„Wir sollten mal …“
„Wir sollten mal …“
VON Katharina Haubold
Warum einfach machen in der Kirche nicht einfach ist. Und es sich trotzdem lohnt.
Es klingt so leicht und ich selbst habe es auch oft postuliert: Wir müssen einfach mal machen. Nicht alles zerreden – Nicht meinen, wir könnten am Schreibtisch und mit ausführlichen Analysen Ideen und Lösungen für komplexe Probleme finden. Stattdessen: losgehen, experimentieren, ausprobieren. Und dann mit Fehlerfreundlichkeit evaluieren, überarbeiten, was nicht gut gelaufen ist, uns Schritt für Schritt in neue Formen des Kirche-Seins handeln.
Einfach machen: In der Theorie 1a
Ich spüre zunehmenden Frust, wenn ich in kirchliches Handeln eingebunden bin, wo wir nicht miteinander ins Handeln kommen. Bisweilen habe ich den Eindruck: In Kirche reden wir erstaunlich gern über Veränderung, reflektieren und begründen sie theologisch, strategisch, organisational – solange sie theoretisch bleibt. Einfach mal machen! Ich glaube wirklich, dass das ein viel stimmigerer Weg für Kirche und gemeindliche Formen in unseren derzeitigen Bedingungen ist, als zu lange zu warten, nicht loszulassen oder zu meinen, Veränderungen könnten ohne Ausprobieren und Vorantasten gestaltet werden. Eine erkenntnisreiche Sehhilfe war in den letzten Jahren an dieser Stelle für mich das „Cynefin-Framework“. Für Wissensmanagement entwickelt lädt Dave Snowden dazu ein, Situationen und Herausforderungen zunächst anhand der Kriterien einfach, kompliziert, komplex und chaotisch einzuschätzen. Auf den Bereich der Kirchenentwicklung übertragen lässt sich für viele unserer Herausforderungen festhalten: Wir bewegen uns im komplexen Terrain. Das bedeutet: Wir können die Wirkung von unseren Handlungen kaum bis gar nicht vorab antizipieren. Es braucht das „einfach machen“, um überhaupt in Analysen und neue Erkenntnisse – rückwirkend – einsteigen zu können. Vielen ist das bewusst – mit oder ohne Sehhilfe des Cynefin-Frameworks. Und doch bleiben Fragen des „Wie?“ oft so offen, dass eben nicht einfach gemacht wird.
In Kirche reden wir erstaunlich gern über Veränderung, reflektieren und begründen sie theologisch, strategisch, organisational – solange sie theoretisch bleibt.
- Wie finden wir heraus, was wir ausprobieren wollen?
- Wie lassen wir manches los, damit Freiraum fürs „einfach machen“ entsteht?
- Wie gehen wir mit der Ungewissheit und der Unsicherheit um, wenn wir wirklich etwas ausprobieren, dass für uns neu und ungewohnt ist?
- Wie sind wir barmherzig mit uns und anderen, wenn etwas nicht gelingt, gehen mit Enttäuschungen und bitterem Lehrgeld um, vielleicht sogar mit Scham?
- Wie finden wir Formen, die nicht verleugnen, wer wir sind, woher wir kommen und was uns wichtig ist, und die gleichzeitig in eine neue Zukunft führen, in der uns Gottes Geist vielleicht frisch und überraschend begegnet?
Und hindern nicht schon all diese Fragen daran, es zu tun, das „einfach mal machen“? Öffne ich mit dem Stellen dieser Fragen nicht eine neue Schleife der „Theorie-Diskussion“, des „Sich-Um-Sich-Selbst-Drehen“ und am Ende im „Bisherigen-Verhaftet-Bleiben“? Ja. Manchmal. Natürlich führen uns Fragen dieser Art zunächst wieder in eine Beschäftigung mit uns selbst. Aber noch häufiger lähmt das Gegenteil: Fragen, die nie gestellt werden, Zweifel, über die niemand spricht, und Erwartungen, die im Raum stehen, ohne benannt zu werden.
Entscheidungsgremien, Teams und Pionier*innen in Kirche brauchen einen (begrenzten) Rahmen, in dem diese Fragen existenziell gespürt werden und miteinander um sie gerungen wird, damit „einfach machen“ tatsächlich möglich wird.
Einfach machen als Christusnachfolge
Warum ist „einfach machen“ an nur so wenigen Stellen in kirchlichen Kontexten als geistliche Grundhaltung zu spüren? Bei allem Wunsch nach Qualität und Verantwortungsübernahme frage ich mich, wie kirchenentwicklerische Prozesse aussähen, wenn ein Grundnarrativ z.B. die Begegnungen aus Lukas 9,57-62 wären. Wir werden in drei kurze Begegnungen zwischen Jesus und Menschen hineingenommen. Es sind Menschen, die mit Jesus unterwegs sein wollen oder die Jesus in seine Nachfolge ruft. Und alle haben Gründe, warum „einfach machen“ schwer, gerade oder vielleicht komplett unmöglich ist. Sehr gute Gründe sogar.
Warum ist „einfach machen“ an nur so wenigen Stellen in kirchlichen Kontexten als geistliche Grundhaltung zu spüren?
Und als sie auf dem Weg waren, sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du gehst. Und Jesus sprach zu ihm: Öffentliche Körperschaften und Vereine haben ein Konto und können Verträge aufsetzen; aber der Menschensohn lebt ohne Geldbeutel und kann sich nicht absichern.
Und er sprach zu einer anderen: Folge mir nach! Die sprach aber: Jesus, erlaube mir, dass ich vorher noch die Predigt für den Gottesdienst zu Ende vorbereite, die Kindergruppe anleite und die Fusion plane. Er aber sprach zu ihm: Ist das wirklich das, was jetzt gerade dran ist, um hinzugehen und das Reich Gottes zu verkündigen?
Und ein anderer sprach: Jesus, ich will dir folgen, aber erlaube mir zuvor, dass ich allen erkläre, warum es nötig ist, dass wir dieses Gebäude veräußern und nur noch an einem Standort Gottesdienst feiern. Jesus aber sprach zu ihm: Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes. Einfach machen!?
Mit jedem Abschnitt mehr türmen sich die Widerstände in mir auf. Und Begründungen, warum diese Begründungen (und viele mehr) sehr nachvollziehbar sind und Jesus an der kirchlichen (und verantwortungsbewusst-leitenden) Realität vorbei spricht. Natürlich sind das keine trivialen Aufgaben. Predigten müssen vorbereitet werden. Strukturen müssen verantwortungsvoll gestaltet werden. Und doch stellt Jesu Ruf in die Nachfolge immer wieder eine unbequeme Frage: Was ist jetzt wirklich dran?
Einfach machen – als geistlicher Prozess
Und was wäre, wenn wir kirchliche Prozesse so gestalten würden, dass diese Widerstände ausgesprochen werden dürfen – und wir gleichzeitig durchlässig bleiben für Jesu Ruf in die Nachfolge und das überraschende Wirken der Geistkraft?
Ich glaube, wir brauchen diese völlig gegen den kirchlichen Strich gebürstete Unterbrechung. Jesus, der immer wieder neu unverschämt in eine Nachfolge ruft, die unsere Sicherheiten, Handlungslogiken und Bequemlichkeiten in Frage stellt.
Und uns gleichzeitig verantwortungsvoll miteinander umgehen lässt. Einfach machen, bedeutet nicht, die einen im Regen stehen zu lassen, ihr bisheriges Engagement abzutun und uns in leichtfertiges Handeln zu stürzen. Einfach machen, öffnet uns den Blick für die Frage: Was ist jetzt wirklich dran. Und was nicht (mehr). Und das, meine ich, können wir da miteinander erspüren und er-handeln, wo wir uns auf geistliche Prozesse miteinander einlassen. Vielleicht müssen wir zunächst neue Formen des miteinander Leitens einüben, bevor wir „einfach machen“ können. Unsere Leitungslogiken stehen uns dafür mehr im Weg, als dass es uns an Ideen mangelt.
Ein kleines Beispiel aus dem Erprobungsraum „Mütopia“ in Köln-Mülheim. Nach zwei Jahren ohne eigenen Raum, bezogen wir mit einer kleinen gewachsenen Community ein ehemaliges Ladenlokal. Und schnell war klar: Wir brauchen eine Küche.
Einfach machen: Küche Marke Eigenbau
Einer unserer Grundsätze lautet: Nie für einander, sondern immer miteinander. Also kamen alle, die Lust hatten, am gemeinsamen Küchenprojekt mitzudenken und Entscheidungen zu treffen, zusammen. Um nicht ganz unvorbereitet da zu stehen, brachten wir Organisator*innen des Abends unterschiedliche Bilder von Küchen mit, sodass wir uns gut austauschen könnten. Ohne es zu reflektieren, dachten wir: Heute Abend entscheiden wir, in welche Richtung es gehen soll, in den nächsten Tagen klären wir die Finanzierung und dann bestellen wir die Küche, sodass sie hoffentlich bald eingebaut werden könnte. Wir wussten, wo wir gemeinsam hinwollten: Eine Küche sollte es werden. Doch was das konkret bedeuten würde, dazu gab es eine große Offenheit für den Prozess, unterschiedliche Stimmen und die Überzeugung: Die heilige Geistkraft wird mit ihrer Inspiration wirksam sein. Am Ende des Abends hatten wir uns nicht für ein Modell entschieden. Wir waren der Lust und Begeisterung gefolgt, dass wir die Küche selbst bauen würden. Aus Ytong-Steinen (Porenbeton). Einer hatte ein YouTube-Tutorial gesehen. Niemand von uns hatte damit Erfahrung. Lange wussten wir gar nicht, wie wir anfangen sollten. Aber wir hielten die Idee wach. Das war richtig schwer. Und auf wundersame Weise fanden sich Menschen, die zur rechten Zeit, Verantwortung übernahmen, miteinander kreativ Probleme lösten. Und sich wagten, etwas wirklich zum ersten Mal zu tun. Einen ganzen Sommer bauten wir. Manche kamen, um einfach ihr Feierabendbier miteinander zu trinken, wir lernten mörteln und verputzen. Es gab heiße Diskussionen und immer wieder Flow. Wir konnten selbst nicht glauben, dass wir wirklich gemeinsam eine Küche gebaut haben. Und sehen im Rückblick, was es für uns als Gemeinschaft bedeutet hat, wie viel Raum es für Miteinander, Austausch und Leben-Teilen gab und dass wir zusammen Wunder erlebt haben. Auf eine Weise waren die Küchen-Bau-Abende Gottesdienste für mich. Mit Gemeinschaft, Teilen der Höhen und Tiefen des Lebens, aufeinander und auf Gott hören, gestärkt werden für die anderen Teile des Alltags. Niemand von uns würde sagen, dass das einfach war. Im Gegenteil. Viel einfacher wäre es gewesen, eine Küche zu bestellen (und vermutlich auch günstiger). Und trotzdem haben wir einfach gemacht. Schritt für Schritt. Eine Herausforderung nach der anderen. Wenn ich heute etwas in den Ofen schiebe, kann ich nur staunen. Und sagen: Einfach machen lohnt sich. Auch wenn es nicht einfach ist.
Photo by Ketut Subiyanto
AUTORIN · AUTOR
Katharina Haubold arbeitet als Koordinatorin für Evangelisation und Missionarische Netzwerke bei der Vereinten Evangelischen Mission und engagiert sich ehrenamtlich bei Mütopia, einer Fresh X im Kirchenkreis Köln-Rechtsrheinisch. Sie ist bewegt von der Sehnsucht, Verbundenheit mit Gott und einander zu erleben.

Die gute Seilschaft: hak’ Dich ein!
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