Nachruf auf eine Widerständige

Nachruf auf eine Widerständige

VON Rüdiger Jope

Veröffentlicht am: 10. Juli 20265,3 min Lesezeit1013 WörterKategorien: Alle, Unterwegs, WildnisSchlagwörter: , , , , , , Aufrufe: 15

„Sonne der Gerechtigkeit, gehe auf zu unsrer Zeit; brich in deiner Kirche an, dass die Welt es sehen kann. Erbarm dich Herr“, schallt es laut und inbrünstig aus den geöffneten Fenstern der Friedhofskapelle an der Hugostraße in Wuppertal. Alle Plätze sind besetzt, Menschen stehen dich gedrängt, wischen sich inmitten dieses kirchengeschichtlichen Schlusspunktes Tränen aus den Augen. Sie werden an diesem Freitag, dem 3. Juli stille Zeugen großer Worte – und eines leisen Endes der Kirchlichen Hochschule (KiHo) an ihrem eigentlichen Geburtsort.

KiHo Wuppertal: Widerstand gegen das Verbiegen und Verführen

1935 standen hier Frauen und Männer der Bekennenden Kirche, die sich dem Führerprinzip widersetzten und sagten: Die Kirche Jesu Christi lässt sich nicht gleichschalten, nicht verbiegen, nicht verführen. Während draußen die Hakenkreuzfahnen wehten und ihnen die Türen der Gemarker Kirche verschlossen blieben, kam die Bekennerschar beim Schein der Taschenlampen in dieser Friedhofskapelle zusammen. Sie hatten verstanden: Wenn die staatlichen Fakultäten unter Druck geraten, muss die Kirche selbst Verantwortung für die theologische Ausbildung übernehmen. „Lizentiat Obendiek predigte über den Missionsbefehl: Christus ist der Grund der Kirche und der Gegenstand der Verkündigung. Des Menschen Tun kann nur dadurch bestimmt sein.“ So wurde die Kirchliche Hochschule Wuppertal geboren – im Verborgenen, getragen von der Zuversicht, dass Gottes Wort nicht geknebelt werden kann.

Mehr als 91 Jahre später kehrte die KiHo am Freitagabend an diesen Ort zurück. Wieder ist es ein Gottesdienst. Wieder geht es um einen Neuanfang – nur diesmal andersherum: Nicht der Beginn, sondern das Ende des Pfarramtsstudiums wurde hier traurig und tränenreich besiegelt. Am 3. Juli 2026 schließt sich ein Kreis, der schmerzt. Was die Nationalsozialisten mit Verboten, Polizei und Schließungsverfügungen nicht dauerhaft geschafft haben, gelingt über Jahrzehnte schleichend: weniger Geld, weniger Rückhalt, weniger Mut. Eine Kirche, die sich in ihren Gremienräumen, den Rückbau und Verwaltungsetagen eingerichtet hat, verliert den Blick für das, was diese Hochschule einmal war: ein Ort geistlicher und intellektueller Fortbildung, ein Labor für Gemeinde und Kirche von morgen, ein Hort der Widerständigkeit und klaren Worte.

Es ist bitter, dass ausgerechnet eine kirchliche Hochschule, die einst aus dem Widerstand gegen falsche Theologie hervorging, nun an einem Mangel an Phantasie und Prioritätensetzung zugrunde geht.

Es ist bitter, dass ausgerechnet eine kirchliche Hochschule, die einst aus dem Widerstand gegen falsche Theologie hervorging, nun an einem Mangel an Phantasie und Prioritätensetzung zugrunde geht. Während früher die Gleichschaltung der staatlichen Fakultäten Anlass war, eine eigene Ausbildungsstätte zu gründen, scheint heute die betriebswirtschaftliche Logik stärker zu sein als die Erinnerung an die eigene Geschichte. Die KiHo wird nicht geschlossen, weil sie inhaltlich überflüssig geworden wäre, sondern weil man sie finanziell und strukturell ausbluten ließ – Schritt für Schritt, Jahr für Jahr.

Die Kapelle an der Hugostraße ist an diesem Freitag mehr als ein historischer Ort. Sie ist ein Spiegel. Hier zeigt sich, wie ernst es uns ist mit der Rede vom „Priestertum aller Gläubigen“. Jahrzehntelang wurde diese Formel gepredigt – aber zu selten in Bildungsstrategien übersetzt. An Förderprogrammen für theologisch Interessierte, Quereinsteiger, Pionierinnen und Pioniere – und Ehrenamtliche mangelte es ebenso wie offene Türen für neue Formen von Kirche, Fresh X und Erprobungsräumen. Die KiHo hätte das Potential gehabt in der kirchlichen Transformation ein gewichtiger Player zu sein. Sie hätte ein Knotenpunkt von Lernwegen sein können: breiter aufgestellt, näher an Gemeinden, stärker vernetzt mit kirchlicher Praxis, offen für Menschen mit unterschiedlichen Biografien. Stattdessen blieb sie für viele „irgendwo da oben auf dem Berg“ – ein Ort für wenige, statt ein Schatz für viele.

KiHo Wuppertal: Eine vertane Chance

Der Schmerz an diesem 3. Juli ist deshalb doppelt: Er gilt nicht nur einem institutionellen Ende, sondern auch der vertanen Chance. Mit der geschlossenen Tür dieser kirchlichen Hochschule werden künftige Pfarrerinnen, Diakone, Ehrenamtliche auf andere Orte verwiesen – in der Hoffnung, dass dort noch Raum bleibt für profilierte evangelische Theologie. Wer die KiHo schließt, spart nicht nur an Gebäuden und Stellen, sondern sägt an einem Stück evangelischer DNA: dem Mut, Glauben und Denken zusammenzuhalten und sich nicht nur verwalten, sondern immer wieder erneuern zu lassen.

„Der Tür-tu-dich-auf-Moment“ bleibt trotz aller Kämpfe am Ende aus. Unter großem Schlussbeifall fällt der Vorhang. Mit „KiHos, carry on. KiHos, carry on. It may rocky and it may be rought, but Kihos, carry on“ steigt ein trotziger Schlussakkord in den blauen Abendhimmel. Er wird zum Mahnmal dafür, dass Kirche sich nicht mehr in ihren elfenbeinernen Turm und Segensgeschichte zurückzieht. Zum Mahnmal, das ruft: Theologie braucht Orte, Menschen, Zeit und immer wieder Mut zur Veränderung. Und eine Kirche, die die Ausbildung ihres Nachwuchses nicht delegiert, sondern als eigene Aufgabe und Chance begreift – gerade in Zeiten knapper Kassen, schwindender Mitglieder und dem Erstarken einer populistischen Partei.

Und doch: Zwischen Kirchenbänken und Grabsteinen, in den Gebeten, Liedern, Erinnerungen und im Abendmahl dieses letzten Gottesdienstes, wird an diesem Abend auch Dankbarkeit laut. Für Dozierende, die Generationen von Studierenden geprägt haben. Für Menschen, für prägende Theologinnen und Theologen, die hier ihren Ruf in den Pfarrdienst hörten. Für eine Hochschule, die trotz aller Brüche und Krisen über 90Jahre lang eine geistige Heimat war.

KiHo Wuppertal: Hoffnung auf Christusmomente

Die Kapelle an der Hugostraße bleibt. Sie erinnert an diejenigen, die damals gesagt haben: „Wir machen weiter, auch wenn die Türen verschlossen sind.“ Die Frage ist, wer diese Sätze zu Ende spricht – und ob aus dem Schmerz über das Ende der KiHo vielleicht doch noch eine neue Leidenschaft wächst: für eine Kirche, die ihre Theologie nicht einstampft, sondern neu in die Mitte stellt und Christus nachfolgt oder wie Prof. Dr. Konstanze Kemnitzer es trotzig und hoffnungsvoll in ihrer Predigt formulierte: „Es mag uns allen ein Moment mit Christus geschenkt werden. Mögen wir alle geistlich lernen im Erbe der Bekennenden Kirche.“

Fotos: Rüdiger Jope

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