Wenn die letzte Messe gelesen ist …
Wenn die letzte Messe gelesen ist …
VON Rüdiger Jope
25.000 leere kirchliche Immobilien: Für manche ein Problem, für andere eine Chance. Bei churchability in Essen trafen Kirche, Politik und Immobilienwirtschaft aufeinander – zwischen Abschied, Renditedenken und der Frage: Was wird aus den Kirchen, wenn der Gottesdienst vorbei ist?
Das „Veni creator spiritus“ der A-cappella-Formation verhallt zwischen Säulen, die an Fördertürme erinnern. 140 Besucher:innen aus Politik, Kirche, Unternehmen und Zivilgesellschaft applaudieren ergriffen. Sie sind in der ehemaligen Heilig-Geist-Kirche in Essen, heute Kunstraum Heilig Geist am UNESCO-Welterbe Zollverein, zur Tagung churchability gekommen. Ihre Frage: Wie kann die Zukunft kirchlicher Immobilien aussehen? „Die Kirchen sind wichtige Orte des Gemeinwohls. Glück auf!“, beschließt Dr. Ecevit Agu, Leiter des Fachbereichs Immobilienwirtschaft der Stadtverwaltung Essen, seine Einführung.
Was tun mit leeren Gebäuden?
Doch mit guten Wünschen allein ist der Kirche nicht geholfen. Die Lage ist dramatisch: Rund 25.000 der etwa 70.000 kirchlichen Immobilien werden in Deutschland bis in die 2030er-Jahre leer stehen. Sie werden schlicht nicht mehr für gottesdienstliche und gemeinschaftliche Zwecke gebraucht. Der Elefant im Raum wird an diesem Tag klar benannt: Was tun mit all den übrigen Gebäuden?
Engagierte Streiter. Peter Köddermann, Geschäftsführer von Baukultur NRW: „Kirchen(räume) sind Chancenräume der Demokratie. Ihre Urbanität ist wahlentscheidend“.
Christina Hüls, Referentin für die Umnutzung kirchlicher Gebäude im Bistum Essen und Verantwortliche für den Tod und die Auferstehung der ehemaligen Bergarbeiterkirche, bleibt unerbittlich: „Was nicht beendet wird, kann nicht wirklich neu starten.“ Ihr Plädoyer für Exnovation, Trauern, Loslassen und neue Wege mündet in das Bibelwort: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“ (Hebräer 13,14).
Dann wird es inhaltstark. Peter Köddermann, Geschäftsführer von Baukultur NRW, verbindet Sachwissen mit Leidenschaft. Er positioniert sich zwischen Realisten und Moralisten – und fragt: Was macht eigentlich den Wesenskern von Kirche aus? Kirchen, so sein Befund, sind Orte der Erinnerungskultur, der Selbstreflexion, der Identität, der Hybridität, der Emotionalität und der Spiritualität. Für ihn gehören sie dorthin, wo sie schon immer hingehören: mitten in die Städte. „Kirchen(räume) sind Chancenräume der Demokratie. Ihre Urbanität ist wahlentscheidend“, sagt der Fachmann. Anschließend zeigt er gelungene Umnutzungsbeispiele – und schließt leicht provokant: Der Dialog zwischen den verschiedenen Akteuren sei in solchen Prozessen unumgänglich. Öffentliche und kirchliche Verwaltungen hätten hier noch Nachholbedarf. „Kirchentransformation ist eine Gemeinschaftsaufgabe.“
Chancenort Soziale Rendite
Jannika Lange vom Evangelischen Immobilienverband Deutschland kippt daraufhin ein wenig Wasser in den Wein des Vorredners. Kirche, so ihre Überzeugung, „muss mehr Mut beweisen, diese Veränderung auch zu wollen.“ Noch vielerorts, sagt sie, herrschten Scheuklappen. Wichtig sei es, die kirchliche DNA spürbar zu halten – etwa indem kirchlicher Wohnungsbau wirtschaftlichen Erfolg mit sozialem Auftrag verbindet.
„Kirchen(räume) sind Chancenräume der Demokratie. Ihre Urbanität ist wahlentscheidend.“
Dann tritt Georg Charlier vor den Beichtstuhl. Sacko statt Pullover, Lackschuhe statt Turnschuhe. Seine Schritte hallen eilig durchs Kirchenschiff. Der Immobilienmanager von JLL verordnet den Anwesenden eine kleine Nachhilfe in Welt- und Betriebswirtschaft. Es fallen Sätze wie „Lage, Lage, Lage“ und „Kapital sucht Rendite“. Charlier kippt das Glas mit dem verdünnten Wein kurzerhand aus: Für klassische Investoren spielten kirchliche Immobilien kaum eine Rolle – zu kleinteilig, zu kompliziert, zu abgelegen. Ganz schwarz will er dann aber doch nicht enden: „Kirchliche Immobilien haben eine Chance in kooperativer Quartiersentwicklung, dort, wo soziale Rendite an Bedeutung gewinnt.“ Immerhin ein Hoffnungsschimmer.
Zwischen Mittagessen, Vertiefungen in Kleingruppen und Workshops spreche ich mit Helmut Ramsauer, dem Verantwortlichen der Tagung. Er ist überzeugt: Immobilien müssen mehr leisten, als nur eine Gebäudefunktion zu erfüllen. Sie müssen Akteure vernetzen, Begegnung ermöglichen, Gemeinschaften stärken und Innovationsnutzen schaffen. Dafür brauchen sie eine überzeugende „Place-to-be“-Identität. Ramsauer bringt genau diese Akteure zusammen. „Kirche muss aus den Mitteln, die sie hat, mehr machen!“ Für ihn ist der Tag ein Erfolg, wenn der Dialog zwischen verschiedenen Akteuren in Gang kommt, damit die Wolkenkuckucksheime Erdung bekommen und aus Altlasten Hoffnungsorte für die Gesellschaft werden.
Aller Anfang ist schwer
Am Nachmittag bricht das Sonnenlicht durch die Scheiben der ehemaligen St. Heilig-Geist-Kirche. Das „Komm, Schöpfer Geist“ der Eröffnung hallt noch immer zwischen den Dachträgern nach. Churchability steht nicht für das Ende, sondern für einen Anfang. Direkt in Sichtweite liegt die Zeche Zollverein: einst Kohleförderanlage, heute Industriedenkmal, Kulturort, Ort der Begegnung und der Ideen. Ähnliches Potenzial schlummert noch in vielen Kirchen. Sie suchen eine neue Bestimmung – und ein Anfang ist gemacht. Im Immobilienherbst der Kirche.
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Fotos: Rüdiger Jope
Ein Beitrag von
Rüdiger Jope (Jg. 1969) ist gebürtiger Sachse, aufgewachsener Hesse, eingeheirateter Schwabe und heimatgewordener Westfale. Der gelernte Werkzeugmacher, studierte Theologe und Sozialpädagoge verantwortet als Chefredakteur im SCM Bundes-Verlag das Kirchenmagazin 3E und das Männermagazin MOVO „Was Männer bewegt. Was Männer bewegen“. Der Freizeitläufer lebt zusammen mit seiner Frau Ingrid und den zwei Kindern in Wetter/Ruhr.

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