Schlagergottesdienst 2.0

Schlagergottesdienst 2.0

VON Rüdiger Jope

Veröffentlicht am: 19. Juni 20262,5 min Lesezeit465 WörterKategorien: Alle, Unterwegs, WanderroutenSchlagwörter: , , , , Aufrufe: 12

Wenn Kirche klingt wie ein Mitsing-Hit und sich Glaube plötzlich nach Ohrwurm anfühlt, dann ist Schlagergottesdienst. In Graz zeigt sich, wie überraschend kraftvoll diese Mischung sein kann: voll besetzte Bänke, offene Herzen – und ein Format, das mehr ist als nur ein musikalisches Experiment.

Graz, 10. Mai 2026 – Volles Haus, volle Stimmen, volle Emotionen: Die Christuskirche Graz platzte aus allen Nähten, als der zweite Schlagergottesdienst über die Bühne ging. Die Stimmung? Ausgelassen. Die Botschaft? Treffend. Der Zeitpunkt? Perfekt gewählt – als Auftakt zur ESC-Woche.

Ein Gottesdienst, der bewegt

Schon vor dem ersten Ton wurde klar: Dieser Gottesdienst bewegt. Eine kurzfristige Ankündigung auf Radio Steiermark reichte, und Menschen machten sich auf den Weg – aus Birkfeld, aus St. Peter am Ottersbach, teils über 50 Kilometer weit. Viele von ihnen: Wiederholungstäter. Schon 2025 hatten sie erlebt, was passiert, wenn Glaube und Schlager aufeinandertreffen.

Zwischen Eurovisionshymne und Ohrwurm-Finale spannte sich ein musikalischer Bogen, der mehr war als Nostalgie. ESC-Klassiker wurden zum Resonanzraum für Glaubensthemen. Paulus’ Bild vom „einen Leib und vielen Gliedern“ zog sich durch den Gottesdienst – getragen von Melodien, die verbinden. Als „Fly on the Wings of Love“ angestimmt wurde, war spürbar: Hier entsteht Gemeinschaft.

Pfarrer Friedrich Eckhardt bringt es auf den Punkt: „70 Jahre Eurovision Song Contest – 70 Jahre, in denen Musik Grenzen überwindet. Genau das ist auch meine Vision von Kirche: ein Ort, an dem jede Stimme zählt.“ Für ihn ist der Schlagergottesdienst kein Experiment, sondern Ausdruck gelebter Offenheit: „Diese Botschaft wird hier nicht nur gesagt – sie wird gesungen.“

„Gott ist größer als unsere Schubladen.“

Dass das funktioniert, zeigte sich eindrücklich. Menschen unterschiedlichster Hintergründe feierten gemeinsam, ließen sich tragen von vertrauten Liedern und einer klaren Botschaft. Oder, wie Eckhardt es formuliert: „Schlager und Evangelium sprechen dieselbe Sprache – von Sehnsucht, Hoffnung, Liebe und Aufbruch.“ Auch Skepsis blieb nicht aus. Doch sie verpuffte schnell angesichts der Realität: volle Reihen, mitsingende Gemeinde, spürbare Nähe. „Kirchenmusik reicht von Bach bis Schlager“, sagt Eckhardt. „Warum sollten wir uns begrenzen? Gott ist größer als unsere Schubladen.“

Schlager, eine Brücke zum Glauben

Für ihn ist der Moment persönlich: „Als die ersten Töne erklangen, wusste ich: Das ist Kirche.“ Seine Leidenschaft für Schlager – von Udo Jürgens bis Nicole – wird hier zur Brücke. Zwischen Generationen, zwischen Emotion und Theologie, zwischen Alltag und Gottesdienst. Und die Geschichte geht weiter: Am 23. August 2026 um 10 Uhr steht der nächste Schlagergottesdienst an – diesmal sogar live im ORF III. Die Erwartungen sind hoch. Die Vorfreude auch. Eckhardts Fazit bleibt klar: „Ja, es gab Zweifel. Aber wir haben es gewagt – und es hat sich gelohnt. Kirche braucht den Mut, neue Wege zu gehen. Diese Form hat Zukunft.“

Fotos: Richard Premm

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