Hängepartie

Hängepartie

VON Carla Böhnstedt

Veröffentlicht am: 11. September 20262,6 min Lesezeit527 WörterKategorien: Alle, Unterwegs, WildnisSchlagwörter: , , , , , , , , Aufrufe: 39

Von der Kunst, sich neu zu erfinden

Ich traue meinen Augen nicht, als ich um die Ecke biege und bremse abrupt ab. Was. Bitte. Ist. Das? Über mir hängt unvermittelt ein Nashorn in der Luft, 4m lang! An Stahlseilen befestigt, baumelt es zwischen Himmel und Erde. Dass sich diese Begegnung mitten im Zentrum der italienischen Kleinstadt Brescia ereignet, macht die Sache nur noch irritierender. Schließlich gehören europäische Fußgängerzonen nicht gerade zum natürlichen Lebensraum von Nashorn-Populationen.

Eine Kirche, die in der Luft hängt

Eine kurze Internet-Recherche später bin ich etwas schlauer: Die imposante Skulptur stammt vom italienischen Künstler Stefano Bombardieri und heißt „Il peso del tempo sospeso – Das Gewicht der schwebenden Zeit“. Sie erzählt von Unsicherheit, Orientierungslosigkeit und der Suche nach Halt in einer Welt, deren Gleichgewicht ins Wanken geraten ist. Aha!
Es geht also darum, Gewissheiten zu hinterfragen. Wir investieren viel Energie, um das Leben planbar zu machen: Karriere, Beziehungen, Zukunft. Und doch gibt es immer wieder Situationen, in denen uns Sicherheit und Planbarkeit aus den Händen gleiten.

„Wer Kirche gestalten will, braucht Mut zur Schwebe.“

Oft tragen auch wir ein „inneres Nashorn“ mit uns herum: Erwartungshaltungen, Erfahrungen, Erfolgsdruck. Aber: Was trägt mich, wenn der Boden unter den Füßen wankt und ich „in der Luft hänge“?

Irgendwann löse ich mich von diesem Anblick und schlendere weiter – doch das gewaltige Tier trottet noch lange durch meine Gedanken. Mir scheint, es ist irgendwie auch ein zwar unkonventionelles, aber pointiertes Kirchenbild unserer Zeit. Denn auch die Kirche fühlt sich manchmal zentnerschwer und ohne Bodenhaftung an. Sie baumelt zwischen Vergangenheit und Zukunft, Tradition und Transformation. Mitgliederzahlen sinken. Rollen verändern sich. Alte Sicherheiten tragen nicht mehr automatisch. Das fühlt sich für viele bedrohlich an. Aber vielleicht steckt genau darin eine Chance? Die Chance, eine Kirche zu werden, die weniger Schwere produziert als Leichtigkeit ermöglicht. Weniger Mauern verwaltet als Horizonte öffnet. Weniger fertige Antworten gibt als gute Fragen stellt. Weniger Konzepte schreibt als genau hinhört, was Menschen wirklich brauchen. Die loslässt, damit Neues wachsen kann.

Schließlich erzählt das Evangelium nicht von Menschen, die ihre Sicherheiten verteidigen. Sondern von Menschen, die aufbrechen: Von Fischern, die Netze liegen lassen. Abraham, der ohne Landkarte losgeht. Maria, die einem unmöglichen Versprechen vertraut. Glaube war nie Stillstand, sondern Bewegung. Aufbruch. Veränderung.

Eine Kirche, die sich bewegt

Das schwebende Nashorn erinnert mich daran: Wer Kirche gestalten will, braucht Mut zur Schwebe. Denn Innovation entsteht selten dort, wo alles festgezurrt und durchgeplant ist. Sie wächst dort, wo Menschen begeistert experimentieren, scheitern, neu anfangen: Sie machen Wohnzimmer zu Kirchenräumen. Segnen auf Marktplätzen. Feiern neue Rituale an ungewohnten Orten. Gründen digitale Gemeinschaften.

Vielleicht ist genau das heute der Auftrag der Kirche: nicht durch ihr Gewicht Eindruck zu machen, sondern durch ihre Beweglichkeit. Darauf zu vertrauen, dass Gottes Geist sogar Unbewegliche(s) in Bewegung bringen kann. Deshalb: Let’s fetz! Oder – um ein Zitat des ehemaligen Fußballers Lukas Podolski zu bemühen: „Jetzt müssen wir die Köpfe hochkrempeln. Und die Ärmel natürlich auch.“

Foto: Carla Böhnstedt

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