Freiwillige los-lassen

Freiwillige los-lassen

VON Marcel Grob

Veröffentlicht am: 5. Juni 20263,5 min Lesezeit690 WörterKategorien: Alle, Dossiers, Gemeinde – allein zu HausSchlagwörter: , , , , , , , , , , , Aufrufe: 9

Freiheit schenken – Gemeinde stärken

„Also ehrlich: Sollen jetzt die Freiwilligen die Kirche retten?“ Die Frage kommt nicht provokativ daher, eher erschöpft. Sie fällt am Rand einer Tagung, irgendwo zwischen Kaffee, Flipchart und der stillen Ahnung, dass das bisherige System an Grenzen kommt. Und sie trifft einen Nerv. Denn was heißt das eigentlich: Freiwillige los-lassen?

Eine neue, alte Platzanweisung

Am Landeskirchenforum im Herbst 2025 wurde deutlich: Es geht nicht um einen frommen Spartrick und auch nicht um das Delegieren ungeliebter Aufgaben. Es geht um eine neue Platzanweisung für Kirche. Präziser gesagt: um eine sehr alte. Kirche war nie primär ein Betrieb mit angestellten Spezialistinnen, sondern eine Bewegung von Menschen, die ihren Glauben gemeinsam lebten.

Markus Weimer, Dekan in Konstanz, brachte es mit einem Satz auf den Punkt, der hängen blieb – und bewusst störte: „Unsere Gemeinden sind nicht zu klein. Sie sind zu groß.“ Zu groß, um Beziehungen wirklich zu tragen. Zu groß, um Verantwortung zu teilen. Zu groß, um von Freiwilligen mitgestaltet und geleitet zu werden. Fusionen mögen organisatorisch beruhigen – geistlich lösen sie wenig.

Weimer entfaltet als Gegenbild zu all den Leuchtturm-Kirchen das Bild eines Lichternetzes: unterschiedliche Gemeindeformen, verschiedene kirchliche Präsenzen, bewusst profiliert und dennoch verbunden. Kirche als Netzwerk kleiner, überschaubarer, geistlich lebendiger Gemeinschaften. Nicht alles überall – aber vieles irgendwo. Und miteinander vernetzt. Diese Kleinteiligkeit ist kein Mangel, sondern Ausdruck missionarischer Wachsamkeit in einer pluralen Gesellschaft.

„Kirche war nie primär ein Betrieb mit angestellten Spezialistinnen, sondern eine Bewegung von Menschen, die ihren Glauben gemeinsam lebten.“

Dahinter steht ein theologischer Perspektivwechsel. Nicht zuerst Struktur, sondern Inhalt. Nicht Ekklesiologie vor Missiologie. Nicht die Frage „Wie organisieren wir Kirche?“, sondern: Wozu sind wir gesendet? Die frühe Kirche wuchs nicht durch wenige Profis, sondern durch viele Bewegte. Oder, wie es Klaus Douglass einmal zugespitzt formulierte: „Schafe vermehren sich durch Schafe und nicht durch Hirten.“

Ehrenamtlich: Nicht Notbehelf, sondern Normalfall

Freiwillige sind in dieser Logik kein Notbehelf, sondern der Normalfall kirchlichen Lebens. Kirche entsteht dort, wo Christinnen und Christen ihren Glauben leben, teilen, einüben und gestalten. Das sind Menschen, die sprachfähig sind im Glauben, die theologisch nicht alles wissen, aber verantwortlich glauben.

Professionelle Rollen bleiben dabei wichtig – aber sie verändern sich. Weniger selbst machen, mehr ermöglichen. Weniger kontrollieren, mehr zutrauen. Coaching statt Dauerintervention. Multiplikation statt Selbstüberforderung. Diese Verschiebung ist anspruchsvoll, gerade in einer Kirche, die Professionalität lange mit Zuständigkeit verwechselt hat.

Genau hier berührten sich die beiden Referate der Tagung. Auch die Kirchenrätin Cornelia Busenhart aus Schaffhausen setzte nicht bei Strukturen an, sondern bei Haltung und Glaubenskraft. Vertrauen schaffen. Zeit geben. Mitsprache ernst meinen. Nicht alles wissen, aber gemeinsam aufbrechen. „Wenn du ein Schiff bauen willst, lehre die Menschen die Sehnsucht nach dem Meer“, zitierte sie Saint-Exupéry. Kirche als Gewächshaus, nicht als Fabrik.

Das ist kein romantischer Traum. Es ist anspruchsvolle Arbeit an Kultur, Rollen und Machtfragen. Was gilt als professionell – und was als geistlich reif? Wie gehen wir mit Menschen um, die kompetent sind, aber kein kirchliches Diplom besitzen? Wie viel Steuerung braucht es, wie viel Freiheit erträgt Kirche? Und wie halten wir substanziellen Raum frei für Begleitung von Freiwilligen, wenn Ressourcen knapper werden?

Mutig zurück zu den Wurzeln

Vielleicht hilft hier ein Satz der badischen Landesbischöfin Heike Springhart:
„Wir dürfen nicht verlernen, Kirchenträume zu träumen. Sehr konkret und doch verrückt.“ Und die Ergänzung von Gerd Theissen: Solange die Kirche Träume hat, ist sie lebendig – auch wenn diese Träume innerhalb von Kirche und Theologie vehement bekämpft werden. In vielen Gesprächen wird immer wieder die Bereitschaft deutlich: Einander den Glauben zu glauben. Ein gemeinsames Suchen. Der Mut, zu lernen, während man geht. Die Einsicht, dass Kirche der Zukunft nicht die Kopie der Vergangenheit sein kann. Wir entwickeln uns von einer Volkskirche zur Diasporakirche, einer Minderheitskirche– und dürfen aus dieser ursprünglichen Position heraus neu Kirche sein. Dabei sitzt Gott am Steuer. Es ist seine Kirche. Wir dürfen vertrauensvoll mittun. Vielleicht beginnt genau hier das Los-lassen, das Gemeinden nicht schwächt, sondern stärkt.

Titelbild von istockphoto

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