Fünf Brote, zwei Fische

Fünf Brote, zwei Fische

VON Rüdiger Jope

Veröffentlicht am: 12. Oktober 20263,4 min Lesezeit658 WörterKategorien: Alle, Unterwegs, WanderroutenSchlagwörter: , , , , , , , Aufrufe: 26

Sonntagnachmittag, Duft von frisch gemahlenem Kaffee und hausgemachtem Kuchen. In Willich ist das Café „wert.voll“ mehr als ein Treffpunkt – es ist ein Ort, an dem Einsamkeit verschwindet und Gemeinschaft entsteht.

„Schön, dass du da bist, Renate“, klingt es vom Nachbartisch. „Was darf ich dir bringen?“
„Habt ihr wieder die leckere Grillage-Torte?“ „Ja!“ „Dann nehme ich davon gerne ein Stück und eine hausgemachte Holunderblüten-Limonade.“

Ein Sonntagnachmittag in Willich. Ich sitze im Café „wert.voll – Gutes für dich“. Mir gegenüber: Gabriele Schmöckel. Die heute 68-Jährige erzählt, dass sie eigentlich nie ein Café haben wollte. Im September 2016 fangen sie und ihr Mann an, jeden Abend nach der Tagesschau zu beten – für eine Gemeinde in Willich. Zur inneren Vorbildgeschichte wird für sie die Speisung der 5.000. „Fünf Fischbrötchen hatten wir ja“, lacht sie. Es entsteht ein Hauskreis, der sich dem Westdeutschen Gemeinschaftsverband anschließt. Energisch schiebt Gabriele nach: „Doch wir wollten kein Wohnzimmerclub werden!“

Das Wunder vom Niederrhein

In einem Café fangen sie mit Gottesdiensten an. Dann kommt Corona. Die Besitzerin verkündet: „Einen zweiten Lockdown überlebe ich nicht.“ Der Lockdown kommt – und plötzlich steht die Frage im Raum: Kann Jesus aus fünf Broten und zwei Fischen auch am Niederrhein ein Wunder tun? Er kann. Gabriele und einige Mitstreiter lassen sich auf das Wagnis ein. Sie mieten die Lokalität an. Das Café wird zur Begegnungsstätte „wert.voll“ – einem Ort, wo sich Himmel und Erde berühren und Menschen Gottes Liebe erfahren und weitertragen. Jeden Sonntag ab 14:30 Uhr öffnen sich die Türen. Die Inneneinrichtung, der leckere Cappuccino und ein Stück frischer Apfelstreuselkuchen lassen mich schmecken: Schönheit und Willkommenskultur sind hier eine Herzensangelegenheit. Thermoskannen gehören hier nicht auf den Tisch.

„Schönheit und Willkommenskultur sind hier eine Herzensangelegenheit.“

Das „wert.voll“ ist nicht nur ein normales Café, sondern auch ein Ort gegen Einsamkeit. Erstaunlich viele Verwitwete und Alleinlebende lassen sich sonntags hier blicken, „denn hier ist immer jemand zum Quatschen, hier wirst du auch in den Arm genommen“, erzählt Gabriele. Da ist Dirk. Nach dem Tod seiner Frau zog er sich in seine vier Wände zurück. Nur der Hund trieb ihn noch raus auf die Straße. Ein heftiger Gewitterregen lässt ihn vor dem „wert.voll“ Unterschlupf suchen. Gabriele bittet ihn rein. Inzwischen ist er Stammgast, Teil der „Familie wert.voll“. „Gott vertraut uns hier Menschen an“, sagt die 68-Jährige und begrüßt die Dame am Nachbartisch: „Unsere nächste Urlauberin ist wieder da. Wie geht’s dir?“
Horst-Peter erklärt mir das Konzept: „Fünf Brote, zwei Fische!“ Soeben haben sie einen Zehnjahres-Mietvertrag abgeschlossen. Alles spendenfinanziert. Alles ehrenamtlich. Und immer mit dem Fokus auf der „Kultur der Ermöglichung“. Ins „wert.voll“ kann man sich und seine Ideen einbringen. Hier ist Platz für Männerkochkurse, Mundorgel-Singrunden, Spinnen und Stricken, lange Spieleabende. Vor der Eingangstür: eine Geocaching-Box.

 

Gottes Liebe schmecken

„Herzlich willkommen, was kann ich Ihnen Gutes tun?“, fragt Sabrina einen Neuankömmling.
„Ich nehme ein Stück von der Grillage-Torte…“ Im „wert.voll“ wird vieles ausprobiert. Eine feste Größe ist jedoch: „Menschen sollen hier Gottes Liebe fühlen, sehen, schmecken und hören“, so die Initiatorin. Dafür bieten sie samstags mit „Time to Talk“ ein Gespräch über Gott und die Welt an. Jedes zweite Wochenende wird ein Stehtisch vor der Theke zum Altar. An den Tischen sitzend feiern sie Gottesdienst und lassen diesen mit einem Mitbring-Büfett ausklingen.

Kaffeelöffel klimpern. Vielfältiges Stimmengewirr. Das Mahlen von Kaffeebohnen. Die Kühlung summt. Stühle rücken. Ich schaue in glückliche Gesichter. Gabriele drückt mir zum Abschied die Hand und sagt: „Gott vertraut uns Menschen an. Wir geben ihnen und Gott Raum im wert.voll“. Ich spüre: Aus fünf Fischbrötchen wird viel, wenn Christen Anfangen Menschen und ihr Umfeld zu lieben.

Fotos: Rüdiger Jope

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