Kirche in Eigenregie

Kirche in Eigenregie

VON Tanja Kasischke

Veröffentlicht am: 13. März 20263,9 min Lesezeit777 WörterKategorien: Alle, Unterwegs, WanderroutenSchlagwörter: , , , , , , , Aufrufe: 30

So geht Dienst ohne Druck: In der landeskirchlichen Gemeinschaft der Ehrenamtsgemeinde Ludwigsfelde spenden alle Aktiven ihre Arbeitszeit – auch der Pastor, er sagt: „Mitarbeit schafft Identifikation.“

Veit Völkner spricht über sein Erbe, dabei ist er noch keine 50 Jahre alt. Kein Thema, denn hier geht es um ein Bibelzitat aus Psalm 16, „auf schönem Land fiel mir mein Anteil zu; ja, mein Erbe gefällt mir gut“. Den Vergleich mit dem Erreichten zieht er vor dem Eindruck persönlicher Zufriedenheit. Der Theologe ist seit 2008 Pastor der Ehrenamtsgemeinde Ludwigsfelde. Sie schafft Verbindung, ohne den Aktiven Druck zu machen.

Mitarbeit schafft Identifikation

„Es kommt vor, dass wir ein Angebot eine Zeitlang nicht haben“, meint Veit Völkner, „weil die Altersgruppe fehlt oder eine Person, die es umsetzt.“ Aktuell betrifft das die Junge Gemeinde. Doch kommt Zeit, kommt Mandat. Die Optionen sind auch nicht von Pappe: Bibelkreis, Kinderstunde, Pfadfinder, Kreativtreff. In den Gewerberäumen „Alte Bäckerei“ in der Ernst-Thälmann-Straße ist außerdem jede Woche Gottesdienst. „Der Gottesdienst ist die Mitte unserer Gemeinde und wird von vielen gestaltet“, beschreibt der Pastor die DNA der Ludwigsfelder. Predigt und Liturgie teilen sich zwei Aktive, zwei weitere verantworten die Gottesdienst-Technik. Beim Kirchenkaffee im Anschluss hat jemand den Hut auf, Kindergottesdienst organisieren nochmals andere Engagierte. Verkündigung ist Teamwork. Völkner ergänzt: „Mitarbeit schafft Identifikation.“ Etwa 50 Mitglieder stark ist die Ehrenamtsgemeinde, eine landeskirchliche Gemeinschaft, als Teil des Gemeinschaftswerks Berlin-Brandenburg mit der evangelischen Kirche assoziiert. Ihre im Wortsinn benachbarten Gemeinden, zwischen deren Predigtstätten nur eine kurze Distanz liegt, die evangelische und die katholische, sind bei Kooperationen indes zurückhaltend. Für Ökumene ist der Weg weit. Ludwigsfelde, eine zu Ost-Zeiten industriell-sozialistisch geprägte Stadt elf Kilometer südlich der Berliner Stadtgrenze im Brandenburger Landkreis Teltow-Fläming, hat kaum organisch-gewachsene Strukturen. Die Akzeptanz konfessionellen Lebens in der Bevölkerung grenzt an Gleichgültigkeit. „Wenn es dir gut tut, dann glaube“, die Aussage hörte Veit Völkner des Öfteren. Christsein als therapeutische Anwendung, eine Einordnung, die er gelassen so stehenlässt – und eine positive Antwort in Aussicht stellt.

Veit Völkner

Veit Völkner

Die Ehrenamtsgemeinde gibt es seit 1990. Gegründet haben sie Macherinnen und Macher, für die Glaube eine solche positive Antwort auf Fragen oder an Zäsuren ihres Lebens in den bewegten Wendejahren war. Veit Völkner, Leiter in zweiter Generation, ist nach einem Gemeindepraktikum „hängenblieben“. Er investiert in die Verstetigung einer gesunden Struktur. „Die Gemeinde ist in der Phase der Konsolidierung. Wir fragen uns, wo wir künftig stärker werden wollen.“ Er benennt drei Schwerpunkte: Die Gemeinde lädt Menschen zu Veranstaltungen ein, dazu, Glaube zu vertiefen, um schließlich diejenigen, die sich auf den Ort und die Form christlicher Gemeinschaft einlassen, in Mitarbeit zu führen. Wo die drei Säulen nicht linear aufeinanderfolgen, steht jede für sich. Und überall stehen Menschen dahinter, von der jungen Familie bis zum Seniorenpaar, das, kirchlich sozialisiert, in der DDR um die Wahrheit gekämpft hat.

Ein genervter Pfarrer

Veit Völkner hat ein starkes Drittel seines Lebens in der DDR verbracht. Mit 17, vier Jahre nach dem Fall der Mauer, beschäftigte ihn Gott. In seinem Elternhaus in Frankfurt (Oder) hatte Religion keine Rolle gespielt, „höchstens die Generation meiner Großmutter war religiös“, erzählt der Brandenburger. Er ging zum Glaubenskurs, ließ sich taufen; ein Termin, der dem Pfarrer starke Nerven abverlangte. Noch am Vorabend hatte der junge Mann in der Gemeinde angerufen und offen gelassen, ob er komme – oder nicht. „Die Entscheidung fiel spontan.“ Er ließ sich von Gott (be-)rufen. Der gelernte Erzieher absolvierte die vierjährige Ausbildung am theologischen Seminar Falkenberg des Gnadauer Verbands, „als einer der letzten meiner Art“, sagt er nicht ohne Stolz und Dankbarkeit. Die Bibelschule im Oderbruch ist mittlerweile geschlossen worden. Der Theologe spricht von einem Verlust. Wo Gemeinde wachsen solle, müsse Wissen vermittelt werden, im Hauptamt wie im Ehrenamt. Gemeinde müsse „nicht nur funktionieren“.

„Wo Gemeinde wachsen solle, müsse Wissen vermittelt werden, im Hauptamt wie im Ehrenamt.“

Seine Gemeinde bringt Martin Luthers Definition vom Priestertum aller Getauften in Anwendung, „indem Abläufe nicht an Einzelnen hängen, sondern Aufgaben verteilt sind und man gabenorientiert arbeiten kann“. Wortwörtlich verstehen sich die Ludwigsfelder als Ehrenamtsgemeinde: Alle Aktiven spenden ihren Dienst als freiwillige Arbeitszeit und sind im Brotberuf woanders beschäftigt, einschließlich des Pastors, der am Evangelischen Gymnasium Potsdam-Hermannswerder angestellt ist. Was das Gemeindeleben sonst an Ressourcen braucht, finanziert sich aus Spenden. Nachdem sich der Bau eines eigenen Gemeindezentrums als zu kostspielig erwiesen hatte, belebte die Gemeinschaft die Alte Bäckerei. Das bedeutet nicht, dass sie sich mit weniger zufriedengibt – sondern priorisiert.

Titelfoto von Jon Tyson auf Unsplash

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