Status: Wanderprediger

Status: Wanderprediger

VON Tanja Kasischke

Veröffentlicht am: 5. November 20265,3 min Lesezeit1018 WörterKategorien: Alle, GefährtInnen, UnterwegsSchlagwörter: , , , , , , , , , , Aufrufe: 11

Back to the roots ist Holger Gerhard seit sechs Monaten „Vanlife-Pastor“ in Südbrandenburg und Sachsen. Manchmal bringen Kurven seinen Zeitplan in Verzögerung. Dafür merkt er: „Die Menschen hier interessiert, was Christen denken.“

Der Kleiderschrank tarnt sich als Beifahrersitz. „Hat sich so ergeben“, schiebt Holger Gerhard mit einem entschuldigenden Grinsen nach, während er einen Stapel Trekkingsachen in den Wohnbereich seines Vans verlagert, dann einmal mit der flachen Hand über die Sitzfläche fegt. Fertig ist der Sessel mit verstellbarer Lehne und unverstelltem Panoramablick, an diesem Nachmittag jedoch nicht in die landschaftliche Weite der Lausitz, sondern auf den Senftenberger Bahnhof. Gerhard hat sein Wohnmobil zuvor aus der Werkstatt geholt. Das Batterie für die Innenraumbeleuchtung muckte, und nun, Anfang Oktober, sind die Tage wieder kürzer und Licht abends nötig. Der Van ist beides, mobiler Arbeitsplatz und Wohnstätte des Geistlichen. Seit April 2026 ist Holger Gerhard „Vanlife-Pastor“ des evangelischen Gemeinschaftsverbands Sachsen-Anhalt.

Kirche auf vier Rädern

Aufsuchend Kirche sein, nahe bei den Menschen, das ist die eine Botschaft seiner Stelle. Bewegt(e) Gemeinde sein, die sich in Zeiten knapper werdender Ressourcen neu erfindet, die andere. Anders als die Landeskirchen finanziert der Gemeinschaftsverband Sachsen-Anhalt, der zum Gnadau-Netzwerk gehört, seine Arbeit aus Spenden. Drei landeskirchliche Gemeinschaften teilen sich den Pastor, weil jede für sich die Kosten einer eigenen Stelle nicht schultern könnte. Stattdessen investierten sie in ein Experiment von missionarischem Aufbruch. Zusätzlich interessant macht die Aufgabe ihre geografische Lage. Von Lauchhammer nach Torgau sind es 65 Kilometer, eine knappe Stunde Fahrweg von Brandenburg über die Landesgrenze nach Sachsen. Elsterwerda liegt dazwischen, noch im Brandenburgischen. Sitz des Gemeinschaftsverbands ist Sachsen-Anhalt, der Pastoren-Van ist deshalb in Dessau zugelassen. Die kommunalen Unterschiede fallen landeskirchlich weg, alle Orte sind Teil der Evangelischen Kirche Mitteldeutschland. Für die guten Beziehungen dorthin spricht, dass das auf drei Jahre angelegte Projekt Vanlife-Pastor seit Mai EKM-Erprobungsraum ist.

Raus aus der Komfortzone

Drei Jahre lang den festen Wohnsitz aufzugeben und in ein Wohnmobil zu ziehen, die Jobbeschreibung ließ Holger Gerhard vorigen Herbst aufhorchen. „Das fand ich eine starke Stelle – für einen jüngeren Menschen“, betont der Theologe, Jahrgang 1978. Sich selbst sah er anfangs also nicht am Steuer des Vans. Stattdessen hielt ihn Gott auf Kurs, anders kann Gerhard es sich nicht erklären, dass ihn das Vorhaben nicht losgelassen habe. „Ich bin sonst eher jemand, der auf sichere Strukturen setzt. Wenn du weißt, wo du hintrittst, wo dein Fuß aufkommt.“ Die Ausschreibung „war ein komplettes Sich einlassen“. Ein Raus-aus-der-Komfortzone. Ein Ruf, den er vernahm: „Holger, geh’ los!“ Für die Bewerbung sprach, dass Holger Gerhard nach zehn Jahren im Pfarramt in Kiel ohnehin an Wechsel dachte, und dass der 48-Jährige ungebunden ist. „Mit Familie wäre das nicht ohne Weiteres gegangen“, weiß er. Ende Februar räumte er seine Pfarrwohnung, lagerte die Möbel bei Verwandten in Westfalen ein und bezog den Van. Status: Wanderprediger.

„Drei Jahre lang den festen Wohnsitz aufzugeben und in ein Wohnmobil zu ziehen, die Jobbeschreibung ließ Holger Gerhard aufhorchen.“

„Back to the roots“, sieht er sich. Dort, wo Kirche herkommt. „Es ist ein anderes Leben.“ Kein Tag verlaufe wie der davor. Die Anfahrt zu Terminen dauere oft doppelt so lange wie zu Zeiten mit fester Adresse. Bevor der Vanlife-Pastor aufbricht, muss er sein Vanlife dingfest machen; aufräumen vom Espressokocher bis zur Bibel, „sonst fliegen die Sachen in Kurve eins schon durch die Gegend“. Davon ausgenommen: der Talar. Den hat Holger Gerhard nicht. Zur Predigt trägt er, was der Kleiderschrank auf der Beifahrerseite hergibt. Direkt hinter Fahrer- und Beifahrersitz befinden sich (Ess-)Tisch und eine weitere Sitzbank, links ist die Küchenzeile, gegenüber das Bad. Hinter einer Schiebetür sind Dusche und WC, die Kabine fungiert als Raumteiler hin zum Bett. „Ich habe mehrere Anlaufstellen für Frischwasser“ zählt er auf, „sowie Orte, um die Toilette zu entleeren.“ Die Logistik hat er sich in den zurückliegenden Monaten draufgeschafft. Die Gemeinden stellen private Stellplätze für die Nacht, wenn der Zeitplan doch mal dichter ist, Gottesdienste oder andere Veranstaltungen kurz aufeinanderfolgen. In Torgau ist Holger Gerhard in den Konfirmandenunterricht eingestiegen, in Elsterwerda fährt er zum regelmäßigen Bibelgespräch, alles indoor, in Gemeinderäumen. Das Evangelium wird – vorläufig – noch nicht als eVANgelium am Wohnmobil verkündigt.

Als Kirche Gesicht zeigen im ländlichen Raum

Dafür klappt die Seelsorge to go gut: Mit Menschen, die auf ihn zukommen, weil sie über den Schriftzug „Vanlife-Pastor“ außen am Wohnmobil gestolpert und neugierig sind, oder weil sie ihn vom Hörensagen kennen. Als Gesicht einer Kirche, die Beziehung stiftet im ländlichen Raum zwischen Südbrandenburg und Nordsachsen. Die Glauben aussät. An der Elbe habe er einmal den Van abgestellt, um ein wenig spazieren gehen wollen, da passte ihn ein älterer Herr ab und rief freudestrahlend: „Ich habe dafür gebetet, dass ich Sie treffe.“ Anderntags, am Rande eines Wäldchens, luden ihn zwei Männer ein, deren Grundstück an den Parkplatz grenzte. Beide ohne Kirchenbezug, aber Gott und der Welt zugeneigt. „Sie reichten mir ein Bier über die Hecke und dann haben wir bis Mitternacht geredet. Für solche Begegnungen feiere ich die Stelle. Dass Menschen hier interessiert, was Christen denken.“ Auch interessant: Auf Campingplätzen waren solche Gespräche seltener, hat er beobachtet.

Und der Vanlife-Blues? Gab es einen Moment, in dem Holger Gerhard ans Aufgeben dachte? „Nie“, antwortet er, wissend, dass sein erstes halbes Jahr im Amt Sommer war, meist schönes Wetter und das Ankommen im neuen Wirkungsfeld leicht. Herausfordernd sei nur, die Grenze zwischen Arbeitstag und Feierabend zu ziehen, „weil beides so ineinanderfließt im Van. Alltagsbewegung einzubauen, fällt schwer. In der Wohnung steht man vom Schreibtisch auf und holt sich einen Kaffee aus der Küche“. Im Wohnmobil lehnt sich der Pastor vom Tisch rüber zur Küchenzeile. Aufstehen muss er nicht. Später am Tag angelt er sich den Teller mit dem Abendessen und streamt zum Tagesausklang eine Serie, liest oder „sieht fern“, hier: in die Weite der Landschaft.

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