Runter vom Sockel

Runter vom Sockel

VON Martin Strienz

Veröffentlicht am: 3. Juni 20263,6 min Lesezeit717 WörterKategorien: Alle, Dossiers, Gemeinde – allein zu HausSchlagwörter: , , , , , , , , , , , Aufrufe: 6

Ein Plädoyer für Gemeinde auf Augenhöhe

Es wird Zeit! Das Priestertum aller Gläubigen muss gelebt werden. Allzu oft ist das Priestertum aller Gläubigen nur was „dogmatisch Richtiges“. Zu viele haben sich daran gewöhnt, dass mittelalterliche Klerus-Standards und Top-Down-Rollendenken immer noch gelten. Was wäre, wenn der schmerzhafte Rückbau dabei hilft, sich auf den gemeinsamen Auftrag zu besinnen?

Im Rückbau das Potential von Gemeinde entfesseln

Der Auftrag ist eindeutig: „Macht zu Jüngern alle Völker“. Warum nicht mit dem direkten Umfeld anfangen und aus den gegebenen Bedingungen kreativ und mutig das Bestmögliche rausholen? Und das als ganze Gemeinde – als Einheit in der Vielfalt und ein Leib mit vielen unterschiedlichen Gliedern, die alle (!) ausnahmslos von Gott begabt und eingesetzt sind zum Dienst. Wir brauchen verschiedene Rollen mit unterschiedlichen Professionen und Beauftragungen. Was wir garantiert nicht brauchen ist „Pfarroganz“ oder ein „Pfaffensockel“. Weg damit. Warum nicht ein Zeichen setzen und eine Duz-Kultur einführen? Schließlich sind wir Schwestern und Brüder im Herrn – siezt ihr euch in der Familie? Die ganze Welt duzt sich in der Gemeinde – warum wohl? Sprache bildet Realität ab. Wir können auch mit unterschiedlichen Rollen als Ordinierte und ganz ordinär Lebens- und Gemeindeerfahrene zusammenarbeiten – auf Augenhöhe versteht sich. Warum braucht man für einen Gottesdienst einen studierten Theologen? Manche der besten Predigten, die ich mit meinen 50 Jahren gehört habe, kamen von Handwerkern (das „einfache“ habe ich bewusst weggelassen – das ist der Punkt). Es geht nicht um ein „Entweder-Oder“. Viele fähige Pfarrpersonen tun einen hervorragenden Dienst. Und sie freuen sich auch über alle, die sie nicht nur „notdürftig“ unterstützen, sondern die Seite an Seite mit ihnen die Gemeinde nicht nur am Laufen halten, sondern entscheidend mitgestalten.

„Es gibt keine Laien – nur unterschiedlich Berufene. Das abwertende Wort ‚Laie‘ muss geächtet werden.“

Auch die stabilen Gemeinden backen an vielen Stellen mittlerweile kleinere Brötchen. Aber man kann aktiv was dafür tun – z. B. mit guter, ehrenamtlich getragener Konfirmandenarbeit und anschließendem Trainee-Programm, das jedes Jahr neue, gut ausgebildete junge Mitarbeitende in die Gemeinde bringt. Von nix kommt nix. Wir Hauptamtlichen werden gebraucht als Trainer für die Ehrenamtlichen. Wenn man die Leute dafür vor Ort nicht hat, warum dann nicht mit anderen zusammenarbeiten? Lokalpatri(di)otismus hilft nicht. Feindbilder helfen nur dem Niedergang. Wer will, dass sich was verändert, muss investieren – Geld, Zeit, Kraft. Das geistlich verantwortet und planvoll mit den richtigen Prioritäten zu tun, hat in der Kirchengeschichte viel bewirkt. Was, wenn Gott mit dir und durch dich an deinem Ort, in deiner Region Geschichte schreiben will? Bist du bereit dazu? Such dir Verbündete und gründe eine Gemeinschaft der Willigen, die nach dem Pareto-Prinzip agiert: 20% Ressourcen bringen 80% Erfolg, die restlichen 20% brauchen 80%

Mehraufwand für Perfektion – und das ist nicht Teil des Auftrags. Fangt doch mal betend und trotzig hoffnungsvoll an, stolpert mutig voran und „macht mal“! Bestimmt hast du Leute im Blick, die nicht nur Schwierigkeiten sehen, sondern Leidenschaft haben, aus Möglichkeiten Realitäten zu machen. Dass nicht alle sofort „Hurra“ schreien, ist normal und ein Zeichen, dass du es mit Menschen zu tun hast. Spoiler: Du kannst nicht alle mitnehmen. Lieber ein paar Unwillige verlieren statt alle anderen, die sehnsüchtig darauf warten, dass endlich mal jemand die Initiative ergreift. Vielleicht bist du das?

Du bist Kirche!

Kirche braucht Leute wie dich, die mit anderen zusammen anpacken, Gemeinde leben und Reich Gottes sichtbar machen. Natürlich sind Absprachen nötig. Aber denkst du, es gäbe unsere Kirche, wenn die Apostel darauf gewartet hätten, dass „die Obrigkeit“ erst ihr Okay gibt? Also findet raus, welche Gaben bei euch in der Gemeinde vorhanden sind, beschäftigt euch mit natürlicher Gemeindeentwicklung. Rauft euch zusammen und feiert eure Unterschiedlichkeit! Gott hat sie erfunden – mit Absicht. Du bist Kirche, Teil der „Gemeinschaft, die zum Herrn gehört“. Also: Betrauert, wo was stirbt – und nutzt es als Humus für das Priestertum aller Gläubigen: Gemeinde auf Augenhöhe. Kirche ist kein Gebäude – es ist eine lebendige Gemeinschaft. Auch ohne Pfarrperson. Gemeinsam sind wir stark – weil er uns stark macht. Es gibt keine Laien – nur unterschiedlich Berufene. Das abwertende Wort „Laie“ muss geächtet werden. So viel Mittelalter sei uns gegönnt.

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