Fit vor der Herde
Fit vor der Herde
VON Tanja Kasischke
Nimmt die Gesundheit im Pfarrberuf Schaden, schwächt das auch das Reich Gottes – davon ist Michael Steinkamp überzeugt. Er hat das selbst durch. Der Pastor hat sich deshalb zum Ernährungsberater und Coach ausbilden lassen, inzwischen unterstützt er Kolleginnen und Kollegen aus Kirche und Diakonie.
Die Tafel Schokolade danach, etwa nach der Sitzung des Gemeindekirchenrats, ist ein Betthupferl mit Subtext. Sie tröstet. Sie baut Stress ab, der sich tagsüber angestaut hat. Pfarrpersonen stehen unter Druck. Ihr Berufsbild ist eins mit viel Gestaltungsspielraum – und enormen Erwartungen. „Besonders, wenn es die erste Stelle ist. Da willst du glänzen und hängst dich voll rein“, weiß Michael Steinkamp. Er hat die Situation buchstäblich am eigenen Leib erlebt, der sich irgendwann nicht mehr gewehrt hat.
Ein wandelnder Widerspruch
Ein Zeitungsartikel machte den Unterschied, entstanden 2016 nach einem ökumenischen Gottesdienst. Der Theologe sagt über sein jüngeres Ich auf dem Foto: „140 Kilogramm wog ich damals. Das Bild brach ein Tabu. Mir wurde bewusst: So will ich nicht mehr aussehen. Ich stehe jede Woche vor meiner Gemeinde und rede von einer guten Lebensweise – aber lebe sie selbst nicht.“
140 Kilogramm wog ich damals. Das Bild brach ein Tabu. Mir wurde bewusst: So will ich nicht mehr aussehen. Ich stehe jede Woche vor meiner Gemeinde und rede von einer guten Lebensweise – aber lebe sie selbst nicht.
Dabei ist Michael Steinkamp immer ein sportlicher Typ gewesen. Er spielte Handball, er ist ausgebildeter Rettungsschwimmer. Im Pfarrdienst rückten dann aber dienstliche To Dos in den Fokus des gebürtigen Hamburgers, der inzwischen im Taubertal im Nordosten Baden-Württembergs zu Hause ist. Hier hat er „Himmlisch Fit“ gegründet und berät christliche Führungskräfte gesundheitlich. Pfarrpersonen sowie Leitende diakonischer Einrichtungen fragen ihn an, ungefähr gleich viele Frauen wie Männer. Mit ihnen geht Michael Steinkamp den Weg ab, den er einschlug, um 40 Kilogramm abzuspecken. Hat er auf Süßes verzichtet? „Nein. Süßes ging trotzdem, wenn es ins Gesamtbild passte, aber eben nicht mehr abends. Und ich habe die Finger von den Keksen gelassen, die bei kirchlichen Sitzungen garantiert dastehen.“ Stattdessen griff er zu Obst und ging wieder zum Sport. „Der Gedanke war immer da. Nur umgesetzt habe ich ihn nicht.“ 2013, ein Jahr nach Antritt der ersten Pfarrstelle, absolvierte er zusätzlich eine Ausbildung zum Gemeindeberater, begleitete eine zweite Gemeinde – und kümmerte sich noch weniger um sich selbst. „Ich hab mich beiseite geschoben“, reflektiert er. Eine Ernährungsberatung half ihm, sich selbst wieder in den Fokus zu nehmen.
Dadurch kann er die Sollbruchstellen seiner Kundinnen und Kunden nachvollziehen. „Fit für die Herde“, nennt er das, dorthin will er die Menschen bringen. Damit sie fit bleiben vor ihrer Herde. Zehn Wochen lang sind die Kleingruppen miteinander unterwegs, online tauschen sie sich über Etappenziele und Misserfolge aus, und wie sie Ansätze bewusst im Gemeindekontext integrieren können. „Verzicht klappt nicht“, weiß der Coach, der seit 2018 berufsbegleitend berät. „Essen ist Lebensfreude und Genuss, da muss man bloß in die Bibel schauen. Aber dort gibt es eben auch Stellen, die von bewusster Ernährung handeln.“ Nicht vom Kalorienzählen, aber vom Essen im richtigen Maß. Der Körper ist „Tempel des Heiligen Geists“, schreibt Paulus im ersten Korintherbrief (6,19) oder hält im Galaterbrief (5,22) zum verantwortungsvollen Umgang mit diesem Tempel an. „Morgens und mittags Kohlenhydrate, abends Eiweiße“, nennt Michael Steinkamp ein Beispiel.
Den Heißhunger entwaffnen
Im Coaching bringt er praktische Inhalte mit geistlichen Impulsen zusammen. Gebet und Seelsorge spielen hinein, „weil es dazugehört, auf den Auslöser für Heißhunger auf Schokolade oder Chips zu schauen, welcher Mental Load dahintersteht“. Steinkamp arbeitet nach dem Trial-and-Error-Prinzip, damit jeder gemeindliche Kontext Berücksichtigung findet. Allen gemein ist: „Krankheit oder Burnout im Pfarrberuf schwächt auch das Reich Gottes. Das ist ein stiller Verlust.“
Krankheit oder Burnout im Pfarrberuf schwächt auch das Reich Gottes. Das ist ein stiller Verlust.
Seit 2023 ist er selbstständig. Die Cube Church bei Aschaffenburg begleitet er als Pfarrer im Ehrenamt. Um „Himmlisch fit“ nach außen zu tragen, nutzt der Theologe kirchliche Konferenzen und Zusammenkünfte. Neben den Kleingruppen bietet er Einzelcoachings über drei, sechs oder sogar zwölf Monate. Die gesetzlichen Krankenkassen bezuschussen den Kurs.
AUTORIN · AUTOR
Dr. phil. Tanja Kasischke war Redakteurin des Reformationsblogs „Mensch, Martin!“. Seitdem berichtet sie über Themen der missionarischen Gemeindeentwicklung, der Öffentlichen Theologie und wie Kirche den Wechsel von der sprachlosen Parochie zum ansprechenden Netzwerk meistert. Sehr begeistert ist sie von der Wiederentdeckung des prophetischen Amts als Teil der apostolischen Dienstgemeinschaft. Sie lebt in Berlin.

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