machen.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

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