Kirchentüren auf für Social Coworking

Kirchentüren auf für Social Coworking

VON Rüdiger Jope

Veröffentlicht am: 6. März 202616 min Lesezeit3058 WörterKategorien: Alle, Dossiers, Social CoworkingSchlagwörter: , , , , , Aufrufe: 23

Coworking in Kirchen ist eine neue Form des kreativen Zusammenarbeitens mitten in kirchlichen Räumen, manchmal sogar neben Taufstein und Altar. Doch wie sieht der Ist-Zustand aus? Was sind die Schönheiten, aber auch Klippen der Arbeit?

Nachgefragt bei Antonia Schneider, „AnknüpfBar“ Böblingen, Spiro Mavrias, „Blau 10“ Zürich, Edith Chassein, „Kairos13“ Karlsruhe und Rahel Reichelt, „Villa Gründergeist“ Frankfurt/Main.

Was macht euern Coworking Space „kirchlich“ – sind es die Menschen, der Ort oder die Werte, die hier gelebt werden?

Spiro: Was unser Blau 10 Coworking „kirchlich“ macht, ist eine wunderbare Kombination aus allem, was erwähnt wurde – den Menschen, dem Ort und vor allem den Werten, die hier täglich gelebt werden. Im Blau 10 orientieren wir uns an christlichen Grundwerten wie Nächstenliebe, Gemeinschaft und Verantwortung füreinander. Das zeigt sich konkret darin, wie wir miteinander umgehen – respektvoll, unterstützend und mit einem offenen Ohr für die Bedürfnisse anderer. Wir schaffen bewusst Raum für Begegnung und gegenseitige Unterstützung. Es gibt auch niedrigschwellige Angebote wie beispielsweise den Segensautomaten.

Edith: Kairos13 liegt günstig mitten in der Stadt, zentral in der Nähe des Marktplatzes im Gemeindehaus der Alt- und Mittelstadtgemeinde. Kairos13 ist in die Gemeinderäume der Stadtkirche eingebettet und insofern räumlich eng mit der innerstädtischen Kirche verknüpft. Das Logo ist schon von weitem zu sehen, wenn man auf das Gemeindehaus zuläuft, der Eingang zum Coworking Space erfolgt über das Gemeindehaus. Zur Gemeinde gehören auch die Stadtkirche und die Kleine Kirche. Ein Highlight in den warmen Monaten sind die zusätzlichen Arbeitsplätze auf der Empore der Kleinen Kirche, unweit der eigentlichen Kairos13 Räume. Wir nennen das Co-Churching.

Edith, Rahel, Spiro, Antonia

Gemeinschaft auf Augenhöhe

Rahel: Wir sind ein Coworking-Space in katholischer Trägerschaft und leben in der Villa Gründergeist in einer Haltung, die wir aus dem Evangelium ableiten, denn wir halten die Botschaft Jesu für eine wichtige Impulsgeberin. “Kirche” ist nach unserem Verständnis kein abgeschlossener Raum, sondern gelebte Praxis. Konkret bedeutet das für uns, dass wir in der Villa ein freundschaftliches und solidarisches Miteinander pflegen, uns um eine Community auf Augenhöhe bemühen und Räume für Menschen öffnen, die an ähnlichen gesellschaftlichen Zielen arbeiten.

Antonia: Kirchlich ist bei uns primär die Grundhaltung, auf der unser Coworking Space und auch unsere Gastfreundschaft beruht. Wir verstehen uns als ein Ort, der allen Menschen dient und sie in ihrer aktuellen Lebenssituation unterstützt, völlig unabhängig von Alter, Verdienst, Herkunft – und auch Religion oder Glaube. Zudem sind wir Teil eines „kirchlich-sozialen Campus“ hier in Böblingen – die Gesamtkirchengemeinde, die Caritas, die Betriebsseelsorge, sowie die Evangelische Stadtkirche, der Kirchenbezirk, und der Tafelladen sind alle im Umkreis von wenigen Metern gebündelt.

Eindrücke: Villa Gründergeist, Frankfurt / Main

Spiro: Es sind letztlich die Menschen, die den Unterschied machen – sowohl die Coworker als auch wir als Betreibende – die diese Werte mit Leben füllen. Hier arbeiten Menschen unterschiedlicher Konfessionen und Weltanschauungen zusammen, die aber alle die Offenheit und den respektvollen Umgang schätzen, der hier gepflegt wird. Das „Kirchliche“ zeigt sich also weniger in religiösen Vorschriften, sondern vielmehr in einer Haltung des Miteinanders, die von christlichen Werten inspiriert ist, aber alle Menschen willkommen heißt.

Edith: Als kirchlicher Coworking-Space verfolgen wir zwei Ziele: Zum einen möchten wir als Kirche sozial-nachhaltiges Engagement fördern, zum anderen einen neuen kirchlichen Ort schaffen für Menschen, die sonst kaum oder keine Kontaktflächen zu Kirche haben. Dies geschieht sehr niedrigschwellig und ganz automatisch darüber, dass Coworking unter dem Dach von Kirche stattfindet, verbunden mit der Präsenz kirchlicher Mitarbeiter vor Ort. Kairos13 ist Kirche. Kirche vollzieht sich genau in dieser Sozialform des Coworking. Die Haltung ist entscheidend. Unser Mindset entspricht dem von „Kirche im Dialog“, zum dem uns die Nordkirche inspiriert. Im Kairos13 will Kirche milieusensibel in einen Dialog mit den Coworker:innen treten. Welche Impulse können wir als Kirche dadurch bekommen? Was verbindet uns? Was können wir als Kirche anbieten?

Welche Zielgruppe wollt ihr ansprechen: kirchlich Engagierte, Sinnsuchende oder einfach gute Nachbarn mit Laptop und Ideen?

Spiro: Wir möchten im Blau 10 bewusst alle diese Gruppen ansprechen. Kirchlich Engagierte finden bei uns einen Ort, der ihre Werte widerspiegelt und wo sie sich mit Gleichgesinnten vernetzen können. Sinnsuchende Menschen sind herzlich willkommen, denn unser Coworking bietet Raum für Reflexion und Austausch über das, was wirklich wichtig ist. Die Atmosphäre lädt dazu ein, nicht nur geschäftlich erfolgreich zu sein, sondern auch über den Sinn der eigenen Arbeit nachzudenken. Für gute Nachbarn mit Laptop und Ideen wollen wir ein Ort sein, der die lokale Gemeinschaft stärkt. Freelancer, Start-ups, kleine Unternehmen und alle, die flexibel arbeiten möchten, finden hier nicht nur einen Arbeitsplatz, sondern auch echte Gemeinschaft.

Gemeinsam Zukunft gestalten

Rahel: Wir sind davon überzeugt, dass sich die drängenden Fragen der Gesellschaft und der Welt, in der wir leben, nur gemeinsam lösen lassen. Deshalb sind wir ein Ort für Zukunftsgestalter:innen: an erster Stelle für Sozialunternehmer:innen, also für Menschen, die ein gesellschaftliches Problem unternehmerisch lösen wollen. Ebenso bieten wir Vernetzungsmöglichkeiten und Raum für Menschen, die Kirche neu und weiter denken wollen.

„Sinnsuchende Menschen sind herzlich willkommen, denn unser Coworking bietet Raum für Reflexion und Austausch über das, was wirklich wichtig ist.“

Edith: Wir möchten vor allem Menschen Raum geben, die sich in einem weit gefassten kirchlichen Wertekosmos engagieren und sich für Nachhaltigkeit, Soziale Verantwortung, Diversität und Inklusion, Glaube, Hoffnung & Liebe einsetzen. Das können Mitarbeiter von Start-ups, NGOs oder anderen Organisationen sein, Studierende oder freiberuflich Engagierte. Auch Menschen, die etwas Neues starten wollen oder Menschen, die einen Raum außerhalb ihrer vier Wände brauchen, sind herzlich willkommen. Uns ist es wichtig, diese Werte nicht nur nach außen zu tragen, sondern auch von innen heraus zu leben. So wurde ein maßgeblicher Teil der Einrichtung von einer Schreinerei gebaut, die Menschen mit Fluchterfahrung eine Ausbildung ermöglicht. Fast alle weiteren Möbelstücke wurden gebraucht gekauft, upgecycelt oder gespendet und es gibt ein Hochbeet vom Refarm im Innenhof. Als kirchlicher Coworking-Space sind wir vielleicht etwas kleiner als manch anderer säkularer Coworking Space, dafür sind wir aber auch familiärer. Man kennt sich und fühlt sich schnell zu Hause, hier herrscht Wohnzimmeratmosphäre im besten Sinne.

Antonia: Unsere Fokusgruppe sind junge Menschen im Sozialraum, die Lust haben „anzuknüpfen“. Sei es, weil sie einsam sind, weil sie keine guten Rahmenbedingungen oder Infrastruktur zu Hause haben, oder ihnen allein die Struktur fehlt. Wir sprechend besonders diejenigen an, die von sich aus schon Interesse an „Mehr“ haben, denen die soziale Komponente wichtig ist oder die gerade etwas Unterstützung oder schlichtweg einen Raum für konzentriertes Arbeiten oder Lernen brauchen.

Eindrücke: Kairos13, Karlsruhe

Wie verbindet ihr Spiritualität mit der Arbeitspraxis – gibt es feste Rituale, stille Zonen oder offene Gesprächsformate?

Edith: Wir starten in die Woche mit einer 10-minütigen „Monday-Meditation“ um 9:15 Uhr, zu der alle eingeladen sind, die Teil der Community sind oder einfach so neugierig. Abgesehen davon gibt es keine festen spirituellen Angebote. Wir verstehen uns im Sinne einer Barrierefreiheit bewusst nicht als primär „christlicher“ Coworking-Space. Spiritualität und Glaube stehen in der Kommunikation nach außen nicht im Fokus des Coworking Space, um offen für alle zu bleiben. Dennoch entstehen immer wieder religiös motivierte Gespräche oder Seelsorgegespräche in der Kaffeepause.

Gottesbegegnung in der Kaffeepause

Rahel: Für viele, die hier ein und aus gehen, ist ihr Glaube die Motivation für ihr sozialunternehmerisches Tun. Spiritualität ist unserem Verständnis nach nicht nur ein in Rituale gegossenes Tun, sondern drückt sich auch im Zusammenleben aus, darin, wie wir uns begegnen und miteinander umgehen. Neben dieser gelebten Spiritualität im Alltag gibt es bei uns einen als Rückzugsraum gestalteten Meditationsraum, der allen offensteht und rege genutzt wird.

„Man kennt sich und fühlt sich schnell zu Hause, hier herrscht Wohnzimmeratmosphäre im besten Sinne.“

Antonia: Es gibt kleine spirituelle Angebote, wie zum Beispiel die „Espresso-Karten“ an der Kaffeemaschine oder „Vitamine für die Seele“ in unserer Ruhe-Ecke. Darüber hinaus finden in den Mittagspausen oder Zwischendurch teils sehr intensive und auch seelsorgerliche Gespräche mit den Coworkenden statt. Unsere Angebote, und damit auch wir als personelles Angebot – sind da, für alle, die Interesse haben. Zudem gibt es niederschwellige spirituelle Angebote, wie unser „Soulful Singing“ einmal im Monat mit spirituellen Texten und Liedern passend zum Jahreskreis.

Welche Wirkung beobachtet ihr bei den Nutzerinnen und Nutzern – wird hier nur gearbeitet oder auch Gemeinschaft gestaltet?

Spiro: Wir haben 2025 eine interne Umfrage unter den Mitgliedern gemacht und die Rückmeldungen waren sehr gut: 75% haben, nach dem sie jetzt Mitglied sind, eine ganz andere Meinung zu Kirche. Viele Menschen finden hier einen Rahmen, in dem sie nicht nur produktiv sind, sondern auch über den Sinn ihrer Arbeit nachdenken können. Das schafft eine andere Qualität des Arbeitens.

Antonia: Der Fokus liegt selbstverständlich auf der Arbeit. Dennoch passiert auch viel drumherum, wie gemeinsame Mittagspausen, es wachsen Freundschaften unter Coworker:innen, Menschen mit verschiedenen Fähigkeiten kommen zusammen. Zudem bieten wir selbst in Kooperation mit der Katholischen Erwachsenenbildung eine Vielzahl an Bildungs- und Beratungsangeboten hier in unseren Räumlichkeiten an, an denen Coworkende teilnehmen oder selbst auch anbieten können.

Rahel: Die Villa Gründergeist ist ein Ort von gelebter Gemeinschaft. Hier wird genetzwerkt, zu Gründungsthemen beraten, aber auch sich zugehört, ermutigt und sich beigestanden. Charakteristisch für die Villa ist das ehrliche Interesse unserer Coworkenden am Gegenüber: Sie gehen aktiv auf neue Menschen zu, stellen Rückfragen – und so verlässt kaum eine:r die Villa, ohne eine neue Idee oder Perspektive, eine neue Frage oder eine neue Bekanntschaft im Gepäck. Unsere Wirksamkeit haben wir 2024/2025 in zwei Wirkungsstudien von dem Impact-Unternehmen „leonardo.“ messen lassen. Herausgekommen ist, dass die Villa wirkt! Besonders hervorgehoben wird von den Coworkenden die unterstützende Gemeinschaft, über ein Drittel von ihnen hat in der Villa ein eigenes Unternehmen gegründet.

Biotop für Unternehmensgründungen

Edith: Es gibt Nutzerinnen und Nutzer, die unregelmäßig kommen und konzentriert arbeiten wollen. Einige Nutzerinnen und Nutzer kommen regelmäßig und haben mittlerweile eine gute Verbindung untereinander. Wer einmal zum Arbeiten ins Kairos13 gekommen ist, wird auch schnell Teil der Community und übernimmt Verantwortung: Neue Interessenten und Interessentinnen begrüßen, die Funktion des Siebträgers erklären oder die Steckdosen und das WLAN Passwort zeigen. Zu Wochenbeginn wird typischerweise nach der Meditation geteilt, was persönlich bewegt und nicht selten herzlich zusammen gelacht. Das regelmäßige Community-Frühstück wird unter anderem von Community-Mitgliedern genutzt, die nicht oft im Kairos13 arbeiten, sich aber dem Ort und den Menschen hier verbunden fühlen. Durch die „Frühjahrsputz-Aktion“ für alle Gemeinderäume entsteht zusätzlich die Verbindung der Community mit Kirchenmitarbeitern und Gemeindemitgliedern. Gemeinschaft wird über das gemeinsame Arbeiten hinaus insofern gestaltet, dass einige Community Mitglieder mittlerweile ein breites Angebot an öffentlichen Veranstaltungen im Kairo13 anbietet: von Poetry Talk über Vision Board Workshops, einer Trauergruppe, Kunstkurse für Senior:innen, Frauen- und Männerkreisen bis hin zu Veranstaltungen im Rahmen der Fairen Wochen.

Wie geht ihr mit der Spannung um, einerseits kirchlich geprägt zu sein und andererseits wirtschaftlich tragfähig bleiben zu müssen?

Rahel: Auch wir stehen als Einrichtung vor der Frage, wie es weitergeht, sowohl gesamtgesellschaftlich als auch innerkirchlich. Vor diesem Hintergrund begreifen wir die Spannung zwischen kirchlicher Prägung und wirtschaftlicher Tragfähigkeit nicht als Widerspruch, sondern als produktiven Lernraum: Wir lernen vom unternehmerischen Denken von Social Entrepreneurs und versuchen, diese Erfahrungen in kirchliche Kontexte einzuspielen, indem wir kreativ und innovativ nach tragfähigen Lösungen suchen und vorhandene Ressourcen verantwortungsvoll nutzen. Wirtschaftliches Handeln ist für uns dabei kein Selbstzweck, sondern dient der Ermöglichung unserer inhaltlichen Arbeit. Konkret folgen wir in der Nutzung unserer Räume einem solidarischen Prinzip. Wir nehmen Rücksicht auf unterschiedliche finanzielle Möglichkeiten und verzichten bewusst auf Gewinnmaximierung. Auf diese Weise verbinden wir wirtschaftliche Stabilität mit unserem kirchlichen Anspruch auf Teilhabe, Verantwortung und Gemeinwohlorientierung.

Edith: Die Nutzung des Coworking Space und die Vermietung des Meetingraums erfolgt auf Spendenbasis und ist auf diese Weise offen für alle, unabhängig vom Geldbeutel. Jede oder jeder gibt, was sie oder er kann. Das funktioniert sehr gut. Durch die Spenden, die digital via „Givt“-App übers Handy gezahlt werden, trägt und ermöglicht die Community ihren Space selbst. Mit den Spenden werden die Nebenkosten sowie die Kosten für Kaffee, Getränke etc. gedeckt. Gibt es einen Überschuss, kann neu investiert werden. Und dennoch: Wir möchten keinen Gewinn machen, sondern da sein, begleiten und unterstützen, wie bei anderen kirchlichen Angeboten auch.

Zwischen Spendenbasis und Wirtschaftlichkeit

Antonia: Da fällt unser Coworking Space vermutlich etwas aus dem Rahmen und genau das ist unsere große Stärke: Wir haben für unseren Coworking Space keine eigenen Räumlichkeiten angemietet, sondern teilen unsere Räumlichkeiten (die Geschäftsstelle des Katholischen Dekanats Böblingen), für die wir sowieso Miete zahlen. Wir haben das, was für uns zu viel ist, geöffnet und müssen daher nichts refinanzieren. So können wir das Coworking rein auf Spenden- und Beteiligungsbasis anbieten und erleben gleichzeitig eine lebendige Dekanatsgeschäftsstelle und den Kontakt zu Menschen, die sonst wohl eher weniger in kirchlichen Räumen unterwegs sind. Eine absolute Win-Win-Situation!

Was ist derzeit die größte Gefährdung eures Projektes?

Rahel: Die größte Herausforderung sehen wir in den gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen: Finanzielle Mittel werden knapper, Förderlogiken verändern sich – und Sozialunternehmer:innen spüren diese Verschiebungen meist als Erste. Ihre Arbeit wird inhaltlich hoch geschätzt, finanziell jedoch allzu oft als ein „Nice-to-have“ behandelt. Dabei sind es gerade ihre Initiativen, die konkrete Antworten auf zentrale gesellschaftliche Herausforderungen geben, deren Problemlösungsarbeit für eine gemeinsame Zukunft unverzichtbar ist. Ebenso stehen die Kirchen vor finanziell herausfordernden Zeiten. Umso wichtiger wäre es da, voneinander zu lernen und Kooperationen zu schließen – auch unter unsicheren Bedingungen.

Die Arbeit wird inhaltlich hoch geschätzt, finanziell jedoch allzu oft als ein „Nicetohave“ behandelt.

Antonia: Die größte Gefährdung sehe ich in den verfügbaren Ressourcen in Form von personellen Ressourcen. Wenn ein solches Projekt richtig wirken soll, braucht es festes Personal in sicheren Anstellungsverhältnissen. Kirche muss Orte wie Coworking Spaces als „Kirchorte“ verstehen und diese nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung zu Kirchengemeinden sehen, denn genau das sind sie. Wir erreichen hier Menschen, die sonst weder im Sonntagsgottesdienst noch im Kirchenchor aufschlagen und das empfinde als sehr wertvoll und gesellschaftsrelevant.

Welche Zukunft seht ihr für kirchliche Räume, wenn sie zu Coworking-Orten werden – ein Übergangskonzept oder ein neues Kapitel kirchlicher Präsenz?

Spiro: Auf jeden Fall ist das ein neues Kapitel für kirchliche Präsenz.

Antonia: Für mich persönlich ist die Öffnung von kirchlichen Räumen unerlässlich, wenn Kirche in der Lebenswelt von Menschen einen Beitrag leisten will. Und das aus ehrlichem Interesse an den Menschen heraus und frei von Missionierungsgedanken. Und da sehe ich – und erlebe ich bereits – Coworking als eine sehr geeignete Form, da die Arbeit – oder auch davor schon die Schule und Ausbildung, einen großen Teil der Lebenszeit einnimmt. Das wird sicherlich nicht überall funktionieren, aber der Bedarf an geeigneten Arbeitsbedingungen ist enorm.

Der Coworking-Ort ist Kirche auf Augenhöhe

Rahel: Wir sehen uns als einen Kirchen-Ort im besten Sinne, denn hier wird Gemeinschaft (communio) erlebbar – und das in einer Form, die für viele leichter zugänglich ist als „klassische“ Formen von Kirche. Wesentlich dafür ist sicher die Atmosphäre, die im Haus zu spüren ist und die geprägt ist von Offenheit, Wertschätzung und Beteiligung. Auffällig ist, wie unkompliziert und niedrigschwellig hier Seelsorgegespräche oft “zwischen Tür und Angel” stattfinden können. In diesen Momenten, in denen das Leben in seiner ganzen Bandbreite geteilt wird, spürt man den Geist der Villa ganz unmittelbar. Bezeichnend ist hierzu sicher das Zitat einer Teilnehmerin an einer Veranstaltung, die kürzlich hier stattfand: „Wegen solcher Orte wie der Villa bin ich überhaupt noch in der Kirche.“

Wo seht ihr euren Coworking-Ort in fünf Jahren?

Antonia: In den kommenden fünf Jahren wird sich in der Kirche, besonders auch bei uns in der Diözese Rottenburg-Stuttgart sehr viel verändern, daher ist es sehr schwer Prognosen zu treffen. Dennoch glaube ich an den Erfolg und Weiterbestand des Projekts und die Notwenigkeit solcher Orte. Daher sehe ich mich in fünf Jahren mit meinen Kolleg:innen und den Coworker:innen gemeinsam beim Mittagessen und Austauschen.

Wegen solcher Orte wie der Villa bin ich überhaupt noch in der Kirche.

Edith: Das Kairos13 gibt es jetzt seit fünf Jahren und mittlerweile konnte eine lebendige Community aufgebaut werden, die noch weiter wachsen darf. Denkbar wäre zum Beispiel, die Community mit einem Beratungsangebot zu unterstützen oder Mentoren und Mentorinnen für die Community Mitglieder zu gewinnen und so zum Inkubator für kleine Unternehmen mit sinnvoller Ausrichtung zu werden. Alles, was entsteht, kommt aus der Community und der sich ergebenden Synergien mit der Kirchengemeinde heraus. Bei allen digitalen Errungenschaften mobilen und hybriden Arbeitens wird unserer Einschätzung nach der Wunsch nach analoger Nähe bei der Arbeit zunehmen. Unsere Erfahrung zeigt, dass Coworking und zukunftsfähige Kirche im Kairos13 sehr gut ineinandergreifen.

Eindrücke: Anknüpfbar, Böblingen

Rahel: Von den Social Entrepreneurs, die bei uns coworken, lernen wir vor allem eines: Langfristige Planung ist unter den aktuellen Bedingungen nur begrenzt möglich. Deshalb verzichten wir bewusst auf starre Zielbilder. Stattdessen nehmen wir unternehmerisches Denken ernst und entwickeln die Villa Gründergeist schrittweise, prozessorientiert und lernend weiter. Bei allen Unklarheiten, wie es weitergeht, glauben wir jedoch, dass Orte der Begegnung und der Gemeinschaft auch in Zukunft noch eine entscheidende Rolle einnehmen werden. So arbeiten wir mit dem, was da ist, reagieren aufmerksam auf Veränderungen und begreifen uns als einen lebendigen Ort, der sich weiterentwickelt – im Dialog und im Vertrauen darauf, dass sinnstiftende Arbeit auch unter unsicheren Rahmenbedingungen Zukunft hat.

Fotos: Rüdiger Jope, Knut Burmeister, Antonia Schneider

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