Wechselwirkungen erwünscht
Wechselwirkungen erwünscht
VON Carla Böhnstedt
Entdeckung in der Apotheke des Absurden oder warum das Leben keine Packungsbeilage hat
Zuerst latsche ich achtlos dran vorbei. In einer Krankenhausapotheke – auch wenn sie aus dem 17. Jahrhundert stammt und Teil eines Museumskomplexes ist – ist ein Verkaufsständer mit Medizinprodukten nicht zwingend ein Eye-Catcher. Aber diese bunten Pillen, Pflaster und Spritzen in kleinen Blisterpackungen in Retroästhetik haben es in sich. „Sei unsichtbar“ lese ich auf einer Verpackung. „Vertraue sofort auf das Gute im Menschen“ auf einer Weiteren. „Pillen für den schnellen Ruhm“ auf einer Dritten.
Zwischen heiligem Humor und kapitalistischer Kritik
Nun hat der eben noch unscheinbare Verkaufsständer meine volle Aufmerksamkeit und ein Schild an der Wand verrät: Ich bin unversehens in die fiktive Pharmafirma „Jesus Had A Sister Productions“ der kanadischen Künstlerin Dana Wyse gestolpert. Diese bietet schnelle Lösungen für die modernen Herausforderungen der Menschen: Pillen gegen Liebeskummer und Einsamkeit, Identitätsfragen und gesellschaftliche Erwartungen, Selbstzweifel und Sinnkrisen.
„Pillen gegen Liebeskummer und Einsamkeit, Identitätsfragen und gesellschaftliche Erwartungen, Selbstzweifel und Sinnkrisen.“
Was zunächst wie eine ironische Spielerei wirkt, ist ein radikales Gedankenexperiment über die Logik moderner Gesellschaften. Es analysiert menschliche Beziehungen und existentielle Sehnsüchte. Die bewusst überzeichneten, absurden Versprechen der bunten Wunderpillen spiegeln unser heutiges Streben nach schnellen Lösungen, unmittelbarer Wirkung, sofortiger Veränderung. Selbstoptimierung ist heute vielfach zum Lebensstil geworden, Glück zur Ware. Und so legt das Kunstprojekt den Finger auf die Wunde und bricht Denkgewohnheiten auf, denn diese Medizinprodukte sind keine Heilmittel. Sie sind Fragen, die einladen, innezuhalten und nachzudenken: über gesellschaftliche Normen, Individualismus, Anderssein. Über unsere Suche (Sucht?) nach Perfektion.
Kirche ein Andersort
Und auch ohne, dass ich eine dieser Tabletten eingenommen hätte, fangen sie an zu wirken und beflügeln meine Gedanken: ist das vielleicht eine wesentliche Aufgabe von Kirche heute: In einer Welt voller „Wundermittel“ ein Andersort zu sein. Denn Glauben bedeutet nicht, Antworten auf alles zu haben – sondern Raum zu öffnen für Fragen und existentielle Bedürfnisse. Ein Raum, in dem nicht Optimierung zählt, sondern Beziehung, Begegnung, Dialog. Ein Raum, der nicht vorgibt, das Leben zu lösen, sondern es gemeinsam zu deuten und miteinander zu gestalten. Ohne Dosierungsanleitung. Denn: Wechselwirkungen erwünscht. Dringend!
Titelbild von pexels, Beitragsbilder von Carla Böhnstedt
Ein Beitrag von
Carla Böhnstedt ist leidenschaftliche Großstadt-Liebhaberin, die vom Lebensgefühl der Hauptstadt nicht genug bekommen kann. Sie arbeitet als Pastoralreferentin für Citypastoral in Berlin-Mitte mit besonderer Passion für „urban churching“. Sie ist Mitglied im Sprecher:innen-Team des Netzwerks Citykirchenprojekte e.V., einem ökumenischen Zusammenschluss citypastoraler Initiativen und Einrichtungen aus Deutschland, Österreich, Frankreich und der Schweiz.

Die gute Seilschaft: hak’ Dich ein!
Dir gefällt BASECAMP?
Dann werde Teil unserer Community!
3E ist Basecamp zum Anfassen
Du hättest eines der Dossiers gerne im Printformat, du willst einen Stoß Magazine zum Auslegen in der Kirche oder zum Gespräch mit dem Kirchenvorstand? Dann bestell dir die entsprechenden Exemplare zum günstigen Mengenpreis!




