Mut zu wilden Pflänzchen: Warum unsere Kirchengärten weniger Rasen und mehr Unkraut brauchen

Mut zu wilden Pflänzchen: Warum unsere Kirchengärten weniger Rasen und mehr Unkraut brauchen

VON Tobi Wörner

Veröffentlicht am: 9. Oktober 20262,9 min Lesezeit575 WörterKategorien: Alle, Dossiers, PionierInnensein, Unterwegs, WildnisSchlagwörter: , , , , , , , , Aufrufe: 44

Es war einmal eine Gärtnerin. Sie hatte einen großen schönen wohl organisierten Garten. Viele leuchtend grüne gleichförmige Grashalme standen in der Mitte darin. Dazu außen herum eine ordentliche Anzahl an Sonderpflanzen, Projektblumen und Dauerblühern.

Die Gärtnerin war stolz auf ihren Garten. Er hatte die vergangenen Jahrhunderte hübsch geblüht. Die Menschen freuten sich über den Anblick und die guten Auswirkungen, die die Pflanzen hervorbrachten: Luft zum Aufatmen, Schönheit für die Welt, Nahrung für Bedürftige, immer eine gute Botschaft. Alles in allem: ein echter Segen.

Trockenheit im Kirchengarten

Allerdings war in den letzten Jahren etwas Besorgniserregendes geschehen: Das Wasser wurde knapper! Irgendwie wollte der dicke lila Gartenschlauch nicht mehr die benötigte Menge liefern. Es wurde für die Gärtnerin immer schwerer, alle Pflanzen ausreichend zu bewässern. Einige ließen schon die Köpfe hängen und verloren an Farbe. Manchmal wusste die Gärtnerin gar nicht mehr, was zuerst da war. Der Wassermangel oder die miese Stimmung unter den Pflanzen. Die Gärtnerin war betrübt.

Die miese Aussicht auf noch weniger Wasser in den kommenden Jahren tat ihr Übriges. Sie steuerte perspektivisch auf den gefühlten Kahlschlag zu. Die Gärtnerin sorgte sich – obwohl doch ihre ureigene Bestimmung eigentlich war, Leben zu fördern und neu aufblühen zu lassen. Die Gärtnerin entschied sich dazu, einige Pflanzen des Gartens aufzugeben. Es tat weh – einmal holte sie sogar die laute Kettensäge raus und fällte den sehr großen alten Baum, der schon seit einiger Zeit keine Früchte mehr trug. Sie trauerte – aber mutig schnitt sie zurück. Und siehe da: Das Wasser reichte.

Die immer weniger werdenden, aber stabilen Grashalme konnte sie ausreichend bewässern, genauso wie einige ganz neue Pflänzchen, die wild und schön wuchsen. Diese wurden für sie zu einer unbekannten neuen Form von Garten – mitten im Garten.

„Im großen Gartenwandel braucht es Abschied, Neubeginn und vor allem Bewässerung für frische ungewohnte Setzlinge.“

Diese jungen Pflänzchen waren oft kleiner, wilder und brauchten auch nicht viel anordnenden Maßnahmen der Gärtnerin. Sie brauchten nur Liebe und Zuneigung und etwas Platz im Garten. Diese jungen Wilden beschützte die Gärtnerin ganz besonders.

Vielfalt im Kirchengarten

Eines schönen Herbsttages saß die Gärtnerin im Liegestuhl und merkte zufrieden: Der Garten wurde kleiner, aber er wurde auch diverser. Er verband nun sehr gut die Traditionen und die Innovationen. Die Stimmung der Pflanzen hob sich und auch der Gärtnerin entwich ein zartes Lächeln. Sie hatte gelernt: Im großen Gartenwandel braucht es Abschied, Neubeginn und vor allem Bewässerung für frische ungewohnte Setzlinge. Leise hörte man die Gärtnerin die Melodie eines Liedes vor sich hin summen: „Wir pflügen, und wir streuen den Samen auf das Land, doch Wachstum und Gedeihen steht in des Himmels Hand.“

Mein Traum ist es, dass wir in der Kirche etwas von der Mentalität der Gärtnerin leben. Dass wir mehr riskieren und probieren. Dass wir Dinge lassen und Sachen auch mal anders machen. Dass wir Menschen ermutigen mit Freiraum, Freimut und Freibudget. Lasst uns nicht darauf warten, bis sich am System etwas ändert. Lasst uns nicht warten, bis der Letzte den Schlauch abdreht. Sei mutiger Kirche. Heute. Jetzt. Da, wo wir gerade gärtnern. Und was pflanzt ihr so?

Titelbild: pexels

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