Teil 6: Was Macht macht …

Teil 6: Was Macht macht …

VON Elisabeth Boodes

Veröffentlicht am: 29. Juni 20262,4 min Lesezeit485 WörterKategorien: Alle, Pausengeschichten, Tagebuch einer PrädikantinSchlagwörter: , , , Aufrufe: 8

Der letzte Glockenschlag ist verhallt. Nach einer kurzen Pause setzt die Orgel zum Eingangsstück ein. Mein erster, vollständig von mir durchgeführter Gottesdienst. Etwas nervös und angespannt sitze ich in der ersten Reihe.

Das Orgelvorspiel ist mein „Me-Myself-and-God-Moment“ zu Beginn. Von rechts höre ich leise: „Es wird dir eine Freude sein, uns deine Gedanken vorzutragen.“ Was als Ermutigung gemeint war, lässt das Glockengeläut wieder einsetzen – in meinem Kopf. Nicht als Einladung, sondern als Alarm. Schon ist das Orgelvorspiel vorbei. Da ist keine Zeit mehr, diesen Alarm einzuordnen. Beiseiteschieben und den Fokus wiederfinden. Und das gelingt auch – bis ich in der Predigt stehe. So viele Augenpaare schauen mich an. Manche neugierig, manche auch skeptisch, kaum einer desinteressiert. Die Menschen reagieren auf meine Worte, nehmen Humor mit einem Lächeln und Ernstes mit Körperspannung auf.

Die Macht zum Guten nutzen

Plötzlich werde ich mir meiner Macht bewusst. Innerlich höre ich die Worte wieder, die mir in der ersten Reihe zugeraunt worden waren. Ich habe Einfluss. Natürlich stehe ich freiwillig hier. Gottesdienste zu leiten und zu predigen entspricht meinem Begabungsprofil, so sagt man mir. Und ja, mir geht es gut dabei und ich mache es richtig gerne. In diesem Moment wird mir aber auch klar, was ich vorher theoretisch längst wusste: Als Prädikantin bin ich in einer Position, in der ich den Glauben, die Gottesbeziehung und das Gottesbild von Menschen mitgestalte. Nicht nach Belieben und auch nicht ohne weiteres. Aber ich kann mich doch selbst an die ein oder andere Predigt erinnern, die mein Leben und meinen Glauben negativ, ja, manchmal sogar missbräuchlich veränderte. Es gab ungute Worte von der Kanzel, gültig für alle, die zuhörten. Sie drückten mich nieder, machten mich unfrei und beängstigten mich. Mit diesem Stein, der sich in meinem Magen bildet, bringe ich den Gottesdienst ohne äußere Einbußen zuende.

„Plötzlich werde ich mir meiner Macht bewusst. Innerlich höre ich die Worte wieder, die mir in der ersten Reihe zugeraunt worden waren. Ich habe Einfluss.“

Danach lässt mich die Frage nach der Macht nicht mehr los. Wenn ich schon Einfluss habe – ohne Einflussmöglichkeit ist jede Predigt ein Monolog –, will ich diesen Einfluss zum Guten nutzen. Ohne die vielen auch guten Einflüsse aus Predigten und Menschenworten, würde ich diese Ausbildung heute nicht machen. Ich bete, dass Gott mich davor schützt, mir auf meine Position da vorne, vor und hinter dem Altar und da oben auf der Kanzel etwas einzubilden. Denn dann laufe ich Gefahr, nur meine Gedanken teilen zu wollen. Ich wünsche mir aber, dass Menschen durch meine Worte für ihr Leben ermutigt, gesegnet, geliebt und entlastet werden. Ich möchte in dem Bewusstsein predigen, dass Gottes Gedanken nicht beliebig verfügbar sind und ich nur in Verbindung mit ihm Gutes zu predigen habe.

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