FreshX in Schwiizerdütsch
FreshX in Schwiizerdütsch
VON Tanja Kasischke
Eine Gemeinde ohne Pfarrperson ist eine Gemeinde mit Zukunft: Der Verlust Hauptamtlicher beschäftigt die Kantonalkirchen der Schweiz gleichermaßen. St. Gallen erprobt Gottesdienste ohne Predigt.
Seitdem der argentinische Präsident Javier Milei für seinen Reformkurs das Bild der Kettensäge formuliert hat, zuckt in St. Gallen niemand mehr zusammen. Als Pfarrerin Kathrin Bolt im Januar 2022 zur Kettensäge griff, fielen die Reaktionen noch heftig aus. Dabei galt ihre Aktion genauso der Reform. Allerdings zersägte sie eine Kanzel und fertigte daraus einen Tisch, an dem predigtfreie Gottesdienste gefeiert wurden. Ein starkes Stück.

Gabenorientiert Gottesdienst feiern
Entwarnung – in St. Gallen in der Nordostschweiz gibt es Pfarramt auch nach wie vor auf der Kanzel. Gleichzeitig investieren die Gemeinden der Kantonalkirche in neue Formen, weil sie wollen, weil sie müssen. Dass weniger Hauptamtliche auf vakante Pfarrstellen nachrücken, ist auch in der Schweiz der Fall. „Wir stellen uns auf post-volkskirchliche Zeiten ein“, beschreibt Uwe Habenicht. Christinnen und Christen (er-)lebten dann eine Gemeinschaft, in der „Nichtordinierte Verantwortung übernehmen und das Miteinander festigen“. Menschen dürften Kirchenräume nicht verschämt bewohnen.
Uwe Habenicht hat in St. Gallen die Sharing Community initiiert. Ganz im biblischen Sinn bildet er Ehrenamtliche aus, gabenorientiert Gottesdienste zu feiern: Männer und (etwas mehr) Frauen, mehrheitlich zwischen 30 und 50 Jahren mit unterschiedlichen Frömmigkeitsprofilen. Die Kurse sind ein Mikroformat, sie umfassen sechs Tage und vermitteln sowohl theologisch-liturgische Kenntnisse als auch seelsorgerliche und eine Menge praktischer Tipps. Ein Gottesdienst, findet der Theologe, wolle gefeiert sein. „Dafür braucht es einen Rahmen und einen Raum. Das klappt nicht im Wohnzimmer. Kirche redet anders.“ Diese „außeralltägliche Kommunikation“ habe Wert, „Gottesbegegnung geht nicht ohne Selbstbegegnung.“ Ohne Predigt schon. Den Gottesdienst gestalten drei Personen im Team: Eine kümmert sich um die Liturgie, die zweite um die Wort-Verkündigung, die dritte fasst den Raum seelsorgerlich ein – Ankunft und Aussendung der Gemeinde eingeschlossen. Die Schweizer freshX hat auch die Jury des Zwinglipreises für kirchliche Innovation überzeugt, den sie 2025 nach St. Gallen vergeben hat.
Sharing, das steht für Austausch, raus aus dem Monolog.
Sharing Community, geteilte Gemeinschaft, das ist ein biblisches Topos, es klingt aber nicht so. Uwe Habenicht versichert, dass nicht überall wo Bibel drin ist, Bibel draufstehen muss. Im Gegenteil solle der „eher unreligiöse Begriff die kirchliche Schwelle senken“, die Menschen empfinden, wenn sie an klassische Gottesdienste denken. „Sharing, das steht für Austausch, raus aus dem Monolog“, vergleicht er. In seiner Gemeinde St. Gallen-Straubenzell im Westen der Stadt läuft das Format gut und hat den institutionellen Rückhalt des Kirchenrats. Uwe Habenicht ist mit 40 Prozent Stellenanteil Gemeindepastor, daneben Beauftragter der Kantonalkirche für Gottesdienst und Liturgie (mit 60 Prozent).
Raus aus dem Monolog
Eine Position, die ihm Beinfreiheit und vor allem Zeit verschafft, seine Innovation zum Wachsen zu bringen. „Ich habe die Chance, am Hebel zu sitzen“, weiß er um dieses Privileg, das auch finanziell Schneisen schlägt. Förderanträge stellen kostet Zeit. Für ehrenamtlich Engagierte ist das häufig genau die Herausforderung zuviel, an der ein missionarisches Vorhaben scheitert. Während der Pastor den Teams für die Verkündigung zurüstet, stärkt er ihnen operativ den Rücken. Ein starkes Jahrzehnt bis zum Ruhestand liegt noch vor Uwe Habenicht, „dadurch habe ich keinen Zeitdruck. In zehn Jahren läuft das Ganze, und wir sind früher dran“. Gegenwärtig erweitert die Sharing Community ihr Feld: Es gibt schon Pfarrerinnen aus der Kantonalkirche, die Kursmodule durchführen, etwa im 20 Kilometer entfernten Appenzell. In der (deutschen) evangelischen Landeskirche im Rheinland hat Uwe Habenicht Pfarramtskolleginnen und -Kollegen aus dem Sprengel Düsseldorf fortgebildet. Ein Heimvorteil, der in der Schweiz entfällt, dort gilt die Teilnahme nur denen, die nicht ordiniert sind.
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AUTORIN · AUTOR
Dr. phil. Tanja Kasischke war Redakteurin des Reformationsblogs „Mensch, Martin!“. Seitdem berichtet sie über Themen der missionarischen Gemeindeentwicklung, der Öffentlichen Theologie und wie Kirche den Wechsel von der sprachlosen Parochie zum ansprechenden Netzwerk meistert. Sehr begeistert ist sie von der Wiederentdeckung des prophetischen Amts als Teil der apostolischen Dienstgemeinschaft. Sie lebt in Berlin.

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