Zwischen Taufstein und Trommelwirbel

Zwischen Taufstein und Trommelwirbel

VON Carsten Heß

Veröffentlicht am: 24. Februar 20266,4 min Lesezeit1274 WörterKategorien: Unterwegs, KompassSchlagwörter: , , , Aufrufe: 32

Eine liebevoll-satirische Hochglanz-Reportage aus der fröhlichen Vielfalt real postulierter Taufgemeinden

Zunächst dies – und zwar ohne Ironie, ohne Augenzwinkern und ohne doppelten Boden: Wir als Kirchenleute freuen uns über jede einzelne Taufe! Wirklich. Wahrhaftig. Von Herzen. Wir freuen uns, wenn Eltern – und oft mit ihnen Großeltern, Patinnen und Paten, Geschwistern, Cousinen und Cousins, Schwippschwagern, Freundinnen und fernen Familienfraktionen – mit ihren Kindern zu uns kommen. Wir freuen uns, weil hier Menschen ihr Kind bewusst unter das große Ja-Wort des dreieinigen Gottes stellen. Weil sie ihr Kind in eine Verheißung hineinlegen, die größer ist als jede Lebensplanung, jede Bildungsbiografie und jede Versicherungsmappe.

Wir freuen uns, weil der Taufauftrag nicht aus einem kirchlichen Sitzungsprotokoll stammt, sondern aus dem Mund von Jesus selbst: „Geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Und siehe, ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ (Matthäus 28,19+20) Jede Taufe ist ein Fest. Ein Sakrament. Ein heiliger Moment. Ein theologischer Wellenbrecher – stärker als jedes Wasserkraftwerk.

Wenn liturgische Lebenserfahrung leise läutet

Und ja: Wir sind dankbar für jedes Kind, das getauft wird. Für jede Familie, die diesen Weg geht. Für jeden Gottesdienst, der durch eine Taufe heller, heiterer und hoffnungsvoller wird. Das hier ist also keine Abrechnung. Es ist eine liebevolle Lagebeschreibung. Mit liturgischer Leidenschaft und leisem Lach-Luxus. Bei aller Freude gibt es da diese zarte innere Bewegung, dieses subtile sakramentale Schaudern, dieses pastoral-pädagogische Pulsieren, wenn mehrere Kinder aus vielfältigen Familien im selben Gottesdienst getauft werden sollen. Es ist kein Misstrauen. Keine Missgunst. Keine Missionsmüdigkeit. Es ist eher ein liturgisch geschulter Instinkt. Eine sakramentale Sensorik. Eine kirchliche Krisenkompetenz. Man weiß: Viele verhalten sich vorbildlich! Aufmerksam. Andächtig. Anteilnehmend. Aber man weiß eben auch: Manchmal geht es – sagen wir – kreativ, kommunikativ, klangvoll, körperlich oder auch komplett ins Karikative. Und genau hier beginnt unsere freundlich-satirische Feldforschung im Faszinations-Forst fröhlich-florierender Familienfrömmigkeit.

Klimper, Klapper, Gloria und Gastfreundschaft

Kaum hat die Orgel zum Eingangslied angesetzt, beginnt aus reservierten Reihen so etwas wie ein richtig reichhaltiges Klimper-Klapper-Rassel-Risoluto: Irgendjemand – stets mit bester Absicht und bewundernswerter pädagogischer Hoffnung – hat dem Täufling oder anderen U4-Temperamenten einen Schlüsselbund zugespielt, der klanglich irgendwo zwischen mittelalterlicher Mythologie, ganzheitlich geschichtsträchtigem Glockenspiel-Genuss und konspirativ kuriosem Keramik-Klangkörper-Konzert kandidiert. Der Schlüsselbund wird gekonnt gebraucht. Geschleudert. Gekostet. Gesammelt. Geschwenkt. Oder: Talentvoller Trommelwirbel tönt auf tiefbraunen Tannenholzbänken. Der Täufling lächelt selig. Die Gemeinde lauscht leidend. Die Organistin leidet lauschend. Die Pfarrperson denkt flüchtig über spontane Transformation in Richtung Jungscharstunden-Style nach. Oder an ortsunabhängige Open-Air-Offensiven: Kreativ-Realitäten statt Kirchenraum-Regularien – im Sinne von: Kirche geht auch hier mehr und mehr RAUS zu den Menschen. Hauptsache die bärenstarke Botschaft begeistert durch bestes Bewegtsein! Schon gleich könnte sich aber erstmal Weiteres bewegen: nämlich jene Spielzeuge, die von Marketing-Abteilungen offenbar ausschließlich nach dem Kriterium „maximale akustische Penetranz bei minimaler Haltbarkeit“ entworfen wurden: Quietschtiere. Knisterbücher. Krachklötze. Spielzeugautos mit Sirenenfunktion. Man wartet eigentlich nur noch auf die erste digitalgesteuerte Drohne, die während der Fürbitten über dem Altar kreist und simultan zum Segen knallig-kreatives Konfetti krümelt.

Schwätzen, Schnattern, Smalltalk-Salven

Und selten mögen auch Gäste glauben, ein Gotteshaus genießen zu können, indem sie es versehentlich mit einem Café ohne Speisekarte und ohne WLAN verwechseln. Man setzt sich, schaut sich um – und startet ein konspiratives Konversations-Konzert: Urlaubspläne. Heizkosten. Inflation. Thermomix. Immobilienpreise. Plus die Frage, ob nach dem Gottesdienst doch erst mal auf den Anlass angestoßen werden könnte. Während von vorne Gottes kreative Bundestreue verkündigt wird, wird weiter hinten die Tariftreue zum neuesten Smartphone-Modell diskutiert. Die Lautstärke variiert zwischen verschwörerischem Flüstern und starkem Stammtisch. Gelegentlich krönt ein klar artikuliertes: „Wo kann man denn hier mal gepflegt die Nase pudern? Ich halt’s sonst nicht bis zum Amen durch.“

Der Täufling lächelt selig. Die Gemeinde lauscht leidend.

Kinder sind ein Segen. Theologisch unbestritten. Dogmatisch unangreifbar. Pastoral unkündbar. Aber liturgisch – sagen wir: eine Herausforderung mit hoher Mobilitäts-Motivation. Während die Gemeinde das Glaubensbekenntnis gelobt, startet im Seitenschiff B die Leichtathletik-EM der Altersklasse U6. Zwei Kinder jagen einander zwischen Kanzel und Taufstein. Ein drittes rollt einen taktsicheren Traktor durch den munteren Mittelgang. Ein viertes liegt bäuchlings unter der ersten Bank und untersucht die Statik des Gestühls. Ein Vater versucht mit stoischer Sanftmut pädagogische Präsenz zu simulieren. Eine Mutter verhandelt flüsternd mit einem Dreijährigen über existentielle Fragen der Gummibärchen-Ethik. Niemand verlangt kontemplative Starre. Niemand fordert klösterliche Körperdisziplin. Aber es hält sich diese holde Hoffnung, dass es zwischen freier Wildbahn und mittelalterlicher Klosterschule noch eine dritte Option geben könnte.

Das Smartphone – Hostie der Hosentasche

Unverzichtbar ist der kommunikativ-ablenksichere Konkurrenz-Altar: das Smartphone. Manche halten es wie einen Rosenkranz. Andere tippen während der Taufliturgie mit der Hingabe eines Börsenhändlers im Basar. WhatsApp. Instagram. Candy Crush. Kalender. Kleinanzeigen. Vieles scheint dringlicher als die Aufnahme eines Menschen in die Gemeinde Jesu Christi. Neulich sah man jemanden eifrig (mit-)schreiben. Nicht die Predigt. Nicht das Glaubensbekenntnis. Sondern eine Einkaufsliste: Milch. Marmelade. Butter. Brot. Windeln. Wein.
Unvergessen unerreichbar bleibt jedoch jener Großvater, der – wohl wetterbedingt – beim Vaterunser diskret schon mal seine Zigarette zündete. „Und vergib uns unsere Schuld …“ – Ffffft. – „… wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“ – Ziiisch. – Wir waren versucht, ihm ein Weihwasser-Feuerzeug zu reichen. Aber wir sind ja evangelisch. Ein eigenes Kapitel verdienen die Fotografinnen und Fotografen. Die Lautlosen, die in spiritueller Demut um den Taufstein schleichen – und die anderen. Mit Blitz. Mit Stöckelschuhen. Mit Glattlederbesohlung. Mit dem unerschütterlichen Glauben, dass dieser eine wichtige Winkel den theologischen Tiefgang der Taufe noch mehrdimensionaler macht. Sie knien. Sie rennen. Sie robben. Sie stehen bereit am Beckenrand. Einmal knallte eine Kamera treffsicher ins Taufwasser. Die Taufe war gültig. Die Kamera nicht.

Während die Gemeinde das Glaubensbekenntnis gelobt, startet im Seitenschiff B die Leichtathletik-EM der Altersklasse U6.

Nun wäre es unfair zu unterstellen, die Kirche täte nichts. Es gibt Mitmach-Momente. Werkzeuge zum liturgisch-„mithelfenden“ Wasserschöpfen im Gottesdienst. Segens-Symbole. Einfache Erklärungen in erträglicher Echtzeit. Was es seltener gibt: schalldichte Glasboxen mit Espressomaschine, Kindersicherung und konfessionell neutralem Netflix-Account. Man arbeitet also mit dem, was man hat: Mit Gottes geduldiger Gnade. Mit harmonisch hartnäckigem Humor. Mit leidenschaftlich lebensnaher Liturgie.

Der diplomatische Deal zur Dämpfung der Dauerbeschallung

  • Vielleicht – nur vielleicht – könnte man sich für diese 50 Gottesdienst-Minuten auf ein kleines Kultur-Abkommen einigen:
  • Spielzeuge, die lauter sind als die Orgel, bleiben draußen.
  • Gespräche werden auf’s maßgeschneidert bestellte Mittags-Büffet vertagt.
  • Kinder dürfen Kinder sein – aber möglichst nicht als Formel-1-Piloten im Mittelgang.
  • Handys verweilen im Flugmodus oder wenigstens in sakramentaler Selbstdisziplin.
  • Fotografierende flanieren eher wie im meditativen Museum, weniger im lebhaft-vergnügt-filmreifen Las-Vegas-Feeling.

Die Taufe ist ein Fest. Ein heiliges, fröhliches, und auch zutiefst menschliches Fest. Sie verträgt Leben. Sie verträgt Lachen. Sie verträgt sogar gelegentliches Chaos. Aber sie verträgt es besonders gut, wenn wir uns für einen Moment erinnern: Hier geht es nicht nur um Fotos, stolze Großeltern und das perfekte Kleid.

Hier geht es um Wasser des Lebens. Um Zuspruch. Um Verheißung. Um Fenster zum Ewigen. Und um einen winzigen Menschen, der – völlig ahnungslos – gerade in eine jahrtausendealte Geschichte hineingetauft wird, die vielleicht ein klein wenig mehr Aufmerksamkeit verdient als ein Schlüsselbund in Chrom-Optik.

Titelbildmontage lummi.ai / Julia Michelle auf Unsplash

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